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Dein Geschichtspodcast mit Daniel und Solveig

FG057 - Johann Joachim Winckelmann

14.08.2025 136 min

Zusammenfassung & Show Notes

Wir knüpfen nochmals an unsere Folge über Glanz und Elend der Aufklärung an und blicken genauer auf das Leben eines Mannes, auf dessen Anschauung der griechischen Antike die Epoche des Klassizismus gründete: Johann Joachim Winckelmann, Begründer der modernen Kunstgeschichte und Wegbereiter der Klassischen Archäologie. Dabei kommt es Winckelmann darauf an, das Empfinden von Schönheit vernunftmäßig zu begründen und scheint in seinen Arbeiten seine eigene Vorliebe für jugendliche männliche Körper durch. 

Von Stendal über Nöthnitz nach Dresden

1717 in Stendal geboren, entkommt Winckelmann seinen bescheidenen Herkunftsverhältnissen durch Bildung und Ehrgeiz. Eine entscheidende Etappe ist seine Zeit als Bibliothekar beim Grafen Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden. Dort hat er Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek und vertieft sein Wissen über die Antike. Später wechselt er nach Dresden, wo die dortigen Kunstsammlungen – besonders die Antiken – seinen Sinn für klassische Formen schärfen und zu seiner ersten Veröffentlichung führen. Der päpstliche Nuntius in Dresden, Alberico Achinto, verschafft Winckelmann die Kontakte für eine Anstellung in Rom.

Konversion und Karriere in Rom

Um in Rom überhaupt eine Anstellung zu erlangen, konvertiert Winckelmann 1754 zum Katholizismus. Er arbeitet schließlich für den einflussreichen Kardinal Alessandro Albani, der eine bedeutende Antikensammlung besitzt. Ein weiterer wichtiger Kontakt ist der englische Agent und Antikenkenner Baron Philipp von Stosch, dessen Sammlung von Gemmen und Skulpturen Winckelmann katalogisiert.

„Edle Einfalt und stille Größe“

Der Kern von Winckelmanns Ideal: Die antike Kunst – insbesondere die griechische Skulptur – verkörpere „edle Einfalt und stille Größe“. Winckelmann war überzeugt, dass die griechischen Künstler eine perfekte Balance zwischen Natürlichkeit und idealisierter Form gefunden hatten. Insbesondere der Apoll von Belvedere oder die Laokoon-Gruppe dienten ihm als Leitbilder. 

Die Ästhetik des Körpers – und Winckelmanns eigene Vorlieben

Winckelmann schwärmte vor allem von männlichen Körpern – nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive. Seine homosexuelle Orientierung, die in seiner Zeit nicht nur gesellschaftlich tabuisiert, sondern kriminalisiert war, schwang in seiner Bevorzugung antiker männlicher Heldendarstellungen immer mit. In der Folge liest Daniel ausführlich aus der berühmten Beschreibung des Torso vom Belvedere – ein Text, in dem Winckelmanns sinnliche, ja fast erotische Begeisterung für den männlichen Körper deutlich wird. Hier zeigt sich, wie sehr seine persönliche Orientierung sein Verständnis antiker Kunstwerke prägte. 

Archäologie als Wissenschaft

Neben seiner Rolle als Kunsttheoretiker legte Winckelmann auch methodische Grundlagen für die Archäologie. Er war einer der Ersten, der Funde nicht nur sammelte, sondern systematisch beschrieb, datierte und in einen historischen Kontext einordnete. Seine Berichte über Ausgrabungen in Herkulaneum und Pompeji machten die antike Welt für ein breites Publikum lebendig.

Ein tragisches Ende

Winckelmanns Leben endete abrupt: 1768 wurde er von Francesco Archangeli in Triest ermordet – vermutlich in einem Raubmord. Die Hintergründe sind bis heute nicht ganz geklärt und bieten Stoff für Spekulationen zwischen Kriminalgeschichte und Historiendrama. Dieser Geschichte folgen wir in unserem NACHKLAPP zu dieser Folge.

Winckelmanns Erbe

Ob als „Vater der Archäologie“ oder als stilprägender Kunsttheoretiker – Winckelmanns Einfluss reicht bis heute in Kunstgeschichte, Museumswesen und die europäische Ästhetik-Debatte. Seine Ideen prägten nicht nur Generationen von Wissenschaftlern, sondern auch Künstler wie Anton Raphael Mengs und Angelika Kaufmann, Johannes Wiedewelt und Bertel Thorvaldsen, Goethe und Herder. Winkelmann wurde zum Propheten des Klassizismus.


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Transkript

Wir sprechen heute über Schönheit, aber du bist nicht gemeint.
Solveig
00:00:06
Hätte mich jetzt auch gewundert.
Daniel
00:00:08
Denn ich habe niemals so hohe Schönheiten in dem schwachen Geschlechter als in dem unsrigen gesehen, Solveig. Was hat denn das Weib Schönes, was wir nicht auch haben? Denn eine schöne Brust ist von kurzer Dauer. Und die Natur hat dieses Teil nicht zur Schönheit, sondern zur Erziehung der Kinder gemacht. Und in dieser Absicht kann es nicht schön bleiben. Die Schönheit ist sogar den Männern noch im Alter eigen. Und man kann von vielen alten Männern sagen, dass sie schön sind. Aber niemand hat eben dieses von einer alten Frau gesagt. Hallo Solveig.
Solveig
00:01:05
Hallo Daniel.
Daniel
00:01:06
Schön, dass du da bist und dass wir über ein schönes Thema sprechen. Und das waren natürlich nicht meine Worte, denn du bist eine ganz besonders schöne Frau. Ich möchte mich nicht über deine Brust äußern oder sie mit meiner vergleichen, aber davon abgesehen auf jeden Fall. Nur der Mann, von dem dieses Zitat stammt, der hat halt einen besonderen Fokus, sagen wir es mal so.
Solveig
00:01:29
Der war nicht an mir interessiert.
Daniel
00:01:31
Das sowieso nicht. Du bist auch nicht alt genug dafür und nicht aus Marmor gehauen. Es ist ein Mann, den ihr alle, und damit begrüße ich euch natürlich auch alle, schön, dass ihr uns hört, den ihr alle womöglich schon kennengelernt habt in der großen Folge dieses Jahres, was die Solberg hier abgeliefert hat, dass wir nämlich über die Aufklärung gesprochen haben. Und da hast du sogar ein Winkelmann-Zitat gebracht. Und wir haben ihn, abgesehen von der Aussage, die du, glaube ich, eher kritisch beurteiltest, auch mit der Auswirkung auf die Wahrnehmung der Antike und dass das vielleicht in die falsche Richtung abgedriftet ist dann. Davon abgesehen haben wir ihn ja gerühmt als den Begründer der modernen Kunstgeschichte und Archäologie. Und ohne Zweifel handelt es sich um eine berühmte Person bei diesem Johann Joachim Winkelmann oder kurz Jojo. So ist er mir nämlich bei meinem Ausflug in Stendal begegnet, in der sogenannten Kinderspur, in der Ausstellung. An der Stelle, wo einstmals sein Geburtshaus stand und vielleicht haben einige das auch bei Instagram gesehen, dass ich mich dort aufgehalten habe, einen Samstag lang. Aber erstmal, du bist nicht nur heute einfach so wieder hier, sondern du bist jetzt wieder hier.
Solveig
00:02:48
Das Exil ist vorbei. Das Exil ist vorbei. rüber. Das macht ja ein Exil aus, dass man irgendwann auch wieder zurückkehren darf.
Daniel
00:02:57
Und eigentlich hatte ich, wann immer du da bist, das Gefühl, dass du den Tag kaum erwarten kannst, an dem du wieder zurückkehrtest und kaum warst du hier, warst du traurig, weil du das westfälische Exil plötzlich vermisstest.
Solveig
00:03:08
Ja, aber so ist das nun mal, wenn man alles Neue macht, mir erst mal Angst. Und neue Dinge, ich mag Veränderung nicht und es gibt ja dieses schöne Sprichwort, lieber den Teufel, den man kennt, als was Neues ausprobieren.
Daniel
00:03:21
Aber du kennst uns doch.
Solveig
00:03:22
Ja, aber Es haben sich ein paar Dinge neue ergeben und da musste ich mich erstmal dran gewöhnen.
Daniel
00:03:29
Du meinst damit natürlich deinen professionellen Brot.
Solveig
00:03:32
Genau, meine berufliche. Ich bin ja jetzt wieder, ich stehe ja jetzt auch hier in Lohn und Brot, Gott sei Dank. Und wenn es mal so ist, wenn man einen neuen Job beginnt, neuer Ort, neue Leute, da muss man sich erstmal reinfinden. Und ich neige dann dazu, die alten Dinge zu romantisieren. beziehungsweise es war ja nicht alles schlecht, nicht wahr? Und, ähm.
Daniel
00:03:55
Womöglich kannst du uns demnächst ja nochmal ein bisschen erzählen über diese westfälische Metropole und was sie besonders auszeichnet.
Solveig
00:04:01
Wofür sie besonders bekannt ist.
Daniel
00:04:03
Jetzt mit einem gewissen Abstand.
Solveig
00:04:05
Genau, das können wir dann gerne machen. Auf jeden Fall musste ich mich da erstmal wieder reinfinden und umgewöhnen und das ist jetzt passiert und jetzt bin ich sehr gerne wieder da.
Daniel
00:04:14
Sehr schön. Es gibt auf jeden Fall noch eine andere große Neuigkeit, nämlich James hat das Abitur bestanden. Herzlichen Glück von James. Trotz Prokrastination mit Flur von Geschichte kann man das Abitur bestehen. Und er wird jetzt das Lehramtsstudium in Angriff nehmen. Und hoffentlich die ganzen neuen Generationen, die da kommen, für Geschichte begeistern. Und für die Antike womöglich.
Solveig
00:04:38
Die ist ja nicht so Lehrplan relevant.
Daniel
00:04:41
Nur diese verquere Vorstellung von Demokratie, die es da angeblich gab. Da hast du uns ja in der Aufklärungsfolge auch einiges vielleicht zurechtgerückt. Inwiefern man das überhaupt sagen kann. Und außerdem hat uns zu einiger Zeit auch noch Stefan geschrieben. Hallo Stefan.
Solveig
00:04:55
Hallo.
Daniel
00:04:56
Und der war zumindest damals, das ist jetzt auch schon eine Weile her, war auch dabei, sich durch diverse Folgen zu bingen und hatte in seiner letzten E-Mail nochmal erwähnt, dass er Maria Carolina köstlich findet und neapolitanische Musik als Ohrwurm behalten hatte eine Weile. Und eigentlich ist ja auch Sommer. Und im Sommer hatten wir so eine halbe Tradition. Wir gehen nach Neapel. Und ursprünglich hatte ich auch die Idee, wir beschäftigen uns nochmal mit einer Person, die wir bei Maria Carolina schon kennengelernt hatten. Und jetzt habe ich einfach auch mal das Programm über den Haufen geworfen. Wieder inspiriert eben durch die Aufklärungsfolge, weil zwar der Name Winkelmann mir was sagte und auch vage. was es mit dem auf sich haben könnte. Aber ich wollte es gerne mehr wissen und auch so ein paar Gerüchte klären, die sich um ihn ranken, warum er sich so für diese insbesondere männlichen Marmorstatuen interessiert hat. Und deswegen wollte ich unbedingt jetzt den Winkelmann mir nochmal genauer angucken.
Solveig
00:05:56
Hat ja auch ein bisschen was mit Italien zu tun.
Daniel
00:05:59
Der wird nämlich auch sich dahin aufmachen und sich natürlich auch in der Apel aufhalten. Insofern wird er einfach subsummiert in diese Tradition. Und in die heilige Stadt fährt er auch, insofern spielen auch Kardinäle eine Rolle heute.
Solveig
00:06:11
Ja, dann passt alles.
Daniel
00:06:12
Da haben wir auch ein bisschen heiliges Jahr nach wie vor mit drin. Zunächst aber in diesem Sommer ist es nicht Neapel im Zentrum, sondern Winkelmann ist eigentlich nirgendwo hingeboren und ist auch in keine Familie geboren, wo man davon ausgehen könnte, dass er irgendwann einmal Präfekt der römischen Altertümer werden könnte. Ich habe es schon verraten, wo ich war, nämlich eben im Museum in Stendal.
Solveig
00:06:35
Ist jetzt auch kein Ort, den kennt man vielleicht.
Daniel
00:06:37
Man muss sagen, wo das liegt. Also gut, die Leute, die hier in Berlin und Umgebung sind, die werden es schon mal gehört haben. Oder wenn man irgendwie mit dem Intercity unterwegs ist oder ICE, dann wundert man sich, wieso der da anhält. Mitten im doch eher mäßig besiedelten Teilen Deutschlands, in der Altmark, die heute zu Sachsen-Anhalt zählt. Also durchaus eine Perle, ein sehr schönes Städtchen. Also es lohnt sich da auszusteigen und einfach mal spazieren zu gehen. Das sind schöne, alte, große Kirchen. Leider zurzeit wird eine mit tollen, bunten, mittelalterlichen Glasfenstern renoviert. Sieht man nicht so viel mehr von. Aber man kann eben das Winkelmann-Museum besuchen. Und natürlich, wir sprachen schon davon, dass du ja jetzt einer Erwerbstätigkeit nachgehen musst. Und ich musste mir auch Literatur besorgen und wie immer. ist da Geld hineingeflossen. Das mussten wir aber eigentlich gar nicht mehr selber bezahlen, weil es immer mehr Menschen gibt unter euch, denen Flur von Geschichte so sehr am Herzen liegt, dass sie uns gerne, dauerhaft und immer wieder unterstützen. Und das ist natürlich in allererster Linie Christina.
Solveig
00:07:40
Ja.
Daniel
00:07:41
Dann ist dabei Steffi, Sophie und Christoph. Und Tobias, Beate und Sarah Solveig. Und Charlotte ist dabei und Noemi, Henrike und Stefan. Vielen Dank für eure Hilfe. Und Aisha, Isabella, Silvia, Emma und Kuffi. Die Namen habt ihr schon einmal gehört. Und sogar die Jesuiten konnten ein paar Kollekten einsammeln sozusagen. Das heißt, neun unserer Runde sind Maike, Marte, Jojo und Cornelia. Außerdem Anne, Vera, Dennis, Eva und Roland. Und jetzt kurz bevor wir die Aufnahme gestartet haben, ist auch noch Caroline dazugekommen. und über Kofi haben wir uns noch Inci, ich weiß nicht, wie man dich ausspricht, entschuldige bitte, und Caroline uns auch unterstützt. Vielen, vielen Dank dafür. Wir sind schon längst über das angegebene Ziel bei Steady hinausgeschossen, das quasi so die Basis ist, um unsere regelmäßigen Ausgaben zu decken. Aber ich habe ja dieses gar nicht so geheime Ziel, ja, Solveig davon abzubringen, irgendwann wieder Vollzeit zu arbeiten und sich vielleicht mit einer, Halbtagsstelle zufrieden zu geben, du hast selbst mal gesagt, das könntest du dir vorstellen, um Flurfunkgeschichte, um dieses Podcast zu willen, auf Einkünfte zu verzichten und uns vielleicht mehr Folgen zu kredenzen. Aber natürlich sollst du nicht verzichten auf Einkünfte, sondern dank euch sind wir vielleicht irgendwann bei diesem Ziel, dass du da einfach kündigen kannst. Und letztes Mal haben wir auch gesagt, das Beste ist überhaupt, man gibt Geld, Cash auf die Hand. Hier, deine Auszahlung. Ich habe jetzt nicht abgerechnet, das machen wir später. Danke an euch alle.
Solveig
00:09:22
Dass ihr uns so wertschätzt.
Daniel
00:09:24
Und für euch wird es natürlich wie immer dann auch nochmal einen kleinen Nachklapp zu dieser Folge geben. Das wird heute nämlich True Crime. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch sind wir in Stendal und zwar im Jahr 1717. Und ich hatte ja schon deutlich gemacht, dass du in der Aufklärungsfolge mit Winkelmann warst. Den findest du eigentlich gar nicht so doll.
Solveig
00:09:45
Nein.
Daniel
00:09:46
Nee, warum nicht? Kannst du nochmal in einem Satz zusammenfassen? was dein Problem ist.
Solveig
00:09:50
Weil sie seinetwegen angefangen haben, bemalte Statuen abzuwaschen.
Daniel
00:09:55
Das werde ich heute ganz klar in Frage stellen. Vielleicht sind die Auswirkungen aber noch darüber hinaus durchaus spürbar. Der ganze Klassizismus, der sich auf seinen Ideen da aufbaut, mehr oder weniger. Dass es zu weiß wurde. Mhm. Und schön. Ja, du bist nicht alleine mit dieser kritischen Haltung. Es gibt eine prominente Figur, wo mir die Ohren geschlackert sind, als ich gelesen habe, was er über Winkelmann und den Klassizismus in Deutschland schreibt. Es handelt sich um Egon Friedell. Den kennst du vielleicht. Er hat ein monumentales Werk geschrieben, das mehrere Bände umfasst und dann gerne als ein dickes Buch bei Beck verlegt wird. Die Kulturgeschichte der Neuzeit ist zwischen 1927 und 1931 entstanden. Das heißt, auch hier haben wir einen Begründer, in dem Fall eigentlich der Kulturgeschichte. Eine neue Sichtweise, wie man Geschichte darstellen könnte. Und sein Kapitel über Klassizismus beginnt folgendermaßen. Mittwoch, den 24. September 1755, bestieg ein hochgewachsener, schon ein wenig eltlich aussehender Herr von olivenfarbigem Teint, hastigen und schwerfälligen Bewegungen und gelehrten Gesichtsausdruck in Dresden die Extrapost, um sich über Bayern und Tirol nach Italien zu begeben. Am 18. November fuhr er durch die Porta del Popolo in Rom ein und nahm damit gewissermaßen die ewige Stadt in Besitz. Dieser Herr war der preußische Literator Johann Joachim Winkelmann, verfasser einer in Fachkreisen eher beifällig aufgenommenen kleinen Kunstabhandlung über die Nachahmung griechischer Werke. Und dieser Alpenübergang und Einzug in Rom war eine der denkwürdigsten Tatsachen der neueren Kulturhistorie, ebenso bedeutsam für die Geschichte der deutschen Kunst und Literatur, wie es die Romfahrten der Staufer für die Geschichte der deutschen Politik und Religion gewesen waren. Das ist krass, da klingelt es, die Staufer. Das war hier öfter schon mal ein Thema. Da bist du schon skeptisch. Aber wir bleiben mal bei seiner Einschätzung. Und er sagt, und zugleich der Ausgangspunkt der verhängnisvollsten Verirrungen des deutschen Geistes, die diesen viele Jahrzehnte lang beherrscht und in höchst eigentümlicher Weise von seiner normalen Entwicklungsbahn abgelenkt hat. Oder meinst du der Winkelmann?
Solveig
00:12:14
Der vielleicht auch nicht.
Daniel
00:12:15
Es geht so ein bisschen, dass der Klassizismus natürlich alles erfunden ist.
Solveig
00:12:18
Das klingt so nach vor undeutsch. Das ist so ein bisschen das.
Daniel
00:12:20
Worauf er hinaus möchte. Das ist noch nicht alles. Ich nehme noch einen Abschnitt mit dazu. Einfach, weil es so eindrücklich ist. Winkelmann war von Beruf Archäolog, Historiker, Philolog, Ästhetiker, Kritiker und Philosoph, Museumsdirektor, Archivar und Bibliotheker, Dragoman, Cicerone und Connoisseur. In Wirklichkeit aber nie etwas anderes als das, womit er seine wissenschaftliche Laufbahn begonnen hatte, nämlich Rektor und Pädagog. Er ist einer der gewaltigsten Schulmeister gewesen, die das deutsche Volk und die Welt gehabt hat und einer der verschrobensten. Wie alle geborenen Magister sehr nützlich durch die Fülle und Eindringlichkeit seiner Belehrung und sehr schädlich durch ihre verfälschende Einseitigkeit und eigensinnige Dogmatik.
Solveig
00:13:01
Ich möchte auch Ästhet von Beruf sein.
Daniel
00:13:04
Und möchtest du auch verschrien sein als verschroben und verfälschendes einseitig und dogmatisch?
Solveig
00:13:12
Ja, wenn ich es war.
Daniel
00:13:14
Also, ich sehe schon. Du würdest dich mit Herrn Friedell wahrscheinlich besser verstehen als mit mir.
Solveig
00:13:19
Naja, wenn es wahr ist, dann muss man die Wahrheit sagen.
Daniel
00:13:23
Wir haben hier einen offensichtlich sehr bedeutsamen Menschen vor uns, dessen Alpenübergang hier mit den Staufern gleichgesetzt wird. und gleichzeitig wird er dann kleingemacht und zum verschrobenen Schulmeister zusammengeschrumpft, der mit seiner Dogmatik uns in die falsche Richtung gelenkt hat.
Solveig
00:13:39
Du musst dir ja immer erst mal, wenn du eine neue Idee hast, musst du ja erst mal erklären, warum die Ideen vorher alle scheiße waren.
Daniel
00:13:45
Aber wie kommt dieser Mann aus dem altmärkischen Stendal nach Rom?
Solveig
00:13:51
Mit der Kutsche?
Daniel
00:13:52
Das ist noch ein bisschen längerer Weg.
Solveig
00:13:54
Mit dem Zug?
Daniel
00:13:55
Ein jahrzehntelanger Weg, der dazwischen liegt, um als Sohn eines Schuhmachers überhaupt in die Nähe so einer Postkutsche zu geraten. Die meisten Wege, das darf ich jetzt vielleicht schon sagen, wird er tatsächlich auch noch bis ins gesetztere Alter zu Fuß zurücklegen. Vor allem solange er sich eben keine Postkutsche leisten kann, macht er alle Wege wirklich zu Fuß. Ja und er ist das einzige Kind dieses Schusters, Martin Winkelmann und seiner Frau und wird am 9. Dezember 1717 eben in Stendal geboren. Und es gibt in Stendhal interessanterweise 59 Schuster in diesem kleinen Städtchen, was wohl damit zu tun hat, dass da viele Soldaten untergebracht sind, die irgendwie... denen die Schuhe besohlt werden müssen oder die Stiefel vielmehr, aber weil es so viele sind, haben die auch jeweils dann sehr wenig davon. Also wirklich richtig verdienen kann man damit nichts. Die kriegen halt so gerade so ihr eines Kind durch und es wird dann eben auch noch relativ schnell klar, dass der mit Schuhen nicht so viel anfangen kann.
Solveig
00:14:54
Ist nicht schön genug.
Daniel
00:14:55
Der will ständig lesen und interessiert sich irgendwie für komische Sachen und dann sagt man halt, okay, der Jojo, der muss in die Schule gehen. Und ja, wo gibt es Schulen? In Stendal, bei der Kirche. Also in der ehemaligen Klosterkirche gibt es da eine Lateinschule und das ist aber auch nicht gratis. Also der kann da zwar sein Zimmerchen mit seinen Kollegen zusammen und der kriegt halt den Unterricht, aber dafür muss er auch blechen. Und das machen die in dieser Schule so, dass da die minder Bemittelten, was die finanziellen Güter angeht, halt in einem Chor singen für vermögende Bürger der Stadt oder bei kirchlichen Festen. Und dafür kriegen sie dann Spenden und davon bestreiten sie ihren Unterhalt, während sie dort ihre Grundausbildung absolvieren. Und damit das irgendwie besser läuft und er ein bisschen freier denken kann und offenbar eben auch sein Talent, das er hat, zur Geltung bringen kann, versucht der Vater eben auch noch Stipendien zu bekommen von den Ratsherren. Und das sind jetzt etwas merkwürdige Texte, aber ich finde die einfach so schön. Ich liebe diese Sprache aus dem 18. Jahrhundert, jetzt noch Anfang des 18. Jahrhunderts und die Vorstellung, dass da der Schuhmacher Martin Winkelmann so sehr sich wünscht, dass sein Kind auf die Schule geht und richtige Bücher kriegt. dass er hier wahrscheinlich nicht ganz alleine einen Text formuliert hat. Es hat der gütige Gott, meinem Sohne Johann Joachim Winkelmann, ein fähiges Ingenium und Lust zum Studieren gegeben, wie alle Herren Präzeptores, die Lehrer, in der hiesigen Schule jederzeit bezeuget haben und sonderlich aus beikommendem Zeugnis des Herren Rektores zu ersehen. Ob ich nun wohl nebst meiner Frauen oft uns bemüht haben, ihn vom Studium abzuziehen und zu überreden, ein Handwerk zu lernen, so ist er doch bei seinem Vorhaben beständig geblieben und hat im Bücherlesen und im Schreiben alle Zeit fleißig bewiesen. Weil aber unsere Armut und Invermögen notorisch ist und wir keinen Pfennig wissen, womit wir einmal könnten zur Hilfe kommen, dass er auf einer Universität seine Studie absolvieren könne, so nehmen wir unsere Zuflucht zu Gott und unseren hochgeärtesten Herren gehorsamst, Bittende und Flehende. Sie wollen geruhen, diesen unseren Sohn unter ihre Stipendiaten hochgeneigt aufzunehmen und ihm, wenn er nach Gottes Willen leben und nach einigen Jahren auf einer Universität sich begeben würde, das rathäusliche Stipendium konferieren. Ich werde mit meiner Frau und meinem Sohne nicht unterlassen, den großen Gott um Vergeltung anzuflehen, der ich mit untertänigem Respekt verharre. Hochgelehrte und hochweise Herren, hochgeehrteste Herren und hochgeneigte Patroni, ihnen allerseits gehorsamster Bürger und Knecht, Martin Winkelmann. Hat auch ein bisschen was bekommen, scheinbar. Nicht im ersten Anlauf. Aber ein bisschen Hilfe gibt es. Und vor allem kommt eine Hilfe dann aber von dem Rektor dieser Lateinschule, der eben sieht, dass der Winkelmann der Jojo irgendwie Talent hat und gerne liest und gut lesen kann. Und als der Rektor Esaias Wilhelm Tappert dann zusehends erblindet, bittet er den Winkelmann für ihn vorzulesen. Und dann gehört er da zu den privilegierten Schülern an der Lateinschule. Und er liest eben nicht nur dem Tapat vor, sondern er hat jetzt auch die Zugriff und die Kontrolle über die Schulbibliothek.
Solveig
00:18:08
Das ist ein Schrank.
Daniel
00:18:09
Wo ein paar Bücher stehen. So ein bisschen was auf Latein, so ein paar Klassiker. und der neu eröffnete Adelige Ritterplatz. Heißt der Titel eines Buches, das damals erschienen ist und den jungen, hochgestellteren Herren eigentlich erklären soll, wie man ein adeliger Ritter sein soll. Und da muss man fechten können, da muss man reiten können, da muss man jagen können. Und interessanterweise gab es darin auch ein Kapitel über das Beurteilen und Sammeln von Münzen und modernen Medaillen. Denn so wird Antike vermittelt. Man guckt sich Münzen an. Das ist so ein Ding, also ich finde ja, es ist auch immer lustig, welche Euro-Münzen ich im Portemonnaie habe und freue mich, wenn da ein selteneres Land dabei ist. Aber so diese numismatischen Sammlungen, von denen wir auch hier in Berlin was haben, die finde ich immer sehr, wie ich mir vorstelle, mein ganzes Antiken-Unterricht findet anhand von so Münzdarstellungen statt und Vergleichen von Münzen.
Solveig
00:19:10
Aber vielleicht sind es ja auch Medaillen, die sind dann ja auch gerne mal nachgemacht.
Daniel
00:19:14
Moderne Darstellung. Sind aber auch nicht interessanter.
Solveig
00:19:16
Ja, aber so hast du wenigstens eine Ahnung, wie Alexander der Große ausgesehen hat.
Daniel
00:19:21
So hat, ich nenne ihn jetzt so lange noch kleines Jojo weiterhin.
Solveig
00:19:25
Ich finde, wir sollten ihn immer Jojo nennen.
Daniel
00:19:27
Vielleicht ist das komisch für Jojo, der uns zuhört.
Solveig
00:19:29
Da muss der mit leben.
Daniel
00:19:31
Das ist nur die eine Folge, dann ist er wieder weg. Ja, auf jeden Fall, Jojo hat da offenbar seinen Spaß dran gehabt, sich vor allem dieses Kapitel auch anzugucken. Jagen kann ich mir nicht vorstellen, dass ihn das Berta bewegt hat. Aber der Vergleich von Münzen und Medaillen, ja, das war sehr spannend.
Solveig
00:19:45
Wissen die nicht auch schwimmen lernen?
Daniel
00:19:46
Das ist jetzt hier, zumindest hat es kein eigenes Kapitel gehabt. Vielleicht ist es bei Reiten mit subsummiert, falls das Pferd mal ins Wasser geht.
Solveig
00:19:54
Das war im Mittelalter nämlich wichtig. War immer dabei, Reiten, Fechten und Schwimmen. Und Lesen.
Daniel
00:20:01
Und Medaillen vergleichen.
Solveig
00:20:02
Ja, das haben sie damals nicht gemacht.
Daniel
00:20:04
Aber um 1700. Also so weit sind wir schon. Und dann ist dem Rektor Tappert natürlich auch klar, der Junge, der hat ausgelernt in Steindal. Wir müssen den irgendwo anders hinbringen. Und 1735 kommt Jojo tatsächlich auf das Kölnische Gymnasium in Berlin. Und zwar, nachdem er jetzt dort in Stendal immerhin Latein gelernt hat, soll er in Berlin jetzt ordentlich Griechisch lernen. Und da schreibt Tappert auch nochmal eine schöne Empfehlung für ein Bücherstipendium. Wann ich nun nach dem heiligsten Gesetz der Wahrheit nicht anders zeugen kann, als dass dieser arme Schüler nicht allein zum Studieren sehr kapabel sein, sondern auch in Humanioribus so gute Progressen getan habe, dass er schon tüchtig wäre, eine Akademie zu besuchen. Als bitte selbst für mich sowohl als diese arme Leute, diesem meinen gewissenhaften Attestator-Glauben beim zu messen und diesen gedachten armen Schüler das Legatum der Viertaler vor allen anderen hoch geneigt zu konferieren, ich versichere, dass dieses geschenkte Geld zu nichts anderes als zu nötigen Büchern werde angewendet werden, weil dieser Jüngling eher sollte Rock und Wams fahren lassen, als ein gutes Buch entbehren. Wie ich ihn dann in den dreien Jahren darinnen er bei mir formuliert hat, wohl ausgeprüfet habe. Mein Gott, was für eine Sprache. Da ist auch viel Latein drin. Ich weiß nicht, was man für Vitaler, wie viele Bücher man kriegt.
Solveig
00:21:24
Das weiß ich auch nicht.
Daniel
00:21:25
Aber auf jeden Fall, der gibt lieber sein letztes Hemd, als auf ein Buch zu verzichten. Der hat es verdient. Gebt ihm bitte ein bisschen Geld, damit er Bücher kriegt. Und in Berlin läuft es eigentlich so ähnlich wie in Stendhal. er kommt bei dem Rektor unter, Und gut, von den vier Talern, das reicht nicht, aber er beaufsichtigt, unterrichtet quasi die kleinen Kinder des Rektors, so als großer Schüler, darf er dann sich um die Kleinen kümmern und das ist dann quasi so sein Brotverdienst, beziehungsweise damit bezahlte, seine Unterkunft in Berlin und bleibt da allerdings nur zwei Jahre, wechselt dann nach Salzwedel, weil da der griechische Unterricht offenbar besser ist als in Berlin.
Solveig
00:22:00
Tja gut.
Daniel
00:22:00
Vielleicht haben die noch mehr Bücher. Und bei seinem Abgang notiert dann der Rektor quasi ins Klassenbuch Homo vagus et inconstans. Du Lateinerin, was sagt das über den Jojo aus? Vagus et inconstans. Also ihr kennt vielleicht das Wort von Vagabund und Vagabundieren.
Solveig
00:22:16
Ich kenne jetzt nur den Vagusnerv.
Daniel
00:22:18
Achso. Es wird übersetzt als umherschweifend und unbeständig.
Solveig
00:22:24
Ja, also inconstans hätte ich. Und Vargus war jetzt auch, das ist so der Nerv, der dafür da ist, dass du dich entspannst und so. Deswegen dachte ich, vielleicht ist das...
Daniel
00:22:31
Also der hat so eine Spezialbegrabung, würde ich mal sagen, für Griechisch und Latein und alles, was damit zusammenhängt. Und ansonsten wahrscheinlich so ein kleines Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vielleicht, wenn man das so übersetzen könnte. Aber immerhin, bei den Griechen, da kann es gar nicht genug sein. Und 1738 kommt er zum Studium nach Halle. Ja, und jetzt ist ja das Geld immer noch ein Problem. Und eigentlich, wenn man sich nichts leisten kann, dann gibt es nur eine Sache, die man studieren kann.
Solveig
00:22:59
Theologie?
Daniel
00:22:59
Ja, denn da gibt es Geld von der Kirche. Also Theologie.
Solveig
00:23:04
Aber hat ja auch ein bisschen was mit Griechen zu tun.
Daniel
00:23:07
Ist aber schon klar, dass er eigentlich nicht Pfarrer werden will. Und dann bleibt wieder nur was anderes, nämlich Hauslehrer oder Hofmeister, wie das damals heißt. Und das heißt, er muss sich dann umgucken, wo irgendeine begütete Familie jemanden sucht, der ihre Kinder zu Hause unterrichtet und findet dann eine Stelle in Hatmasleben bei Magdeburg. Wir sind also immer noch in der Altmar, noch nicht so richtig im Nabel der Welt.
Solveig
00:23:31
Kurz in Berlin.
Daniel
00:23:32
Ja, kurz in Berlin. Gut, damals jetzt auch nicht so die Strahle der Metropole. Aber immerhin, ja, die haben natürlich ein bisschen mehr Kontakte. Und da sieht man ein bisschen mehr so von Leuten, die nach Berlin kommen und die Welt nach Berlin bringen.
Solveig
00:23:45
Ist die Welt schon auf dem Weg nach Berlin 1730?
Daniel
00:23:49
Das ist noch der Soldatenkönig wahrscheinlich. Der gibt für sowas kein Geld aus. Der schafft nur Soldaten und lange Kerls ran.
Solveig
00:23:56
Ich habe auch irgendwie letztens gelesen, dass die Schulen in Berlin auch nicht so doll waren.
Daniel
00:24:00
Ja, womöglich ist er deswegen nach Salzwedel gewechselt, weil der Rektor da einfach besser gekriegt konnte. Auf jeden Fall, jetzt ist ein Hatmersleben, da gibt es eine Domäne, der Oberamtmann Lamprecht möchte für seinen Sohn Peter, ein Lehrer. Der Peter Lamprecht, der soll jetzt mal was Anständiges lernen hier. Mach, was der Lehrer sagt. Der bleibt aber, also jetzt müsste man schon sagen, der Winkelmann, bleibt da gar nicht so lange. Komischerweise fragt er dann den Oberamtmann, ob er nicht den Sohn mitnehmen kann an seine nächste Stelle. Er wird nämlich dann Konrektor der Lateinschule in Seehausen. Noch zu einer Metropole der Altmark. So Richtung Wittenberg ist das dann. Ja, interessant. Warum nimmt er den Peter Lamprecht unbedingt mit? Der ist 15 Jahre alt und den muss er irgendwie mögen.
Solveig
00:24:51
Der ist so guter Lateinschüler.
Daniel
00:24:54
Er hat so toll Griechisch gelernt, auf meinem Schoß womöglich. Später wird er diese Jahre vielleicht nicht so sehr in Hatmas leben, sondern vor allem das, was jetzt kommt, nämlich die Lateinschule in Seehausen bei Wittenberge, die Jahre der Knechtschaft. nennen.
Solveig
00:25:14
Weil er den Peter nicht mitnehmen darf?
Daniel
00:25:15
Doch, der darf den Peter mitnehmen. Allerdings, das ist halt eine Lateinschule, das heißt, er ist ständig irgendwie, und er ist ja Theologe, auch wenn er keinen richtigen Abschluss dann hingekriegt hat. Aber es dreht sich natürlich alles auch um die geistliche Welt. Und das heißt, es gibt sehr lange Predigten, er sitzt sehr lange in der Kirche rum und hat dann aber seine Lateinbücher in der Kirchenbank quasi, den Ovid oder was auch immer.
Solveig
00:25:38
Ich würde mal sagen, den Ovid und den Vergile.
Daniel
00:25:39
Ja, oder die Oden des Anakrion. Kennst du die?
Solveig
00:25:42
Nein.
Daniel
00:25:42
Nee, ich auch nicht. Das muss ich jetzt ehrlich gesagt dazu sagen. Also ich habe es ja schon oft gestanden, dass ich so völlig humanistisch ungebildet bin und weder von Griechen noch von Römern noch sonst irgendwie eine Ahnung habe und diese Sprache noch nicht beherrsche. Und ich musste auch feststellen, jetzt bei der Lektüre, das interessiert mich alles nicht. Das ist mir alles zu viel. Das ist dann so ein Name-Dropping oft. Also wer von euch Bescheid weiß, er liest die Oden des Anakrion. Male mir den Batyllos. Das ist eigentlich mehr oder weniger ein Liebesgedicht von einem Mann an einem Mann. Das liest er da, während er in der Kirchenbank sitzt und an seinen 15-jährigen Schüler Peter aus Hatmas Leben denkt. Nee, der sitzt da oben in seinem Zimmer wahrscheinlich und wartet, dass der Lehrer wieder zurückkommt. Außerdem liest er Pierre Bail, das ist eigentlich ein Franzose, deswegen bin ich nicht ganz sicher, wie man diesen Namen jetzt richtig aussprechen müsste. Der hat schon Ende des 17. Jahrhunderts das historische und kritische Wörterbuch verfasst. Das kommt aber erst 1741 dann im deutschsprachigen Raum heraus. Und das arbeitet er jetzt durch, das gibt es da in der Lateinschule. Da wird nämlich sehr kritisch umgegangen mit diesen ganzen lateinischen Machenschaften und griechischen vor allem. Und der Anakrion, den er da in der Kirchenbank liest, der wird, oder dessen Liebe zu dem Batylus, da gibt es einen Eintrag in diesem Wörterbuch und das heißt Anakreons Liebe gegen den Batyllos ist eine offenbare Kinderschänderei. Aber das sind die Texte, die Winkelmann besonders ansprechen. Und deswegen guckt er offensichtlich, welche Werke in diesem Wörterbuch noch besonders verdammt werden als schädlich und streicht die sich richtig an. Das brauche ich, das brauche ich und das brauche ich. Das ist der Katul, der Petronius, der Ovid, der Marzial und der Horaz. Kannst du etwas dazu sagen, warum er die aussucht. Und ich habe keine Ahnung, welche anderen er dann nicht nimmt, die vielleicht nicht so entspannt sind.
Solveig
00:27:34
Ich kenne die jetzt auch nicht. Ich kann die nicht aus dem Kopf wörtlich zitieren, aber ich weiß, ich habe einem Freund vor einer Weile ein Buch geschenkt, Ich weiß gar nicht mehr, wie das hieß, aber da waren eben so gesammelte Texte zur queeren Geschichte, zur Homosexualität in der Geschichte und da war Catull auch dabei und der hat irgendwie auch nochmal so Gedichte an den Knaben oder irgendwie so geschrieben. Deswegen überrascht mich das jetzt nicht, dass der da auftaucht und die anderen haben wahrscheinlich auch, also Ovid mit seinen Liebesgeschichten und seinen Metamorphosen, da kommen auch öfter mal gleichgeschlechtliche Beziehungen vor, vornehmlich zwischen Männern, weniger zwischen Frauen.
Daniel
00:28:13
Also auf jeden Fall ist das so seine Leseliste.
Solveig
00:28:16
Genau, wenn man da so interessiert ist.
Daniel
00:28:17
Dann findet man das. Und er liest. Und was ich wirklich krass finde und was ich immer so gar nicht kann, weswegen ich jedes Mal vor einer Folge, die ich verantworte, in Stress gerate, er exerpiert dann auch. Also er schreibt sich was raus von dem, was er liest. Und zwar alleine in dieser Zeit scheinbar in Seehausen 700 Seiten. Also ganze Zitate natürlich. Gut, wenn er kein Geld hat, um sich Bücher zu kaufen.
Solveig
00:28:40
Ich meine, es ist jetzt auch die Frage, wie groß seine Handschrift ist.
Daniel
00:28:43
Ja, aber trotzdem finde ich schon bemerkenswert. Also 700 Seiten mal eben so Notizen und Zitate aus den Werken. Aber dann hat man natürlich auch immer das quasi so gewissbereit. Ich weiß, das sind die Sachen, die ich mag. Da möchte ich gerne nochmal nachlesen. Genau und interessanterweise werden natürlich in dem Wörterbuch, damit das ein bisschen verschämt ist, werden die unflätigen Sachen, die unschönen, die unchristlichen, werden alle in Latein belassen. Also ich habe ein deutsches Buch vor mir, wo aber irgendwie jedes dritte Wort Latein ist. Das ist natürlich auch ein großer Motivator für Herrn Winkelmann, da sein Vokabular nochmal auf das wissenschaftliche Niveau zu heben und noch ein paar neue zusätzliche Wörter zu lernen und versucht natürlich, das seinem Schüler dann auch beizubringen. So seine eigenen Versionen nochmal von Ovid. So für Lehrer, Schüler, dass man parallel lesen kann und so.
Solveig
00:29:34
Nee, also in der christlichen Lateinschule kriegst du auch bestimmte lateinische Wörter nicht beigebracht.
Daniel
00:29:40
Achso.
Solveig
00:29:41
Nee, die brauchst du ja nicht.
Daniel
00:29:42
Das ist ja pfui.
Solveig
00:29:44
Die sind nicht notwendig. Du sollst ja nur die Bibel verstehen.
Daniel
00:29:47
Ja, und ich habe hier nochmal einen Eintrag zu Achilles. Der war ja auch schon mal Thema in unserem Podcast. Womöglich die, die schon länger dabei sind oder letztens gebinged haben, kennen diese Geschichte von Achilles und wie hieß der andere? Patroklos, um den er so lange getrauert hat.
Solveig
00:30:04
Intensiv vor allem. Lange nicht mal, aber intensiv.
Daniel
00:30:07
Achso, okay. Oder so. Ja, und dieses Wörterbuch beschreibt das Ganze dann folgendermaßen.
Solveig
00:30:14
Aber ich meine, da ist Winkelmann ja in seiner Achillesbegeisterung nicht alleine. Da gab es einige große Personen. Also Elisabeth von Österreich, großer Achilles-Fan.
Daniel
00:30:23
Ist ja ein bisschen später.
Solveig
00:30:24
Ist ein bisschen später. Alexander der Große sah sich als neuer Achilles und sein Freund als Patroklos. Es sind einige, welche wollen, dass Troilus des Priamussohn unter den Umarmungen des geilen Achilles erstickt und tot geblieben sei, als er ihn mit Gewalt schänden wollte und bei demselben allzu starken Widerstand fand. Allein vornehmlich hat man gegen den Patroklos der Zärtlichkeit des Achilles eine strafbare Auslegung gegeben. Was soll ich von den zwei Versen des 43. Singedichtes des 11. Buchs des Martial sagen?
Daniel
00:30:58
So, kannst du kurz sagen, was da drinsteht?
Solveig
00:31:00
Briseus multum quam vis avica jacret, e kidige proprio levis amicus erat.
Daniel
00:31:07
Schau einfach mal auf der nächsten Seite nochmal. Weil dann gibt es nochmal einen Auszug zu dem Artikel bezüglich Anakrion.
Solveig
00:31:14
Wenn er nicht allen Abscheu verdient, den ein christlicher Poet in diesem Falle verdiente, weil man diese Art der Liebe mit keinerlei solchen Schande belegte als in den Ländern der Christenheit, so muss die Verstockung seiner Zeit für ihn bezahlen. Ich will sagen, dass der Unwillen der Leser bei allem demjenigen auf diese Zeit fallen muss, was man nicht einer jeden Privatperson aufbürden darf.
Daniel
00:31:35
Genau, das heißt, ich weiß nicht, was Geilheit auf Latein heißt. Hast du nicht gelernt.
Solveig
00:31:40
Das habe ich nicht gelernt.
Daniel
00:31:41
Da bin ich dabei. So, das kann man aber bei Winkelmann lernen, wenn man da sein Privatschüler ist in der Lateinschule. Aber offenbar hat der Vater Lamprecht da irgendwie Verdacht geschöpft, dass da mehr Interesse dran sein könnte, als dem Sohn nur Bildung zu vermitteln. Und deswegen zieht er den ab. Peter, komm nach Hause.
Solveig
00:32:00
Ist vielleicht auch besser.
Daniel
00:32:01
Für ein Internat, da kannst du auch was lernen. Ohne, dass sich der Onkel auf den Schoß nimmt.
Solveig
00:32:06
Mit Gleichaltrigen.
Daniel
00:32:07
Ja, weil der Peter, da ist auch eigentlich relativ klar, also man weiß es nicht so genau. Es gibt nur Briefe von Winkelmann an Peter, aber die Antworten sind offenbar verschütt. Das heißt, wie der Peter sich jetzt genau verhalten hat, ist nicht so klar, ob der da drauf eingegangen ist. Und der Verdacht wäre jedenfalls berechtigt, denn Winkelmann war da schon recht intensiv, auch gefühlsmäßig daran beteiligt. an dieser ganzen Geschichte. Und das kann man auch an einem Brief ablesen, den er eben an den Peter geschrieben hat. Und das würde ich dir jetzt auch nochmal wieder verantworten. Ich hatte mir überlegt, wenn Winkelmann einen Brief schreibt, dann bist du das. Und wenn er ein Buch schreibt, dann bin ich das. Wenn er von der Schönheit spricht, dann mache ich das selber.
Solveig
00:32:52
Mit was für Zärtlichkeiten soll ich doch deine angenehmen Zeilen beantworten? Ad ot oppresset ad pectus. Ach, könntest du sehen, was in meiner Seele vorgeht? Allerliebster Bruder soll es Leben und Ehre gelten. Mein Herz würde sie für dein Heil aufopfern. Man müsste der Welt solche Freude zum Muster vorstellen. Der Himmel muss uns Gutes tun um unsere Redlichkeit. Ach, sehst du doch, welch Anblick ich biete, da ich dieses schreibe. Von Tränen entstellt wie Dido. Nun erkenne ich die Stärke der Liebe, aber vielleicht kann niemand mehr einen Freund so herzlich und sehnlich lieben. Mein einziger Trost in meiner Verlassenheit ist, dass ich etwas in mir befinden muss, das mich so fest mit dir verbindet. Dieses muss das Einzige sein, was sich Großes bei mir befindet. Ich werde dich lieben, solange ich lebe und ersterbe. Lieb, lieb.
Daniel
00:33:44
Ich finde es schon krass, wenn ich mir vorstelle, ich bin 15 oder vielleicht 16 Jahre alt und ich kriege so einen Brief.
Solveig
00:33:49
Vom Lehrer.
Daniel
00:33:50
Vom Lehrer, ja gut, der wird ja schon wissen, da wird ja was gelaufen sein vorher. Wir wissen nicht genau was.
Solveig
00:33:56
Also er presst seine lieben Worte an seine Brust.
Daniel
00:33:59
Es würde mich ein wenig überfordern, glaube ich. Wobei gut, als Teenager ist man natürlich auch ganz so sehr emotional.
Solveig
00:34:06
Aber es ist trotzdem überfordernd. Selbst wenn man das auch fühlt, ist es überfordernd.
Daniel
00:34:12
Und selbst wenn man den Brief auf Latein kriegt.
Solveig
00:34:15
Warte kurz, ich muss kurz nochmal in meinem Vokabelbuch nachgucken.
Daniel
00:34:18
Damit der Papa den nicht abfängt und nachliest, was da drin steht. Du kannst das Buch gleich behalten, denn jetzt ist zwar der Lamprecht weg, aber er kriegt einen neuen Pensionär, um den er sich zu kümmern hat. Das ist der Friedrich Ulrich Arved von Bülow, ein großer Familienname.
Solveig
00:34:32
Aber ist der aus der Familie?
Daniel
00:34:33
Davon gehe ich schwer aus. Also ich glaube nicht, dass es mehrere von Bülow, also Zweige der Familie sicherlich. Und mit wem der jetzt genau verwandt war, ob mit dem Reichskanzler oder Loriot, das kann ich dir nicht sagen. Auf jeden Fall gehören sie irgendwie zusammen. Und er ist zwar traurig, dass der Lamprecht weg ist, aber er versucht es halt beim nächsten. Der hat aber auch kein Interesse und geht dann auch los und heiratet. Oder hat er jedenfalls eine Freundin und das ist natürlich auch traurig und dem schreibt er aber auch gleich nochmal hinterher.
Solveig
00:35:00
Ihr gütiger Brief hat mich entzückt. Er ist glänzend formuliert und wird für immer aufgehoben werden, als das genaue Abbild ihrer Begabung und ihrer Zärtlichkeit. Glückselig, wer sie genießen kann. Ich bestehe nicht länger auf meinen alten Rechten, den sie als schöner junger Mann sollen freie Wahl haben. Ich werde mich in ein dumpfes Schweigen hüllen und mich freimachen von einer Passion, die meiner Seele ihre Ruhe genommen hat. Einer Leidenschaft, die ich zum einzigen Gegenstand meines Forschens machen werde und die mir nie aus dem Blick kommen wird. Niemand wird mich davon abbringen. Da die Natur mich nicht dazu gemacht hat, geliebt zu werden, wie ich es wünschte, und da mein Unstern mich abzieht von meinen Freunden, will ich gegen des Dranges meines Herzens nicht länger auf Freundschaft hoffen und dies vielmehr für eine Wahnidee halten. Die eine Genugtuung kann ich Ihnen geben, da ich niemals mehr mit irgendjemandem eine enge Verbindung eingehen werde. Meine ganze Passion soll sich zusammenziehen in der Erinnerung an unsere Freundschaft, die ich aufgebaut habe und an der mir unendlich viel lag. Dabei wollen wir es jetzt belassen. Je suis monsieur votre ami passionné, Winkelmann. Als ob.
Daniel
00:36:07
Als ob.
Solveig
00:36:09
Als ob er nie wieder irgendwen anders angucken wird.
Daniel
00:36:11
Ja, er hat jetzt eine Passion entdeckt. Er lenkt quasi seinen Trieb in die Wissenschaft. Also in die frühe Wissenschaft. Also auf den Marmor. Auf die Antike. Da geht das jetzt alles rein. Das ist so, jetzt wird er keusch und wird all seine Energie... dorthin lenken und etwas Neues schaffen. Und dafür muss er aber raus aus Seehausen.
Solveig
00:36:35
Ja, da gibt es ja keine.
Daniel
00:36:37
Das geht einfach nicht. Wie schon gesagt, das sind die Jahre der Knechtschaft, hat er später gesagt, in dieser Lateinschule und in der Kirchenbank heimlich irgendwie über den geilen Achillesen. Dort herrschte der größte Despotismus, der je gedacht ist, hat er auch nochmal gesagt. Und ich habe viel leiden müssen und ich werde beständig einen Widerwillen gegen mein Vaterland behalten. Was wir jetzt bitte nicht als Deutschland verstehen, sondern Preußen oder Brandenburg oder die Altmark. Das ist das Vaterland, das er meint. Gut, also es gibt Gründe.
Solveig
00:37:08
Durfte nicht die 15-jährigen Jungs anfassen.
Daniel
00:37:11
Sich dort vielleicht etwas eingeengt zu fühlen. Ich finde das auch unabhängig davon, ob der Junge nun 15, 17 oder 20 oder von mir aus auch 25 gewesen wäre.
Solveig
00:37:19
Aber das darf er ja anderswo auch nicht.
Daniel
00:37:20
Sondern, dass es einfach nochmal krasser ist, als noch lange Zeit danach natürlich, solche Dinge irgendwie verstecken zu müssen. Und unter lateinischen Wörtern. mit lateinischen Wörtern zu bedecken. Ja, also er muss da irgendwie weg. Und dann geht man in das Land, wo die Kultur blüht, wo wirklich schon das Weltmensch zugeht, wo Künstler ein- und ausgehen und selbst die italienische Kunst zu bewundern ist, nach Sachsen.
Solveig
00:37:47
Ich wollte gerade sagen Sachsen.
Daniel
00:37:49
Also Dresden, das wäre natürlich toll. So weit kommt er noch nicht, aber auch nicht weit weg davon. Also er wird zu Fuß regelmäßig nach Dresden laufen und sich dann dort umschauen, in der Bildergalerie zum Beispiel. Aber er kriegt eine Bibliothekarsstelle in Nötnitz.
Solveig
00:38:04
Mhm.
Daniel
00:38:05
Das sich besonders dadurch auszeichnet, dass es da ein Schloss gibt und dort lebt Heinrich Graf von Bühnau, beziehungsweise er lebt da nicht die ganze Zeit, aber es gehört ihm. Und der ist sehr interessiert an deutscher Reichsgeschichte. Er sitzt an einer mehrbändigen Arbeit über die deutsche Kaiser- und Reichsgeschichte und da braucht er Unterstützung.
Solveig
00:38:25
Aber das hat jetzt nichts mit Marmorstatum.
Daniel
00:38:27
Das hat gar nichts mit Marmorstatum zu tun und Winkelmann interessiert das wahrscheinlich auch in Scheißdreck, welcher Stauferkaiser wann was gesagt hat. und mit welchem Papst Stress gehabt hat, wobei ich glaube, der ist in seiner Geschichte nicht mal so weit gekommen bis zu den Staufern, also dieser Graf Hünau, aber der Graf hat was anderes und das weiß es Wignellmann natürlich, der hat die wahrscheinlich größte Privatbibliothek Deutschlands, da stehen 40.000 Bände bei dem zu Hause rum, da gibt es viel zu lesen, was es in Seehausen und in Stendal und vielleicht sogar am Kölnischen Gymnasium vorher nicht gab, und deswegen will er diesen Job unbedingt haben und wechselt dann tatsächlich auch dahin und ist dann da quasi Bibliothekar und vor allem aber, ja, muss er Exzerpte schreiben aus irgendwelchen mittelalterlichen Urkunden. Das würde dich vielleicht begeistern. Oh, noch ein Papstbrief. Noch eine Exkommunikation. Wie ist denn die Einleitung und das was? Exordium. Wunderbar.
Solveig
00:39:23
Geht halt nicht um Achill.
Daniel
00:39:25
Aber es bleiben noch die Abend- und die Morgenstunden. Also macht die Arbeit, er füllt seine Pflicht und nutzt jede freie Minute für seine eigene Lektüre und beschreibt es später nochmal.
Solveig
00:39:38
Zu meinen eigenen Studierenden wende ich die Morgenstunden an von 3 Uhr, wie es kommt bis 7 Uhr, vor und nach Tische und ein paar Stunden des Abends. Die Morgenstunden aber sind im Griechischen Gewinn.
Daniel
00:39:49
Früh morgens, spät abends, machen sich die Augen kaputt.
Solveig
00:39:52
Beim Essen.
Daniel
00:39:53
Und natürlich geht es ihm vor allem jetzt um Ausgaben von Homer, die Ilias. Die Geschichte von Achille und Patroklos, die bewegt ihn sehr. Dann liest er sehr gerne Platon, Symposium.
Solveig
00:40:03
Ja, klar.
Daniel
00:40:04
Warum?
Solveig
00:40:05
Ich weiß, ich habe das ja alles auch immer noch nie ganz gelesen, sondern immer nur drüber gelesen. Aber beim Symposium reden, also soll ich einmal erklären, was ein Symposium grundsätzlich ist oder was Platon sagt?
Daniel
00:40:15
Heute denke ich dabei, das ist eine Veranstaltung an der Uni.
Solveig
00:40:17
Ja, nee, das ist nicht der Fall. Also ein griechisches Symposium ist der Herrenabend, wo man sich als guter Bürgermann bei anderen Bürgersmännern trifft und dann sehr viel trinkt, ohne betrunken zu werden.
Daniel
00:40:35
Das ist sehr, sehr.
Solveig
00:40:35
Du darfst beziehungsweise nicht besoffen werden.
Daniel
00:40:38
Die verwässern ihren Wein ja auch.
Solveig
00:40:39
Die verwässern den, da kommen aber auch noch Gewürze mit rein, also es ist so ein bisschen so ein kalter Glühwein. Auf jeden Fall spielen die dabei auch irgendwelche Spiele. Das ist ganz interessant, diese Symposiumkultur. Also es geht dabei eben darum, am meisten zu trinken, ohne besoffen zu sein. Du musst auch noch nach Hause finden können, ohne irgendwie dich zu verlaufen zwischendurch und irgendwo ins falsche Haus zu gehen. Und du darfst dich auch nicht erbrechen und darfst auch nicht peinlich werden. Das ist auch so ein Männlichkeits-
Daniel
00:41:08
Das ist so ein bisschen wie ein Tabakzimmer später.
Solveig
00:41:11
Ja, im Grunde ist es das gleiche. Also so möglichst viel konsumieren und zu zeigen, wie gut du dich in Kontrolle hast, wie gut du deinen Körper unter Kontrolle hast. Das ist ein riesen wichtiges Ding bei den Griechen, Kontrolle. Und dabei diskutieren die dann auch gerne, also wie in so einem Tabakclub. Man fängt dann eben an miteinander drinnen.
Daniel
00:41:29
In Platon-Version reden die halt über den Eros.
Solveig
00:41:32
Ja, also ich kenne nur die Platon-Geschichte, dass er meint mit dem Seelenpartner, Dass jeder Mensch einen Seelenpartner hat und macht er sich aber irgendwie drüber lustig, dass das einfach nur romantische Scheiße ist.
Daniel
00:41:46
Also da ist es ja durchaus gewürdigt und dann wird über Sokrates auch gesprochen und sein Verhältnis zu seinen Schülern. Und die Vorstellung, dass Männer zwar nicht zeugen können im Fleische, aber sie können in Schönheit zeugen, nämlich Wissen produzieren quasi. Also ein Florentiner der Renaissance, Massilio Ficino, hat über das Symposium von Platon mal etwas sehr Schönes gesagt. Er hat gesagt, sexuelle Handlungen sind quasi eine Prämie auf dem Weg zur sittlichen Vollendung. Und irdische Liebe ist für Frauen, aber die himmlische Liebe ist für Männer. Das hat der Winkelmann sich ins Herz geschrieben.
Solveig
00:42:26
Ja, natürlich. Es hat Gründe, dass er die Griechen mag.
Daniel
00:42:30
Also der Renaissance-Kollege hat das, glaube ich, noch nicht besonders negativ beurteilt. Aber später hat man dann gerne natürlich diesen Aspekt, der da so eine Rolle spielt bei Platon, irgendwie auch eher so als, ja, das ist anders gemeint.
Solveig
00:42:43
Ja, klar.
Daniel
00:42:44
Das ist, sagt man, nicht so wörtlich verstehen. Und wenn es so wäre, dann wäre es halt eklig. Und das findet eben auch Voltaire, also einer unserer Vertreter der Aufklärung.
Solveig
00:42:54
Ich meine, Achille und Patrick, das waren auch nur sehr intensive Freunde.
Daniel
00:42:56
Ja, natürlich.
Solveig
00:42:57
Wenn die Liebe, welche die sokratische und platonische genannt wird, nur eine anständige Empfindung war, so gehört ihr unser Beifall. War sie jedoch lasterhaft, so müssen wir uns ihrer für Griechenland schämen. Hoppala.
Daniel
00:43:11
Nochmal was, schöne Ergänzung zur Aufklärungsfolge. Danke, Monsieur Voltaire.
Solveig
00:43:16
Merci.
Daniel
00:43:17
Merci beaucoup. So, also wenn wir das uns nicht mehr anhören wollen.
Solveig
00:43:21
Diesen Schmuddelkram?
Daniel
00:43:23
Nicht den Schmuddelkram, den möchte man sich aus Sicht von Winkelmann ja schon ganz gerne anhören.
Solveig
00:43:28
Ja, aber nicht von Voltaires.
Daniel
00:43:29
Aber nicht hier in der Beurteilung eines Voltaire und anderer Leute, die vielleicht auch in Nöten jetzt noch sitzen. Wobei da ist er, glaube ich, gut klargekommen. Er hat dann noch einen Kumpel untergebracht vom Studium. Also da hat er schon Vertraute. Aber letzten Endes gibt es halt nur ein Ziel. Da, wo die antike Kunst ist und wo man das mit der Männerliebe irgendwie auch nicht komisch anguckt, sondern das gibt es halt nach wie vor. Italien muss nach Italien. Und wie kann ich da etwas werden, wenn ich da etwas werden möchte in Rom?
Solveig
00:43:57
Ich werde Priester.
Daniel
00:43:58
Das wäre jetzt ein bisschen krass.
Solveig
00:44:01
Ja.
Daniel
00:44:02
Aber vor allem gibt es eine Grundbedingung.
Solveig
00:44:05
Ich kann Latein.
Daniel
00:44:06
Das ist von Vorteil. Das wäre jetzt aber mal eine wirkliche Basisvoraussetzung.
Solveig
00:44:09
Er wird Katholik?
Daniel
00:44:10
Ja, natürlich. Man muss katholisch sein. Sonst wird das nichts.
Solveig
00:44:14
Der konfessiert? Der tritt über?
Daniel
00:44:17
Der tritt über. Weil er möchte einen Job in Italien kriegen.
Solveig
00:44:20
Protestantisch? Preußen?
Daniel
00:44:21
Ja, mein Gott. Das haben die Sachsen auch gemacht.
Solveig
00:44:24
Er hasst ja auch so.
Daniel
00:44:24
Also das Herrscherhaus in Sachsen, dem Mutterland des Protestantismus, hat sich auch irgendwann gesagt, damit wir Polen kriegen, werden wir halt wieder katholisch. Also insofern ist er nicht ganz alleine. Und als er da nach Dresden zu Fuß spaziert, kommt er vielleicht auch öfter mal an der Baustelle der Hofkirche vorbei. Also der großen, schönen, repräsentativen, barocken, katholischen Kirche, die dann direkt da von der Elbe aus zu sehen ist. Wo auch viele italienische Bauleute sind. Das bringt ihn bestimmt auch in Stimmung, dass das… Und schon mal Kontakt. Und die sagen vielleicht auch, dann kommst du mal vorbei.
Solveig
00:44:56
Zeigen wir dir mal ein bisschen was.
Daniel
00:44:58
Aber trotzdem muss man irgendwie einen wesentlichen Kontakt natürlich finden, um überhaupt irgendeine Jobchance dann zu kriegen. Aber da es ja eben auch jetzt ein katholischer Herrscher ist, gibt es an einem katholischen Hof natürlich auch Vertreter des Vatikans, des Heiligen Vaters, einen Nunzius. Das ist damals Alberico Graf Arquinto. Und der tatsächlich sagt ihm, ja wir haben auch Bibliotheken in Rom.
Solveig
00:45:21
Überraschung.
Daniel
00:45:21
Ja, große und kleine. Und ich hätte da eine Stelle, wo du zumindest so halbwegs von leben könntest. Wenn du natürlich noch was anders machen möchtest nebenbei, dann brauchst du irgendwie noch ein kleines extra Geld. Und das kriegt er dann vom königlichen Beichtvater, dem Pater Leo Rauch, seines Zeichen Mitglied der Gesellschaft Jesu. Ein Jesuit, der sich wahrscheinlich sehr freut.
Solveig
00:45:43
Geh schon wieder.
Daniel
00:45:44
Hier kann ich jemanden missionieren und konvertieren. Dafür besorge ich dir ein kleines Stipendium.
Solveig
00:45:48
Wer ist doch schon konvertiert?
Daniel
00:45:50
Ja, das ist noch in den Verhandlungen quasi drin. Also Bibliotheksstelle, gibt es halt ein paar Thaler und damit du irgendwie aber auch nochmal vielleicht nach Neapel weiterfahren kannst, braucht man eben noch ein bisschen kleines Extrageld und das kriegt er dann da von den Jesuiten.
Solveig
00:46:04
Trotzdem, obwohl er ja nicht.
Daniel
00:46:07
Also wirklich nicht besonders religiös war, hat er sich scheinbar doch ein bisschen schwer getan mit diesem Schritt, katholisch zu werden. Und auf dem Weg, den er da öfter gelaufen ist, zwischen Nötnitz und Dresden, ist so eine kleine Kirche in der Ortschaft Leupnitz. Da ist er offenbar ab und zu mal reingegangen, um da sich vielleicht einfach hinzusetzen. Und da ist er jetzt, während er noch schwanger geht mit dieser Idee, katholisch zu werden, auch reingegangen. Und der Pfarrer sieht ihn und sagt, das verlorene Schaf ist wieder da. Und er dreht sich um und geht raus. Er hat nie wieder eine protestantische Kirche betreten. Und das finde ich aber auch noch ganz süß. Er beschreibt dann später, wie er wahrscheinlich in der Hofkirche da zum ersten Mal oder die ersten heiligen Messen besucht.
Solveig
00:46:45
Anfänglich, da mich einige Ketzer, die mich kennen, in der Messe knien sahen, habe ich mich geschämt, allein ich werde dreister. Es würde mich aber niemand sehen, wenn ich nicht die Messe höre, von elf bis zwölf, da die Musik ist. Mein Vater hat keinen Katholiken aus mir machen wollen. Er hat mir ein gar zu dünnes, empfindliches Knieleder gemacht, als man haben muss, um mit guter Gras katholisch zu knien. Ich merke, es fehlt mir noch sehr viel zu meiner Seligkeit, wenn ich mit der rechten Hand die Kreuzer machen soll. So meldet sich die Linke zum großen Ärgernis derer, die neben mir sind. Ich habe auch von Neuem gebeichtet. Allerhand schöne Sachen, die sich besser in Latein als in der Frau-Mutter-Sprache sagen lassen. Man hat hier Gelegenheit, mit Petronio und Marziali zu sprechen. Je natürlicher, je aufrichtiger. Sieben Vaterunser und sieben Ave Maria sollte ich beten. Und in der ersten Beichte waren es zwei von jeder Art mehr. Und mit Recht. Du siehst daraus, dass die Heilige Kirche eine sehr gute Mutter ist.
Daniel
00:47:43
Ich finde es sehr süß. Stellt mich die Frage, ob es wirklich die Protestanten mit der linken Hand sich bekreuzigt haben eine Zeit lang. Vielleicht gibt es Experten unter uns, die das wissen. Scheinbar war das in Sachsen so, dass ihm da die linke Hand gezuckt hat, weil er das gewöhnt war, dass man das damit macht. Und jetzt offenbar mit rechts. Und ich finde es eine interessante Vorstellung, dass er da zur Beichte geht und er fragt, hast du gesündigt, mein Sohn? Er sagt, alles wie bei Petronius. Okay, sieben Ave Maria.
Solveig
00:48:09
Ich habe hier eine Liste mitgebracht.
Daniel
00:48:11
Ja, genau.
Solveig
00:48:11
Darf ich es auf Latein sagen? Das fällt mir leichter.
Daniel
00:48:14
Ja, das sowieso. Ja, und dann zieht er einfach gleich nach Dresden. Ja, er hat mit seinem Grafen vorher nichts gesagt, aber der ist trotzdem nicht böse, weil er weiß natürlich, die Chance solltest du wahrnehmen. Also 1754 geht er nach Dresden. Dort hält er sich vor allem auf bei Adam Friedrich Oeser, das ist ein Maler, denn er möchte zeichnen lernen, damit er dann in Rom schön die Skulpturen auch für seine Exzerpt-Hefte festhalten kann. geht sehr viel in die Gemäldegalerie und natürlich auch in die Skulpturensammlung. Da gibt es nicht nur Abgüsse, sondern tatsächlich auch echte bildhauerische Werke, die aus Italien stammen. Und nicht nur aus Italien, sondern eben vor allem speziell aus Herkulaneum, also der anderen großen Stadt neben Pompeji, die damals vom Vesu verschüttet wurde und sogar noch vor Pompeji wieder entdeckt wurde. 1709 hat man da ein Loch gegraben und fanden da die ersten Statuen drin. Die Herkulanerinnen. Und die sind 1754, glaube ich, oder ein Jahr vorher, tatsächlich auch nach Dresden gekommen.
Solveig
00:49:13
Aber die wären jetzt für ihn nicht, wenn es Herkulanerinnen sind?
Daniel
00:49:17
Doch, aber die beschreibt er natürlich trotzdem. Mein Gott, das sind Statuen aus Herkulaneum. Entschuldige. Und es ist keine Farbe dran. Also die findet er schon toll. Das sind zwar Frauen, aber sie sind erhaben.
Solveig
00:49:32
Er ist ja auch noch nicht alt geworden.
Daniel
00:49:34
Aber es sind schon die Beispiele, die er dann nennt, als er dann zum ersten Mal so seine ganzen Gedanken... Sammelt und in einem kleinen Heftchen aufschreibt mit dem wunderbaren Titel Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. 60 Stück hat er selber drucken lassen. Selbstverlag. Und dann verteilt und geschickt an wichtige Freunde. Guck mal, was ich Tolles weiß über die Griechen und ihre Werke und wie wir das vor allem dann heute damit handhaben müssten. Und das finde ich besonders witzig, damit da so eine Debatte entsteht und vielleicht mehr Interesse, hat er quasi dann anonym noch eine Schrift rausgebracht, eine Kritik dieser Gedanken. Und dann hat er nochmal eine Schrift rausgebracht, eine Antwort auf die Kritik dieser Gedanken. Hat sich quasi selbst den Traffic geschafft.
Solveig
00:50:24
Ja, ich wollte gerade sagen, man muss nur wissen.
Daniel
00:50:25
Wie es geht. Hat funktioniert.
Solveig
00:50:27
Ich habe meinen eigenen Shitstorm kreiert.
Daniel
00:50:29
Ich habe für so eine kleine Auflage recht viel Aufmerksamkeit bekommen. Auch wenn Herr Friedell, den wir eingangs zitiert haben, das offenbar nicht so sah. Aber die Entscheidender haben es gelesen und gesagt, interessant, das ist mal was ganz Neues.
Solveig
00:50:41
Spannend.
Daniel
00:50:41
Ja und vor allem, es ist nämlich die erste deutsche Beschreibung antiker Werke im Grunde. Und zwar nicht so ein Foliant wie die Deutsche Akademie der edlen Baubild- und Malereikünste von 1675, wo dann so Abbildungen der Werke waren mit Überschriften. Und zwar so im Stil, wie zum Beispiel über halbnackten Bachantinnen, Götter, so die blinden Heiden zum Anbeten vorgestellt, man von allen rechten Christen billig für verworfen hält. Also da muss man sagen, hat Winkelmann jetzt schon mal einen Bruch geliefert in der Wahrnehmung der Antike. Das ist schon dann ein etwas anderer Ton, den Herr Winkelmann dann anschlägt. Also bei ihm gibt es einfach sehr präzise, kurze, verständliche Beschreibungen, nicht in Reimform, Verurteilungen und eben Bewertungen Und das sowohl für die griechische Antike als Vorbild, als eben dann auch für zeitgenössische Kunstwerke oder das, was eben überhaupt in den christlichen Jahrhunderten dann dazukommt. Und da gehen wir jetzt nochmal in eine Stelle rein, ich habe ja gesagt, das Gedruckte lese ich selber. Also aus diesen Gedanken der Nachahmung, da spricht er erstmal über die Herkulanerinnen und ihre Kleidung. Müssen wir jetzt nicht so drauf groß eingehen, nur dass ihr wisst, wo ich da ungefähr einsteige. Das allgemein vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Also hier folgt dann die Beschreibung des Laokornen, den wir in Dresden noch nicht gesehen haben. Es sei denn, die haben einen Abguss gehabt, aber natürlich wusste der, wie das Ding aussieht. Da kommen wir gleich nochmal drauf. Du kannst vielleicht jetzt kurz sagen, was da los war. Du hast ihn mal in echt gesehen.
Solveig
00:52:39
Oder? Ich habe aber nur kurz, weil es war voll.
Daniel
00:52:43
Das ist mal das Problem heutzutage, der Winkel. Man konnte sich das alleine angucken.
Solveig
00:52:47
Ja, also die stehen ja im Hof des Vatikanischen Museums, neben dem Abhol von Belvedere. Das war so die Entscheidung, was gucke ich mir jetzt in 30 Sekunden an, bevor wir weitergeschoben werden. Das war brutalst toll an dem Tag. Aber man kennt ja den Laocon auch aus Fotografien. Das ist ja der Mann.
Daniel
00:53:06
Muskulöser, älterer Herr.
Solveig
00:53:07
Der ältere Herr, der so ein bisschen aussieht wie Zeus, wenn man ihn so vorstellt. Der dann von dieser Schlange, also sein ganzer Körper wird ja von dieser gigantischen Schlange umwunden.
Daniel
00:53:16
Und nicht nur seiner.
Solveig
00:53:17
Ja, und er hat ja noch seine kleinen, ich glaube so kleine Kinderdarstellungen. und die werden ja alle vergiftet. Oder er muss sich von dieser Schlange beißen lassen, um die Kinder zu retten. Irgendwie war das diese Geschichte.
Daniel
00:53:29
Ich glaube, es gibt verschiedene Versionen, wer von denen überlebt oder ob nicht oder ob alle sterben.
Solveig
00:53:32
Also ich habe das so im Kopf, dass er eben von dieser Schlange gebissen werden muss. Also er opfert sich, um die Kinder zu retten.
Daniel
00:53:38
Da können wir jetzt nochmal vielleicht, dann nehme ich das Beispiel da noch mit rein, damit man versteht, was er meint hier mit dieser stillen Größe und edler Einfalt. Die Seele schildert sich in dem Gesicht des Laokon und nicht in dem Gesicht allein. Nein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des Körpers entdeckt und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt, dieser Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokon singt. Die Öffnung des Mundes gestattet es nicht. Es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibt. Der Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher Stärke ausgeteilt und gleichsam abgewogen. Laocon leidet, aber er leidet wie der Sophocles Philoctetes. Sein Elend geht uns bis an die Seele, aber wir wünschten, wie dieser große Mann, das Elend ertragen zu können. Also der leidet, aber der schreit nicht rum. So, das ist die...
Solveig
00:54:43
Das ist ja dieser Würdevolle, dieser Opfertod.
Daniel
00:54:46
Erhabenheit. Erhabenheit.
Solveig
00:54:49
Ja, okay.
Daniel
00:54:50
Und die wird nochmal stärker, wenn es nackend ist. Ist.
Solveig
00:54:53
Ja, er ist ja auch nackt.
Daniel
00:54:55
Genau, was eigentlich gar keinen Sinn macht, als wäre der immer nackt rumgelaufen.
Solveig
00:54:58
Hat der nicht so ein Tuch auf dem Schoß?
Daniel
00:55:00
Nee.
Solveig
00:55:00
Nee?
Daniel
00:55:01
Nee, der kriegt nachher noch so ein Blatt drüber.
Solveig
00:55:03
Ach so.
Daniel
00:55:03
Aber Tuch hat er nicht.
Solveig
00:55:05
Gut, das ist jetzt auch die heroische Nacktheit. Helden sind immer nackt, weil man dadurch die Stärke des Körpers zeigen kann.
Daniel
00:55:12
Ja, wunderbar. Aber es ist auch schön. Aber nur bei Männern. Also Herkulanerinnen haben bitte was an, Frauen haben bitte was an.
Solveig
00:55:21
Außer?
Daniel
00:55:22
Und je weniger Nippel man sieht, desto besser.
Solveig
00:55:24
Das ist korrekt, aber außer Aphrodite ist die einzige. Deswegen gibt es so viele Aphrodite-Darstellungen. Und Amazonen.
Daniel
00:55:32
Okay, aber ich wollte was anderes hinaus, denn er sieht damals in Dresden ein Gemälde, was auch neu angekauft wurde. Ach, das war das, 1754 nach Dresden kommt. Genau in dem Jahr, wo er das schreibt, sagt er so, die heutige Entsprechung, was er meint, die beste Nachahmung der griechischen Vorbilder, Das ist die Sixtinische Madonna von Raphael. Das ist die edle Einfalt und die stille Größe dieser Madonna.
Solveig
00:55:56
What?
Daniel
00:55:57
Nimm es einfach so hin. Die sieht halt auch aus wie so eine antike Figur, findet er. Also wie so eine Herkulanerin.
Solveig
00:56:02
Mag sein, ja.
Daniel
00:56:03
Auch das Kind schreit nicht rum.
Solveig
00:56:05
Das schreit nie rum. Das ist Jesus.
Daniel
00:56:08
Das ist so sein Vorbild. Und nackte Männer gibt es aber dafür in Rom.
Solveig
00:56:12
Nur kurz ein Wurf.
Daniel
00:56:13
Bitte schön.
Solveig
00:56:14
Das ist halt auch einfach Sittenvorstellung der Griechen. Man zeigt keinen nackten Frauen. Also ehrwürdige Frauen sind immer bedickt.
Daniel
00:56:20
Ja.
Solveig
00:56:21
Das ist normal so.
Daniel
00:56:22
Ja, das ist auch mit einverstanden.
Solveig
00:56:23
Ja. Ich wollte es nur kurz, das ist nicht nur Winkelmann. Das sind auch die Griechen selber, die dann sagen, wir zeigen an gute Frauen.
Daniel
00:56:29
Naja, gut, der kann ja nur beschreiben, was da ist.
Solveig
00:56:31
Ja.
Daniel
00:56:32
So, und fast wäre trotzdem nicht nach Rom gefahren, wegen dem Peter. Also der hat ihn wirklich beeindruckt.
Solveig
00:56:38
Kommt der Peter jetzt nochmal?
Daniel
00:56:39
Der Peter Lamprecht. Nee, der kommt natürlich nicht. Der ist mittlerweile in Potsdam.
Solveig
00:56:43
Was schreibt ihm nochmal?
Daniel
00:56:44
Die schreiben sich nochmal. mal, wovon es natürlich wieder nur einseitig die erhalten sind. Und er fährt wohl tatsächlich auch nochmal nach Potsdam und spricht davon, wolle ich, je Gönächte.
Solveig
00:56:53
Aber müssten nicht eigentlich Peters Briefe erhalten sein? Weil ich meine, wenn um seine Briefe zu, also dann müsste ja Peter die Briefe aufbewahrt haben.
Daniel
00:57:02
Es ist eh sehr rätselhaft, wer, also wo, welche Briefe mittlerweile gelandet sind. Es würde mich auch sehr interessieren, warum ein großer Teil der Briefe von Herrn Winkelmann in der französischen Nationalbibliothek in Paris gelandet ist. Also wie sowas passiert.
Solveig
00:57:15
Napoleon mitgenommen.
Daniel
00:57:16
Wahrscheinlich. Die in Triest gefunden. In der Wohnung in Rom. Na gut, wir haben schon den Übergang über die Alpen vorhin von Herrn Friedell so fragwürdig beschrieben gehabt. Der Peter sagt, lass mich in Ruhe. Nee, du kannst mir noch mal Geld leihen. Ich melde mich dann bei dir. Und dann meldet er sich nicht mehr bei ihm. Da gibt es dann auch einen schönen, bösen Brief, den Herr Winkelmann an einen anderen Freund schreibt, über die treulosen Peter-Pedern. Und dann reicht's, dann kann er auch losfahren. Endlich. Endlich Rom steht auf dem Vorhang, wenn man in dem Museum in Stendal den Raum betritt, muss man durch einen Vorhang durch, auf dem endlich Rom steht. Und dann eröffnet sich das Panorama der heiligen Stadt. Die wahrscheinlich männlichste Gesellschaft überhaupt. Da muss er sich sehr wohl gefühlt haben.
Solveig
00:58:06
Wobei Kardinäle haben sich auch mit Kortisanen.
Daniel
00:58:08
Das natürlich, aber so gebildete Damen, die sich für antike Kunst interessieren und vielleicht was kaufen wollen, sind natürlich auch dankbare Kundschaft. Kann man deren Sammlungen katalogisieren und sich dafür bezahlen lassen zum Beispiel. Oder man lernt, wie bei einem Kardinal, den ich später noch erwähne, bei dessen Mätresse Leute wie Casanova kennen. Rom allerdings, als er da ankommt, also dieser Kardinal oder der Nunzius aus Dresden ist mittlerweile zurück in Rom, ist Kardinal geworden und Gobernatore, also quasi der Regierungschef des Kirchenstaates. Heute ist sie eine Regierungschefin. Ich habe jetzt vergessen, wie sie heißt. Und der lebt dann erstmal mit ein paar Künstlern zusammen. Da ist vor allem Anton Raphael Mengs vielleicht dem einen oder anderen bekannt. Der wird auf jeden Fall natürlich auch Winkelmann malen. Also mal eins der Bilder, die man von ihm findet, ist von Herrn Mengs. Das Bild mit dem Turban, meinst du? Nee, das ist nicht von dem. Und außerdem begegnet er da noch jemandem, den ich ehrlich gesagt nicht kannte, Johannes Wiedewelt, aber ich kenne dessen Schüler, nämlich Thorwaldson. Und das ist ja wohl der Bildhauer des Klassizismus schlechthin. Also wenn Winkelmann da nicht auch mal ein bisschen Einfluss hatte, auf die Art und Weise, wie Herr Mengs seine Bilder malt und wie Herr Wiedewelt seine Schüler ausbildet. Außerdem gab es auch noch Adolf Friedrich Harper aus Berlin, auch ein Maler, allerdings Landschaften, das ist natürlich nicht so dolle.
Solveig
00:59:30
Ja, die römischen Landschaften sind schon schön.
Daniel
00:59:32
Ja, fand auch die Alpen beeindruckend, als er da durchgefahren ist. Aber ich kann ehrlich gesagt mit Landschaftsbildern nicht so viel anfangen. Aber Winkelmann ist mal wieder verknallt. Und mal wieder geht der Mann zurück nach Hause, weil er heiratet. Und mal wieder schreibt Winkelmann einen Abschiedsbrief. Aber weil der so schön ist, möchte ich den auch nochmal hier mit reinbringen. Und plötzlich taucht da nämlich der Peter eigentlich wieder auf. In dem Moment, wo er den gleichen Schmerz spürt, also ne, der kommt nicht.
Solveig
01:00:02
Ne, aber schreibt er dem Peter wieder?
Daniel
01:00:03
Nein, der schreibt auch nicht dem Peter, aber in dem Text, den du jetzt liest. Nur damit das klar ist, die Anspielung, ich glaube, er wird namentlich nicht genannt. Also der Verlustschmerz bringt ihn gleich wieder zu Peter zurück.
Solveig
01:00:13
Nach ihrer Abreise war ich untröstlich, ohne sie umarmen zu können, ohne ihn durch meine Tränen bezeugen zu können. Wie teuer sie mir waren, ohne ein letztes Adieu, haben sie sich, mein Freund, je von mir losgerissen. Eine große Leere ist geblieben, wo ein lieber Freund war, ein redlicher und gutherziger dazu. Und dies für einen wie mich, dem es so schwerfällt, sich anderen Menschen mitzuteilen. Wie glücklich sind jene, die ihre Freundschaft genießen können. In meiner Verlassenheit schicke ich jedem ihrer Schritte meine Wünsche hinterher. Mögen Rosen und Blumen ihren Weg zieren. Tausend Freuden erwarten sie in ihrem Vaterland und ihr Freund. Wie glücklich sind sie, mein Freund. Ein Freund, welcher ihnen die ganze Menschheit ersetzt. Allein die Vorstellung einer so seltenen Erscheinung wie die Freundschaft bewegt mich derart, dass ich weinen muss. Erlauben sie mir diese süße Freude. Oh, könnten sie doch Zeuge meiner Tränen sein. Ich kann nicht umhin, gleichzeitig einen Freund zu denken, der mir vom Himmel für mich auserwählt schien. Ihm habe ich die schönsten Tage meines Lebens hingegeben. Ich lebte nur für ihn, aber ach, er will mich vergessen, mich den besten Freund überhaupt. Umarmen Sie ihn in meinem Namen und sagen Sie ihm, dass ich mir jeden Tag eine halbe Stunde nehme, um an nichts als ihn zu denken. Ich war wieder in Tivoli in der Villa Hadrians. Sagen Sie ihm, er möge sich erinnern an den Schluss der siebten Ode des zweiten Buches von Horaz. Das wird ihm zu denken geben. Ich kann gar nicht mehr aufhören, wenn ich einmal angefangen habe, von der Freundschaft zu sprechen.
Daniel
01:01:43
Jetzt müssen wir schon wieder nachgucken, was ihm da genau zu denken geben soll eigentlich. Aber so fies. Er hat aber auch kein Glück. Denn ich treffe ja Leute, die dann halt doch lieber sagen, ich gehe nach Hause und heirate.
Solveig
01:01:55
Ich weiß auch gar nicht, wie weit die da auch überhaupt Mitspracherechte haben.
Daniel
01:01:58
Wie jetzt?
Solveig
01:01:58
Die sind Männer. Ja, aber vielleicht werden die auch vom Vater abkommandiert. Ich habe hier eine Ehefrau für dich.
Daniel
01:02:04
Wir haben eine gute Partie für dich gefunden, Junge. Komm gefälligst her.
Solveig
01:02:07
Kommst zurück.
Daniel
01:02:08
Oder du wirst enterbt.
Solveig
01:02:09
Genau.
Daniel
01:02:11
Tja, auf jeden Fall ist jetzt schon wieder jemand weg. Also konzentrieren wir uns doch lieber wieder auf den Marmor.
Solveig
01:02:15
Ja, der verlässt einen nicht. Der enttäuscht einen nicht.
Daniel
01:02:18
Und du hast ja jetzt gerade schon von deinem Besuch erzählt. Aber in diesem Hof stand auch Johann Joachim Winkelmann. Und dort Dort befinden sich die drei Statuen, denen er jeweils eine ausführliche Beschreibung gewidmet hat. Die Werke der Antike. Die Papst, welcher war es? Julius II. Weiß ich gar nicht. Auf jeden Fall steht er vor dem Laukorn, spricht von dem Elend, aber das erhabene Elend. Du hast es gerade beschrieben, was du nicht sehen konntest dann tatsächlich. Ist der einfach nicht groß genug? Der Apoll?
Solveig
01:02:53
Ja doch, den habe ich ja.
Daniel
01:02:54
Der sich im selben Raum befindet oder im Hof? In einer anderen Nische?
Solveig
01:02:57
Ich musste mich halt entscheiden, wo gehe ich hin und ich fand den Apoll dann doch irgendwie spannend.
Daniel
01:03:01
Du bist zum Apoll gegangen? Bin zum Apoll gegangen. Ach so, okay, das ist ein Laokon-Wass. Von weit. Wusstest du nicht mehr, wie viele Kinder da noch dabei sind?
Solveig
01:03:11
Beziehungsweise ich muss auch gestehen, ich bin, wenn ich den Laokon mir angucke, gucke ich nicht auf die Kinder. Sonst drehe ich mich auf andere Dinge.
Daniel
01:03:19
Ja, wobei Winkelmann, ich weiß gar nicht, ob ich da noch ein Zitat zu habe, der mag eben auch Jugend. Ja, deswegen also nicht so sehr, vielleicht wie man jetzt gleich wieder sagen würde, sondern er sagt, es ist halt, da ist die Form noch nicht so vollendet.
Solveig
01:03:34
So ein bisschen weich.
Daniel
01:03:35
Da kann noch was draus werden. Und ich kann da imaginieren, wie das vielleicht sein könnte.
Solveig
01:03:41
Aber der Apoll von Belvedere ist auch erwachsen.
Daniel
01:03:43
Der ist auch sehr jung. Der ist nicht so muskelbepackt wie der Laocon.
Solveig
01:03:47
Das stimmt, aber der ist auch schon definierter. Das ist jetzt nicht dieser weiche jugendliche Körper, den man auf den Vasen sieht.
Daniel
01:03:53
Also er würde schon unter griechischer Gott laufen. Auf jeden Fall.
Solveig
01:03:59
Perfekt proportioniert.
Daniel
01:03:59
Aber nicht so krass wie jetzt die anderen teilweise.
Solveig
01:04:02
Also Laokon.
Daniel
01:04:02
Die Muskelberge, von denen gleich noch die Rede sein wird, denn. Aber der Apoll ist das allergrößte für Winkelmann.
Solveig
01:04:11
Das kann ich verstehen.
Daniel
01:04:13
Nur dieser Apoll, das verstehe ich wie ich.
Solveig
01:04:15
Ich finde das Gesicht ein bisschen langweilig.
Daniel
01:04:17
Verstandesmäßig nachvollziehen, aber ich würde an dieser Statue sagen, ja okay, griechischer Gott. Und dann würde ich zu Laokon gehen, weil da ist irgendwie mehr los in der Geschichte drin. Also den finde ich schon so. Aber das ist natürlich genau das Ideal, was Winkelmann so toll findet, die stille Größe. Ja, ich habe halt mehr Action lieber.
Solveig
01:04:34
Das stimmt, aber ist, ich bin mir da jetzt gerade nicht sicher, das kann auch falsch sein. Aber ich glaube, dieser Abhol von Belvedere ist, soll das nicht der Moment sein, wo Daphne sich in einen Baum verwandelt?
Daniel
01:04:47
Keine Ahnung, aber er hat eigentlich einen Bogen in der Hand, der natürlich nicht mehr existiert. Mit der anderen Hand hätte er gerade dann losgelassen.
Solveig
01:04:53
Ah, okay.
Daniel
01:04:54
Das ist auch irgendeine Szene, ich weiß aber nicht mehr, auf wen er da schießt oder warum.
Solveig
01:04:57
Nee, es kann sein, dass ich das jetzt auch durcheinander bringe, weil Bernini hat nachher ja diese sehr, sehr berühmte Darstellung von Apoll und Daphne, wo sie sich gerade in diesen Baum verwandelt, weil das ist ja die Geschichte.
Daniel
01:05:08
Dass sie… Würde sich Winkelmann nie angucken. Eben, aber… Es gibt sehr böse Kommentare über die Qualität von Bernini.
Solveig
01:05:14
Oh. Ich glaube, ich habe da auch noch was rausgesucht. Auf jeden Fall, da ist das eben auch dieser Moment und ich hatte das gelernt im Studium, ich habe ja mal Kunstgeschichte studiert, dass Bernini sich vom Apoll von Belvedere hat inspirieren lassen in diesem Ausdruck und deswegen dachte ich immer, der Apoll von Belvedere wäre auch dieser Moment, aber es kann auch sein, dass er irgendwie geschossen hat und jetzt einfach nur guckt, wo der Pfeil hingeht.
Daniel
01:05:40
Ja, aber das ist natürlich auch nochmal besonders, weil dieser Kopf dann da so, also der guckt die Brust quasi zum Betrachter, aber der Kopf ist dann so verdreht in die andere Richtung.
Solveig
01:05:48
Er kommt so ein bisschen träumerisch.
Daniel
01:05:49
Ja, und für Jojo, an dieser Stelle können wir ihn nochmal so nennen, ist eben diese Statue und ich zitiere aus seiner Beschreibung, die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums, welche der Zerstörung entgangen sind. Über die Menschheit erhaben ist sein Gewächs, und sein Stand zeuget von der ihn erfüllenden Größe. Ein ewiger Frühling, wie in dem glücklichen Elysien, bekleidet die reizende Männlichkeit vollkommener Jahre mit gefälliger Jugend und spielt mit sanften Zärtlichkeiten auf dem stolzen Gebäude seiner Glieder. Gehe mit deinem Geiste in das Reich unkörperlicher Schönheiten und versuche ein Schöpfer einer himmlischen Natur zu werden, um den Geist mit Schönheiten, die sich über die Natur erheben, zu erfüllen. Denn hier ist nichts Sterbliches. Noch, was die menschliche Dürftigkeit erfordert. Keine Adern, noch Sehnen erhitzen und regen diesen Körper, sondern ein himmlischer Geist, der sich wie sanfter Strom ergossen, hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfüllt. Siehste? Und nichts erhitzt den Apoll. Eine stille Größe, das ist wichtig. Keine Adern.
Solveig
01:07:00
Ja, die kommen ab Michelangelo dazu, das stimmt.
Daniel
01:07:02
Apropos Michelangelo. Der war vielleicht auch in diesem Belvedere. Wahrscheinlich, ja. Und hat sich vielleicht in Apoll gar nicht so genau angeguckt, sondern eher etwas anderes, wo du letztes Mal darauf angespielt hast und gesagt hast, du verstehst überhaupt nicht, wieso deren Text würdig ist, wenn das doch nur ein Torso ist.
Solveig
01:07:18
Diese dicken Beine. Wo kommt jetzt die Stelle?
Daniel
01:07:23
Genau. Wieso bist du so begeistert? Du hast doch gesagt, in dem Text kommt gar nichts.
Solveig
01:07:26
Ja, aber ich habe mich ja geirrt.
Daniel
01:07:28
Wieso hast du dich geirrt? Das wird dich überzeugen lassen.
Solveig
01:07:31
Ja, Daniel hat es danach nochmal gelesen und er hat es so schön gelesen.
Daniel
01:07:34
Jetzt setzt du mich aber unter Druck.
Solveig
01:07:35
Jetzt möchte ich, das habe ich gesagt, ich möchte unbedingt, dass er das einliest.
Daniel
01:07:39
Ich will natürlich versuchen, die ganze Beschreibung zu machen. Ihr könnt ja skippen. Ich werde nicht die ganze Beschreibung.
Solveig
01:07:43
Aber die besten zehn bitte.
Daniel
01:07:44
Ihr könnt skippen, wenn euch zu viel wird, ja. Aber das muss jetzt sein. Wir machen diese Folge eigentlich nur deswegen.
Solveig
01:07:49
Nur darum.
Daniel
01:07:51
Um... Solveig zu beweisen und euch allen, auch ein Torso, kann schön sein, nicht nur der Faun.
Solveig
01:07:58
Es sind ja nicht nur der Torso, es sind ja auch vor allem die dicken Beine.
Daniel
01:08:01
Also der erste Anblick wird dir vielleicht nichts als einen verunstalteten Stein entdecken. Vermagst du aber in die Geheimnisse der Kunst einzudringen, so wirst du ein Wunder derselben erblicken, wenn du dieses Werk mit einem ruhigen Auge betrachtest. Als dann wird der Herkules wie mitten in allen seinen Unternehmungen erscheinen und der Held und der Gott werden in diesem Stücke zugleich sichtbar werden. Ich sehe in den mächtigen Umrissen dieses Leibes die unüberwundene Kraft des Besiegers der gewaltigen Riesen, die sich wieder die Götter empörten und in den phlegräischen Feldern von ihm erlegt wurden und zugleicher Zeit stellen mir die sanften Züge dieser Umrisse, die das Gebäude des Leibes leicht gelenksam machen, die geschwinden Wendungen desselben in dem Kampfe mit dem Achelous vor, der mit allen vielförmigen Verwandlungen seinen Händen nicht entgehen konnte. Ich kann das Wenige, was von der Schulter noch zu sehen ist, nicht betrachten, ohne mich zu erinnern, das auf ihrer ausgebreiteten Stärke wie auf zwei Gebirgen die ganze Last der himmlischen Kreise geruht hat. Mit was für einer Großheit wächst die Brust an, und wie prächtig ist die anhebende Rundung ihres Gewölbes! Eine solche Brust muss diejenige gewesen sein, auf welcher der Riese Antäus und der dreileibige Gereon erdrückt wurden. Keine Brust eines drei- und viermal gekrönten olympischen Siegers, keine Brust eines spartanischen Kriegers, von Helden geboren, muss sich so prächtig und erhoben gezeigt haben. Fragt diejenigen, die das Schönste in der Natur der Sterblichen kennen, ob sie eine Seite gesehen haben, die mit der linken Seite zu vergleichen ist. Die Wirkung und Gegenwirkung ihrer Muskeln ist mit einem weißlichen Maße von abwechselnder Regung und schneller Kraft wunderwürdig abgewogen. Und der Leib musste durch dieselbe zu allem, was er hat vorbringen wollen, tüchtig gemacht werden. So, wie in einer anhebenden Bewegung des Meeres die zuvor stille Fläche in einer nebligen Unruhe mit spielenden Wellen anwächst, wo eine von der anderen verschlungen und aus derselben wiederum hervorgewälzt wird, ebenso sanft aufgeschwellt und schwebend gezogen, fließt hier eine Muskel in die andere, und eine dritte, die sich zwischen ihnen erhebt und ihre Bewegung zu verstärken scheint, verliert sich in jene, und unser Blick wird gleichsam mitverschlungen. Was für ein Begriff erwächst zugleich hier aus den Hüften, deren Festigkeit andeuten kann, dass der Held niemals gewankt und nie sich beugen müssen. In diesem Augenblicke durchfährt mein Geist die entlegensten Gegenden der Welt, durch welche Herkules gezogen ist, und ich werde bis an die Grenzen seiner Mühseligkeiten und bis an die Denkmale und Säulen, wo sein Fuß ruhte, geführt durch den Anblick der Schenkel von unerschöpflicher Kraft und von einer den Gottheiten eigenen Länge, die den Held durch hundert Länder und Völker bis zur Unsterblichkeit getragen haben. Ich fing an, diese entfernten Züge zu überdenken, da mein Geist zurückgerufen wird durch einen Blick auf seinen Rücken. Ich wurde entzückt, da ich diesen Körper von hinten ansah, so wie ein Mensch, der nach Bewunderung des prächtigen Portals an einem Tempel auf die Höhe desselben geführt würde, wo ihn das Gewölbe desselben, welches er nicht übersehen kann, von Neuem in Erstaunen setzt. Ich sehe hier den vornehmsten Bau der Gebeine dieses Leibes, den Ursprung der Muskeln und den Grund ihrer Lage und Bewegung. Und dieses alles zeigt sich wie eine von der Höhe der Berge entdeckte Landschaft, über welche die Natur den mannigfaltigen Reichtum ihrer Schönheiten ausgegossen. So wie die lustigen Höhen derselben sich mit einem sanften Abhange in gesenkte Täler verlieren, die hier sich schmälern und dort erweitern, so mannigfaltig, prächtig und schön erheben sich hier schwellende Hügel von Muskeln, um welche sich oft unmerkliche Tiefen gleich dem Strome des Meanders krümmen, die weniger dem Gesichte als dem Gefühle offenbar werden. Oh, möchte ich dieses Bild in der Größe und Schönheit sehen, in welcher es sich dem Verstande des Künstlers geoffenbart hat, um nur allein von dem Überreste sagen zu können, was er gedacht hat und wie ich denken sollte. Mein großes Glück nach dem Seinigen würde sein, dieses Werk würdig zu beschreiben. Voller Betrübnis aber bleibe ich stehen und so wie Psyche anfing, die Liebe zu beweinen, nachdem sie dieselbe kennengelernt, bejammere ich den unersetzlichen Schaden dieses Herkules, nachdem ich zur Einsicht der Schönheit desselben gelangt bin. Und am Ende ist es schon wieder eine Geschichte von Verlust.
Solveig
01:13:12
Oh, das zieht sich durch sein Leben.
Daniel
01:13:14
Verlust und Imagination sind irgendwie so die beiden Pfeiler im Leben von Jojo Winkelmann. Aber ich hoffe, jetzt bist du überzeugt, dass es doch ein Text ist, mit dem man umgehen kann. Und warum der Winkelmann gerne gelesen wurde. Weil man auch hier mit der Fantasie vielleicht was ergänzen kann, was der Winkelmann so wörtlich gar nicht sagt.
Solveig
01:13:41
Bei den Barberini-Frauen mochte er nicht.
Daniel
01:13:43
Nee, das hat er nicht gesagt. Nee, hast du nicht gemeint? Also ich habe jetzt nur keine so richtige ausführliche Stelle gefunden, beschreibt ihn halt so als Waldnatur und der liegt halt da und schläft.
Solveig
01:13:53
Aber da hat er nichts imaginiert.
Daniel
01:13:55
Ja, der hat zu viele Muskeln, wobei hier hat ihn das ja scheinbar nicht gestört.
Solveig
01:13:58
Eben, also der Barberini-Fan hat deutlich weniger Muskeln als der.
Daniel
01:14:01
Der ist der Torso, der sieht so verkrampft aus ein bisschen. Wo wir ja auch heute wissen, was heißt wissen, also davon ausgehen, dass es gar nicht der Herkules ist.
Solveig
01:14:10
Sondern der Ajax.
Daniel
01:14:11
Der Ajax, der sich gerade in sein Schwert stürzt. von dem nichts mehr zu sehen ist. Aber deswegen dieser Torso, so eine merkwürdige Haltung. Das müsst ihr euch dann, das ist in den Shownotes auf unserer Webseite oder einfach mal googeln. Dann diese drei Figuren, die sind wichtig. Der Laocoon, dann der Apollo von Belvedere und der Torso von Belvedere. Das sind so seine drei großen Highlights, was damit natürlich auch passiert und du hast es ja schon deutlich gemacht, dass du dich da durchzwängen musstest durch die Menge und eigentlich gar nicht selber entscheiden konntest, wie lange du dir den, Apoll jetzt angucken möchtest oder vielleicht doch noch den Laokorn, aber du bist gar nicht durchgekommen und das ist natürlich auch so ein Phänomen. Ich würde es sagen mit einem anderen Kunstkenner. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Da kann sich jeder so ein Gips-Apollon in seine gute Stube stellen. Und da habe ich in einem Ausstellungskatalog in Weimar gab es 2017 auch eine schöne Ausstellung, Winkelmann, Moderne Antike. Und da gibt es einen schönen Kommentar, den sie abgedruckt haben von dem Altphilologen Theodor Birth von 1895 über dieses Phänomen. Und was das vielleicht mit uns macht.
Solveig
01:15:18
Da ist er.
Daniel
01:15:19
Da ist er. Auf dem Cover ist der Torso. Und zwar von hinten.
Solveig
01:15:22
Oh, der Popo.
Daniel
01:15:23
Weil du hast ja auch vorhin bei der Waldnatur, dem Faun in München, der Rücken kann auch ganz zücken.
Solveig
01:15:31
Krannentzücken. Es ist nicht leicht.
Daniel
01:15:36
Bei dem gibt es nicht so viele Rückenfotos. Von dem Torso gibt es sehr viele, weil er halt die Muskelberge und die Meander, die meandernden Muskeln beschrieben hat. Deswegen wird der Torso immer von hinten auch fotografiert.
Solveig
01:15:48
Der Barbarini-Förner hat auch von vorne deutlich mehr zu bieten. Da sind dann die meisten schon...
Daniel
01:15:55
Das sind doch auch Ergänzungen. Man muss das vielleicht auch noch sagen, bei dem Laukon, den hat Herr Winkelmann anders gesehen als du.
Solveig
01:16:02
Ja, aber der Barbarini-Faun, da gab es Ergänzungen, die sind aber wieder entfernt worden. Also so wie er in der Kryptothek steht, so ist er.
Daniel
01:16:08
Mit allen Armen und Beinen.
Solveig
01:16:10
Nee, der hat nicht alle Arme und Beine. Dem fehlt was. Und, was ich auch gelesen habe, jetzt hier unter uns, sein Genital war noch vollständig.
Daniel
01:16:20
Das hast du da letztes Mal schon mit dem Pimmelschrank erzählt.
Solveig
01:16:23
Ja, pass auf.
Daniel
01:16:23
Oder es war im Nachklapp vielleicht.
Solveig
01:16:25
Genau, und das dachte ich da auch, aber ich habe das dann nochmal nachgelesen. der ist tatsächlich nie zensiert worden. Der ist erst im Transport nach München kaputt gegangen.
Daniel
01:16:34
Ach, lieber Gott. Da kommt man ja wieder dran kleben.
Solveig
01:16:37
Zumindest stand das da so, dass er da beschädigt wurde.
Daniel
01:16:39
Oder ist das dann die Tausendteile verschmettert worden?
Solveig
01:16:43
Vielleicht waren die Bayern dann ganz froh, da müssen wir nicht zentieren. Der ist auch, glaube ich, irgendwie mit so einem Feigenblatt schon noch ausgestimmt worden.
Daniel
01:16:49
Ja, dazu kommen wir gleich nochmal. Da gibt es auch noch ein schönes Zitat von Herrn Winkelmann, als das dann losgeht.
Solveig
01:16:54
Dass das alles peinlich ist und prüde.
Daniel
01:16:55
Peinlich, also, Das ist einfach, ja, Barberei. Also nochmal der Altphilologe Theodor Birth schreibt 1895 zum Abhol von Belvedere. Darf man noch von ihm reden? Diese eine Statue ist eine Kulturmacht geworden. Wie ein Pionier des Geriechentums ist er, der erkorne Winkelmanns, in unzählige gute Stuben unserer kleinen Leute eingedrungen, wo er glatt und niedlich in Ton oder Biskuit auf Schränken und Konsolen herumsteht und den Philistern bei Strickstrumpf und Bier verkündet, was ein hellenisches Ideal und was in griechische Haarknoten ist.
Solveig
01:17:29
Stimmt, der hat einen Haar.
Daniel
01:17:30
Ja, der hat so eine komische Frisur. Er hat hinten so ein Schleifchen aus seinen Haaren oben drauf.
Solveig
01:17:34
Ja, das Apoll, der hat dieses Schleifchen.
Daniel
01:17:35
Ich finde das Bild sehr schön. Der erhabene Apoll von Bilvedere. Und der steht natürlich jetzt bei Hertha Mayer im Berlin Wedding auf ihrer Kommode und staubt zu.
Solveig
01:17:46
Ich hätte ihn auch gern.
Daniel
01:17:47
Ein Biskuit. Ja, also wenn ihr uns eine Freude machen wollt.
Solveig
01:17:50
Aber ich hätte den Barbarit nicht fahren.
Daniel
01:17:53
Spendet uns noch ein bisschen Geld, dann kaufe ich eine Skit-Version oder Marmorsch, was das ist, Presse-Marmor-Staub, was man sich halt so leisten kann, von einem Apoll des Belvedere. Also ergänzen ist für Winklmann ganz wichtig, dass ich quasi in meinem Geiste, fehlende Körperteile dann mit meiner Vorstellungskraft ergänze und ergründe, was der Künstler wohl damit wollte.
Solveig
01:18:13
Weil ich meine, es wird ja dann auch körperlich ergänzt. Ist er da auch dafür oder sagt er, nein, das soll nur ein Geist passieren?
Daniel
01:18:18
Ja, das ist selbstverständlich damals. Also das findet er schon in Ordnung, dass man dann das ergänzt, nur dass man halt später noch den Arm von Laocon gefunden hat und der gar nicht ausgestreckt war, sondern so angewinkelt hinter den Kopf. Und so sieht er halt heute auch aus. Und das passiert natürlich immer wieder, so wie man halt jetzt drauf gekommen ist, das ist ja gar nicht der Herkules. Ja, so gibt es dann immer wieder Neudeutungen oder eben auch Funde. Ich frage mich, wie man dann später den Arm tatsächlich gefunden hat oder ob die den damals auch mit ausgegraben, aber in die falsche Kiste gepackt haben.
Solveig
01:18:46
Also die Sache ist ja die, man muss ja auch bedenken, dass die da in Rom, das ist ja zufällig immer nur finden. Also zum Beispiel beim Barberini-Faun, der ist ja irgendwie in der Engelsburg aufbewahrt worden und als die belagert wurde, hat man den als Geschoss benutzt.
Daniel
01:18:59
What?
Solveig
01:19:01
Und deswegen haben die den irgendwo gefunden und deswegen war der dann auch kaputt. Und dann wird der halt dann graben, weil sie irgendwelche Wasserleitungen machen oder so und finden das. Und eventuell haben sie dann da, wo sie den Laokon gefunden haben, nochmal gegraben und da war dann doch der Abend. Das kann ich mir auch vorstellen.
Daniel
01:19:17
Okay, das kann natürlich auch sein. Auf jeden Fall, endlich macht sich Winkelmann auf in die Stadt der Städte. Nach?
Solveig
01:19:26
Pompeji? Nein, Neapel. Entschuldigung.
Daniel
01:19:28
Erstmal Neapel. Februar 1758 macht er seine erste Reise nach Neapel und beschreibt es dann auch, wie er da ankommt. Und da darfst du jetzt nochmal uns nach Neapel führen mit den Augen von Herrn Winkelmann.
Solveig
01:19:41
Reise nach Neapel, wohin ich in acht Tagen abgehen werde. Auf diese Reise ist ein Teil meines künftigen Glücks gebaut und diese Reise ist das Allerwichtigste, was ich meinem Leben unternommen habe. Das Vergnügen, ein so wollüstiges Land zu genießen, wird sehr gemindert durch die große Brutsamkeit, die ich nötig habe, meine Person wohl vorzustellen. Ich bin von dem Kurprinzen aus eigenem Betrieb an die Königin rekommendiert. Ich soll den Kurprinzen von allen unterrichten. Ich komme mit einem großen Ruf nach Neapel und alle großen Häuser als ein Freund empfohlen. Und was das vornehmste ist, ich gehe mit der Absicht hin, vielleicht ein Mitglied der Gesellschaft zu werden, die über Altertümer schreibt.
Daniel
01:20:18
Ja, er spricht schon von der Königin von Neapel. Es ist leider noch nicht Maria Carolina. Die spielt noch in Wien. oder muss ich jetzt langsam fertig machen vielleicht. Noch ist es Ferdis Mutter. Und das ist eine sächsische Prinzessin gewesen, Maria Amalia von Sachsen. Die ist verheiratet mit König Karl VII. von Neapel. Allerdings wird er überall immer nur Karl III. genannt, weil er halt später in Spanien diese Nummer hatte. Nur um diese Verwirrung nochmal hier wieder mit reinzubringen. Und jetzt muss man sich das einfach mal klar machen. Stendal hatte zu Winkelmanns Zeiten immerhin wahrscheinlich so um die 3000 Einwohner. Das ist schon ordentlich. Sie haben ja auch ein Roland für Ihrem Rathaus. Also es ist kein Dorf, sondern eine Stadt. Gerade für altmärkische Verhältnisse. Aber Neapel? Einfach mal 300.000 Einwohner. Ist also auch um einiges größer als Rom.
Solveig
01:21:12
Und auch als Berlin.
Daniel
01:21:13
Und auch als Berlin, das auf jeden Fall. Und es könnte sein, dass diese wollüstige Stadt, damit ist jetzt nicht unbedingt der sexuelle Kontext gemeint, sondern einfach so umtriebig, voller Leben. Und es könnte sein, ich habe so das Gefühl, dass Winkelmann ein bisschen überfordert war. Also dass dieses altmärkische Jojo plötzlich in diese Weltmetropole kommt und es einfach so laut ist und dreckig und hektisch und eng. Und ja, irgendwie findet der Neapel scheinbar nicht so schön wie wir beide.
Solveig
01:21:44
Ja, man muss auch sagen, auch heute noch sind viele, die nach Neapel kommen, überfordert von Neapel. Also das ist vielleicht auch...
Daniel
01:21:50
Ja, das kann ich auch sagen. Ich war mit Familie da. Ich war ja im Mai. Habe ich das Vergnügen, Neapel zu sein. Und meine Reisebegleitung war auch nicht so angetan von Neapel. Die haben sich, glaube ich, eher gefreut, dass wir da abgefahren sind. Das tut mir sehr leid. Ich liebe Neapel. Ich weiß, es ist dreckig. Ich weiß, es ist anstrengend. Es ist runtergekommen.
Solveig
01:22:06
Es ist eine eigene Welt.
Daniel
01:22:08
Aber es ist einfach toll. Und jetzt muss ich es wiederfinden. Weil es nämlich eigentlich ganz interessant wird jetzt.
Solveig
01:22:17
Lernt er Neapel lesen kennen?
Daniel
01:22:19
Neapolitaner?
Solveig
01:22:20
Ich weiß.
Daniel
01:22:22
Lesen? Neapel lesen. Er findet die gar nicht so attraktiv, die Neapolitaner. Und das widerspricht nämlich auch seinem Konzept.
Solveig
01:22:30
Deswegen ist es vielleicht auch super vor.
Daniel
01:22:31
Weil er dachte, je weiter nach dem Süden man kommt, desto schöner werden die Menschen. Aber die sind nicht so schön, wie er sich das vorgestellt hatte.
Solveig
01:22:38
Sind ja auch keine Griechen.
Daniel
01:22:40
Ja, das, genau.
Solveig
01:22:42
Alle Herrlichkeit von der Natur ist nichts gegen Rom, welches nach meiner Meinung der einzige Ort, wo man angenehm, stille und wie ein jeder will, leben kann. Ich bin betäubt durch die große Wut von Menschen in Neapel und durch das unglaubliche Geräusch einer so volkreichen Stadt von bösen Menschen. Unter Kreaturen sind die Pferde die schönsten, Denn die Menschen haben sehr viel Afrikanisches und sie werden noch schrecklicher, wenn sie reden. Denn der Dialekt ist noch schlechter als der Bolognese. Eines hat mir unendlich missfallen an der Apel. Nämlich, dass man überall den hässlichen und afrikanischen Menschenschlag sieht. Il sangue brutto e africano. Das bringt mein ganzes System durcheinander.
Daniel
01:23:22
Plötzlich, nachdem ich jetzt die ganze Sympathie aufgebaut habe für Jojo, haut er hier einmal mal sowas raus. Sangue brutto e africano. Also das hässliche Blut und afrikanische Blut. Gut, es kommen nachher andere Stellen, die das vielleicht so ein bisschen relativieren. Ja, gut, er ist, Entschuldigung, ein Kind seiner Zeit. Und ich glaube, dass seine spürbare Enttäuschung hier eine wesentliche Rolle gespielt hat, dass da jetzt nicht weiße griechische Gottheiten in Neapel rumlaufen.
Solveig
01:23:53
Sondern einfache, normale Menschen.
Daniel
01:23:56
Ja und vor allem teilweise dreckige Menschen tatsächlich und arme Menschen. Ich erinnere nur an die Lazzarone, die ein Thema waren in der Maria-Carolina-Folge als die Königin von Neapel, die dort natürlich schon sind und die auch noch eine Weile bleiben und die teilweise auf der Straße leben und in Lumpen gehen und wenn die Lumpen voll Flöhe sind, dann laufen sie auch nackt rum, aber dreckig, nackt.
Solveig
01:24:18
Nicht heroisch nackt.
Daniel
01:24:19
Und das assoziiert er halt hier mit Sangue Brutto scheinbar. Und er wird diese Meinung noch relativieren. Das ist wirklich geschuldet, dieser 300.000 Einwohner Metropole, die ihn einfach überfordert hat. Er wird noch ein paar Mal nach Neapel fahren und dann schreibt er auch wieder nettere Sachen. Er ist natürlich ein Kind seiner Zeit und er hat diese Kategorien in seinem Kopf, die die Aufklärer da auch dann nochmal schön aufgemacht haben. Da kommt er nicht so ganz raus, aber er ist nicht der Schlimmste auf jeden Fall.
Solveig
01:24:49
Sagen wir es mal, es ist ein systemisches Problem, kein persönliches Problem.
Daniel
01:24:53
Und da kommen wir gleich nochmal zurück, wenn es um die Farbe nochmal geht. Denn jetzt ist er ja dort, wo in der Nähe tatsächlich ständig neue Sachen ausgegraben werden. Ein paar, drei Frauen hat er ja schon in Dresden gesehen. Aber da gibt es ja noch Pompeji, da wird auch gegraben. Und ich glaube, Pompeji ist ja wohl die bunteste Ort überhaupt, den man sich aus der Antike angucken kann. Den ganzen Fresken, die da kommen, da komme ich dann auch nochmal dazu. Vor allem aber bei diesem ersten Besuch fährt er nach Pestum. Das sagt dir was? Wow. Aber du hast ja auch Kunstgeschichte gemacht.
Solveig
01:25:22
Ja, ich kann das...
Daniel
01:25:23
Ist nicht weit weg von Neapel, ist halt so eine Bucht weiter.
Solveig
01:25:25
Es ist genau, dass das so eine Fischerstadt ist. Also ich kann es jetzt gerade nicht richtig einordnen. Ich habe schon vorhin gehört, dass das da in der Nähe ist.
Daniel
01:25:33
Und da stehen drei dorische Tempel. Und die hat er beschrieben. Und deswegen fährt Goethe auch nachher hin und sagt dann, was ist das für ein Scheiß? Also das ist ja voll langweilig.
Solveig
01:25:43
Ja, die sind halt auch schon ein bisschen alt.
Daniel
01:25:44
Aber der Goethe bleibt dann da ein paar, drei Tage und liest dann den Winkelmann nochmal und meditiert darüber. und dann nachher sagt er, ist doch ganz schön. Ist halt die edle Einfalt und stille Größe, Dorisch. Und nicht diese korinthischen Verzwirbeln. Also Dorisch ist das einfachste, älteste Säulenmodell.
Solveig
01:25:59
Dieses Bums.
Daniel
01:26:00
Es gibt diese drei Klassiker, die kennen bestimmt viele von euch. Das Dorisch hat quasi schnörkellos. Nur so, wie nennt man das? Diese, die Rillen in den Säulen. Die haben auch so einen tollen Namen.
Solveig
01:26:10
Weißt du auch nicht.
Daniel
01:26:11
Das beruhigt mich.
Solveig
01:26:12
Doch, ich wusste, es macht mich gerade wütend, weil ich weiß. Kannelliert.
Daniel
01:26:15
Kannelliert.
Solveig
01:26:15
Das sind kannellierte Säulen.
Daniel
01:26:17
Genau, also das haben die schon. Aber an dem Kapitel, also oben das Stück, wo dann was auch immer drauf ruht, da gibt es halt keine Schnörkel dran und gar nichts. Der Architraf. Und dann gibt es der Architraf, okay.
Solveig
01:26:27
Ich musste das alles mal auswendig lernen für eine Abschlusskursur. Es beruhigt mich, dass es wieder kommt.
Daniel
01:26:33
Bisschen Fachwissen, dafür gerne mit rein in die Folge. Was ich nur sagen will, danach kommen diese Ionischen, das kann ich mich noch erinnern. Das sind die mit den Schnecken quasi am Ende.
Solveig
01:26:40
Ja, mit den Röllchen.
Daniel
01:26:41
Mit den Röllchen, okay. Und da sind die aber noch so gerade Röllchen. Und dann kriegen die an den Ecken so hervorstehende Röllchen. und noch Blätter, Akantusblätter oder was? Das sind die Akantusblätter.
Solveig
01:26:52
Beziehungsweise Akantusblüten. Und da sind wir dann auch wieder bei Winkelmann. Das Dorische wird als maskulin gelesen und das Ionische als feminin, weil irgendwie diese Röllchen auch irgendwie so die Haare Ja.
Daniel
01:27:04
Wer weiß, ob er nicht diese Kategorie erfunden hat.
Solveig
01:27:07
Möglicherweise. Also muss man auch sagen, die Dorischen, das hat auch eine Proportion, also die müssen irgendwie so auf eine bestimmte Art des Prozentzahl Dicke wie Länge haben. damit das gilt. Und die Dorischen sind auch die massivsten. Also die sind am umfangreichsten in ihrem Umfang. Die Ionischen sind zarter und deswegen auch feminin und das Dorische ist maskulin. Ich glaube, das kommt aber schon von Vitruv. Das ist nicht Winkelmann.
Daniel
01:27:39
Auf jeden Fall wollte ich, ich habe es schon gesagt, er wird dann später versöhnt mit Neapel. Also er wird nochmal wiederkommen. 1767 zum Beispiel kommt er nochmal nach Neapel und darf dann mitarbeiten an dem Katalog einer Vasensammlung eines Engländers, der sich da besonders für griechische Vasen begeistert.
Solveig
01:27:55
Ach hier, der Ehemann von Emma.
Daniel
01:27:57
So schön, dass du von der Seite auskommst. Damals ist sie noch nicht da, die Emma. Das ist noch eine andere Frau, die nicht ganz so spannend war, wie die Emma das nachher wird mit ihren Attitüden. Also Sir William Hamilton, Der hatte da schon ein paar Vasen zu stehen, hat da jemand anderen schon für den Katalog angeheuert, aber der Winkelmann darf da nochmal mitarbeiten. Und er wird begleitet bei diesem Besuch von einer jungen deutschen Malerin.
Solveig
01:28:22
Von der Kaufmann?
Daniel
01:28:24
Genau, von Angelika Kaufmann. Und die hat ihn vorher nämlich tatsächlich auch schon gemalt in Rom.
Solveig
01:28:28
Das ist das Bild.
Daniel
01:28:29
Das ist ein sehr schönes Bild. Da hat er so eine Schreibfeder in der Hand, guckt versonnen an dir vorbei.
Solveig
01:28:35
Und den Turban auch.
Daniel
01:28:36
Nee, das ist nicht mit dem Turban. Der Turban, das ist ja hier so, sondern da ist er Jans natürlich und die Angelika Kaufmann hat sich auch an seine Schönheitsidealen orientiert, wie man jetzt malen soll. Also auch da die stille Größe, das Winkelmann spürbar, eben nicht mit Turban und dem Belzmantel.
Solveig
01:28:53
Ach, ich mag das am liebsten.
Daniel
01:28:55
Und es ist aber eben auch damals quasi etwas, womit sie den Durchbruch schafft. Das ist natürlich nicht unbekannt, sonst wäre sie auch an Winkelmann nicht rangekommen. Aber dass sie dann sagen kann, guck mal hier, das Gemälde von Winkelmann und nach den Prinzipien, die Winkelmann für schön jetzt propagiert hat, da kriegt sie dann natürlich viele Bestellungen nachher. und fährt dann halt dann noch mit ein bisschen rum, malt ja dann auch nachher Maria Carolina nochmal. Auch ein sehr schönes Bild von ihr. Also sie hat wirklich tolle Bilder gemalt, die einfach auch anders sind. Also diese Rokoko-Kram, die dann eben gerne gleichzeitig noch entsteht. Und wogegen, das muss man halt auch klar machen, die sich hier alle absetzen. Also dass die hier so abfahren auf diese Antike und die Weisheit und so, das hat ja vor allem damit zu tun, dass ihnen diese Rokoko-Kram einfach nicht mehr gefällt.
Solveig
01:29:40
Ja, also man merkt auch, wenn bei Angelika Kaufmann gerade die Bilder von Maria Carolina auch, dass sie weicher wird. Also die Linien werden weicher, dieses Kleid fällt weicher und wenn man dann eben die Hofmalereien aus den 1750ern nimmt, das ist alles noch sehr, sehr, auch die Linien sind sehr hart, die Kleidung ist sehr hart gemalt. Also man merkt tatsächlich den Moment, wo die Antike aufkommt, wird auf einmal alles weicher. Und natürlicher auch so ein bisschen. Sie haben immer noch gepuderte Haare und noch immer Perücken, aber auf einmal fließt das alles.
Daniel
01:30:12
Auf die Gemälde sieht Maria Korridi da schon rothaarig aus. Ja, aber das ist auch nur de fairness.
Solveig
01:30:18
Ich glaube, das ist de fairness, weil ihr Haar ist auf jeden Fall auch schon, hochgetuft, also die Haare werden auch höher, also das ist immer noch, ist ihr echtes Haar, aber mit Puder und Pomade, also die Haare werden nochmal groß. A la Marie Antoinette. Also so natürlich sind sie noch nicht. Aber es passiert, es kommt.
Daniel
01:30:36
Für diese erste Neapel-Reise musste er noch einen neuen Arbeitgeber vertrösten, der auf ihn wartet. Und da wird er dann aber auch bleiben dauerhaft. Wenn er dann nach Rom zurückkehrt, geht er zu Kardinal Albani oder Albani, ich weiß nicht, wo die Betonung ist. Der hat natürlich auch eine Bibliothek, aber vor allem hat er auch eine große Antikensammlung. Denn es ist natürlich so eine Zeit, muss man auch sagen, wo da in Herkulaneum und Pompeji ständig was gefunden wird, kann man auch viel verticken. Und das ist ein blühender Handel. Und wie ich gelesen habe, ist das heute auch noch. Allerdings heute von der Mafia betrieben. Neben Drogen quasi das große Zweitgeschäft, antike Statuen. Damals wird das aber ganz offen, natürlich, gehandhabt.
Solveig
01:31:20
Ich meine, noch gehört ja Griechenland zum Osmanischen Reich, da kommt man noch nicht so weit rein wie 100 Jahre später.
Daniel
01:31:24
Deswegen habe ich mich natürlich auch immer gefragt, warum fährt er eigentlich nach Italien?
Solveig
01:31:28
Weil sie nicht nach Griechenland kommen.
Daniel
01:31:29
Ja, okay. Könnte dann schwieriger sein für ihn. Deswegen freuen sie sich dann, wenn dann sowas da ausgegraben wird. Und die Neapolitaner sind nachher auch ehrlich gesagt nicht so gut auf ihn zu sprechen. Weil, also nicht weil er da Leute Sachen gekauft und mitgenommen hat, sondern weil er denen halt gesagt hat, sorry, aber das ist griechische Importware. Hat er sich natürlich sehr gefreut drüber. Aber die Neapolitaner waren alle sauer, weil die natürlich gesagt haben, nein, das ist unser Werk.
Solveig
01:31:53
Das ist römisch.
Daniel
01:31:54
Ja. Und dass er da überhaupt rein durfte oder sich das angucken konnte, diese ganzen Ausgrabungen und was das schon im Museum war, das hat auch sehr lange gedauert, bis man ihn da reingelassen hat. Das ist natürlich die Fürsprache der Königin vom Sächsischen Hof. Die sagt, der Winkelmann, der muss sich das angucken, der darf aber keinen Stift mitnehmen und auch kein Heft zum Augennotizen machen. Weil erst der König und die Regierung unter dem... Minister Tarnucci, ihren eigenen Katalog herausbringen wollen mit den Ausgrabungen aus ihrem Land und vorher soll das niemand machen. Und er ist da so ein bisschen eigentlich für Spionage für den sächsischen Hof zuständig. Der kann sich das auch merken, wie das ausgesehen hat und das später beschreiben einfach und dann seinen Bericht nach Dresden schicken. Aber das fand ich ganz süß. Aber du darfst ja kein Heft mit und kein Stift. Bitte nicht fotografieren. Also er geht zurück nach Rom zu eben jedem Kardinal, von dem ich vorhin schon gesprochen habe, der zwar nur Diakon ist, nie Priester geworden ist und auch entsprechend da ganz frei mit seinen Mätressen umgeht.
Solveig
01:33:01
Auch Kardinal Diakon.
Daniel
01:33:03
Eben, genau. Und das ist er dann auch.
Solveig
01:33:05
Die ihm am meisten Spaß haben, glaube ich.
Daniel
01:33:08
Und eben dann Casanova einladen und bei der Mätresse sich unterhalten mit dem.
Solveig
01:33:13
Der war gerade in den Niedischwaltband voran.
Daniel
01:33:15
Also die vertröstet er dann nochmal, weil er auch nochmal eine Einladung nach Florenz bekommen hat. Da hält er sich auch noch eine Weile auf. Das ist nochmal ein großes Thema. Mich interessiert es ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig. Das ist Baron Philipp von Stosch, bei dem er sich da aufhält, weil der auch einen Katalog braucht für seine Sammlung. Und zwar hat er ein besonderes Spezialgebiet. Er sammelt Gemmen. Kannst du mal sagen, was das ist eigentlich?
Solveig
01:33:41
Das sind so geschnitzte Edelsteine. Das sind die, das haben die dann auch so als Halsband und so Josefine mobs Napoleon, die um sie ihren Hofdarm als Schmuck zu geben schwer da sich massiv und es gibt dann so einen englischen Unternehmer.
Daniel
01:33:56
Der sich auch inspirieren lässt nachher von diesen ganzen Katalogen und Mr. Wedgwood der dann auch solche in dem gleichen Style und da so Porzellan rausbringt und Keramiken jedenfalls auf jeden Fall hat dieser Baron von Stosch 3444, Gämmen rumliegen da kannst du jetzt sagen, ja okay sind auch klein, passen in eine Schublade, aber er hat auch noch 28.000 Abgüsse von anderen Gämmen und die kann man sogar noch besser erkennen, weil in dem Abguss kannst du noch mehr Details dann erkennen, und in Sternrad übrigens gibt es dann die Kopien davon.
Solveig
01:34:30
Von den Abgüssen.
Daniel
01:34:31
Von den Abgüssen und den Gämmen und die werden auch später verkauft, denn darum geht es eigentlich, er soll den Katalog machen, damit man dann die Sammlung später verkaufen kann Die kreilt sich dann Friedrich der Große Das heißt, das gibt es heute hier auf der Museumsinsel.
Solveig
01:34:44
Es bleibt in der Familie Es bleibt alles hier.
Daniel
01:34:46
Und es ist aber eigentlich ganz interessant, was denn eigentlich die Aufgabe dieses Baron Philipp von Stosch war. Der war nämlich ein englischer Agent und er war da zur Überwachung eines Exzellenten. James Francis Edward Stuart, den seine Verehrer und Folger Jakob III. genannt haben und ihm eben einen Anspruch auf den englischen Thron zu erkannten. Der hat sich auch ganz lange in Frankreich am französischen Hof aufgehalten, aber nachdem man dann da in einem Friedensschluss mit England…, Nach dem spanischen Erbfolgekrieg musste man sagen, der muss weiter weg. Und seitdem war der halt in Italien unterwegs. Und nicht nur der Baron von Stosch, wahrscheinlich auch noch andere, sollten den regelmäßig im Auge behalten und wurden dann dafür entlohnt. Und konnten sich ein paar Gämmen davon leisten.
Solveig
01:35:33
Ich meine, es gibt ein schlimmeres Schicksal, als in Italien im Exil zu sein.
Daniel
01:35:38
Interessanterweise ist Florenz damals aber auch so ein Schwulenmecker. Also es gibt da jetzt keine Nähe, ich hatte keine Lust mehr. Ich finde, die ganzen Briefe aus dieser Zeit jetzt nicht so interessant. Aber Winkelmann ist da offenbar tatsächlich auch nochmal unterwegs. Und versucht dann doch nochmal Glück zu finden. Ja gut, aber der will ja nicht nur die Wollust befriedigen. Der ist ja letztlich immer noch auf der Suche nach dem Glück in seinem Leben.
Solveig
01:36:02
Ja, aber das ist da vielleicht wahrscheinlicher als anders.
Daniel
01:36:05
Ich wollte es nur deshalb erwähnen, weil man quasi Florenza sagt damals, wenn man jemanden bezeichnet, der auf Männer steht.
Solveig
01:36:13
Achso.
Daniel
01:36:14
Also insofern muss die Stadt da eine bestimmte Tendenz gehabt haben oder eben eine bestimmte Freiheit zugelassen haben. Auf jeden Fall, dann kommt er zurück nach Rom, fängt jetzt endlich an bei dem Kardinal. Der baute sich gerade einen neuen Palazzo, hat dann gleich fünf Zimmer für Winkelmann in dem Palazzo reservieren lassen. Nebenbei, das hat er natürlich vorher schon gemacht, arbeitet er immer als Fremdenführer. Also der Kardinal hat dann Gäste wie Casanova und andere. Den Fürsten von Anhalt-Dessau, der ist auch sehr beeindruckt von der Führung durch Herrn Winkelmann. Fährt nach Hause, nach Wörlitz und lässt sich dann da mal locker einen Park bauen. So wie die Antike nach Winkelmanns Meinung eben ausgesehen hat. Inklusive, ich glaube da ist es mit dem Nachbau des Vesuv, der einmal im Jahr zur Explosion gebracht wird. Und der Villa, in der Sir William Hamilton und Emma Hamilton gewohnt haben, die ist auch nachgebaut in Wörlitz. Wahnsinn. Also wenn es nicht reicht nach Italien, wenn ihr seid in der Nähe von Wörlitz, Dann könnt ihr quasi Winkelmanns Antike und Italien da nochmal nachspüren. Ja und nicht nur der Fürst von Anhalt-Dessau kommt, sondern auch irgendwie einige Schweizer, mit denen er dauerhaft Kontakt hält, die ihn auch teilweise unterstützen wollten, beziehungsweise dann da Connections nochmal in der Schweiz für ihn organisiert haben, um vor allem Geld zu finden. Da kommt aber nachher ein schöner Brief, ja wenn wir gewusst hätten, dass der zum Katholizismus konvertiert ist, dann hätten wir ihm aber kein Geld gegeben. Aber mit einigen Schweizern hält er da regelmäßig Kontakt und auch relativ offenherzig. Und 1763 wird er eben Präfekt der römischen Altertümer. Das muss man sich mal vorstellen. Da kommt so ein Junge aus Stendal, so ein Ausländer aus der Altmark nach Rom und wird da Präfekt der römischen Altertümer. Das heißt, er hat die Kontrolle über alles Antike in dieser Stadt und eben auch darüber, welche antiken Schätze aus der Stadt ausgeführt oder sogar aus dem Kirchenstaat ausgeführt werden müssen. Das heißt, er muss auch noch jeden zweiten Tag Dienstreisen machen, zum Hafen zum Beispiel, um zu gucken, ob da nicht ein paar Stadion zu viel auf das Schiff geladen werden, das er nach England fährt oder so. Also das hat er alles unter seiner Kontrolle. Und finde ich ganz interessant, weil heute, es gibt so Diskussionen ja in Italien zurzeit, ob Ausländer überhaupt so Kulturinstitutionen leiten sollen, dürfen.
Solveig
01:38:27
Können.
Daniel
01:38:28
In Florenz gab es da Probleme. Das hat aber auch mit dem Zitat zu tun, dass die, ich weiß nicht, wie sie heißt, die ehemalige Direktorin der, also jetzt ehemalige Direktorin der Galerie dell'arte Florenz als Hure bezeichnet hat. Es ging da um den Overtourism. Ich kann es durchaus nachvollziehen. Ich glaube viele Leute in Florenz auch, aber nicht die politische Führung. Und mir fehlt noch ein, weil es ja hier um Pestum ging, dass dort Direktor war Gabriel Zuchtriegel, der jetzt Pompeji leitet. Und von dem hatte ich nämlich ein Buch gelesen darüber, dass die Mafia eben auch gerne heute noch Sachen verdickt und Leute natürlich immer Erinnerungsstücke gerne auch aus Pompeji mitnehmen. Und wenn es nur ein Stein ist oder so, was da so abgebrochen ist von einer Statue vielleicht. Und im selben Jahr, ich glaube es war im selben Jahr, wird eben auch ein Papst gewählt und das ist Clemens der 13. Der ist in unserer letzten Folge mal gefallen, aber der war noch nett zu den Jesuiten. Er versucht die zu schützen. Aber was er nicht mag, sind Pimmel. Ist jetzt Schluss mit dem ganzen pornografischen Zeug bei mir im Museum.
Solveig
01:39:37
Aber die sind doch so klein. Würdevoll.
Daniel
01:39:43
Doch, das ist in der Griechschwund. Der kleine ist gut.
Solveig
01:39:48
Der große ist schlecht.
Daniel
01:39:49
Er hat sich halt unter Kontrolle.
Solveig
01:39:51
Nur Kentauren haben große Pimmel. Und Sartöre.
Daniel
01:39:54
Ich sage es nur, das ist übrigens ein Begriff, den Zollwerk gebraucht hat. Ich bin nicht mehr sicher, ich glaube, du hast es nicht während der Folge öffentlich gesagt, sondern nur für unseren eingeschworenen Kreis. Aber jetzt verraten wir es allen. Du hast damals die These aufgestellt, es gäbe einen Pimmelschrank im Vatikan und es wurde dir davon berichtet.
Solveig
01:40:10
Genau, irgendwie zwei Personen unabhängig voneinander haben mir das erzählt. Ich habe diesen Pimmelschrank nie gesehen.
Daniel
01:40:17
Diese jeweiligen Körperteile dann abgeschlagen wurden, aber weil es halt antike Schätze sind, nicht weggeschmissen, sondern entsprechend katalogisiert, aufbewahrt. Ich stelle das sehr in Frage, ob sowas existiert. Nachweislich ist eben, dass unter Clemens dem 13. bronzene Blätter existiert. vor das Gemächt dieser Staat schon angebracht wurden. Und da schauen wir nochmal, was Winkelmann davon hält. Der schreibt dann auch aus Florenz an seinen Kardinal Albani.
Solveig
01:40:45
Aber kurz, das weist ja darauf hin, dass damals die Pimmel alle noch erhalten waren. Weil wenn man heute in antiken Sammlungen geht, sind die ja alle weg.
Daniel
01:40:52
Ja, vielleicht nicht alle. Es gibt ja auch nicht, es gibt ja dann noch mehr Teile.
Solveig
01:40:56
Ja, aber der eine...
Daniel
01:40:58
Die sind dann auch größer als das zurückhaltende Teil meistens.
Solveig
01:41:01
Das ist korrekt.
Daniel
01:41:03
Ich mag es nicht aussprechen, ich kenne die lateinischen Wörter.
Solveig
01:41:06
Ich möchte nur mal darauf hinweisen, dass immer, wenn du in antiken Sammlungen heute bist, wird dir erzählt, naja, das bricht halt als erstes weg zusammen mit den Nasen, weil das so weit vorsteht und dann, wenn da was drankommt, dann ist das sehr empfindlich. Aber damals scheinen sie ja noch dran gewesen zu sein, sonst hätte man ja nicht diesen großen Aufriss mit den Feigenblättern veranstaltet. Eminentissimo Principe, ich kann mich nicht enthalten, Ihnen von einem Gerüchtkenntnis zu geben, in dem zufolge Sua Santita seine Heiligkeit das allzu Nackte an den antiken Statuen bedecken lassen will. Ich male an mir aus, wie man dem Apollo über dem Gemächt ein Loch bohren und ein Blech daran befestigen wird, wie man es bereits in der Villa Pamphilie gemacht hat. Ich kann es einfach nicht glauben und baue auf die Autorität und den Einfluss eurer Exzellenz, dass dieses skandalöse Vorhaben nicht ausgeführt wird. Ein Blechblatt, obwohl Sua Skrupulosita seine Skrupelhaftigkeit sie näh sehen wird. Es fehlte nicht viel, dass man sie kastrierte nach der Sitte des Zereis des Türkenherrschers. Der Herr Kardinal Albani fügt sich dem insoweit, als er den Statuen, die er restaurieren lässt, jenes Teil, wenn es abgebrochen ist, nicht ergänzen lässt. Doch solche ohne Hoden nimmt er nicht. Wir wünschen fast durchgehend den Tod dieses guten Papstes.
Daniel
01:42:24
Das ist eine drastische Aussage. Das war jetzt noch aus einem zweiten Brief gleich mit drangehangen. Also Clemens XIII. ist der Schrecken der Altertümer.
Solveig
01:42:33
Das ist die Pimmelinnerung.
Daniel
01:42:36
Seine Skrupelhaftigkeit. Clemens XIII. Ja, jetzt sind die Blechblätter wieder weg mittlerweile. Aber das halte ich dann doch für glaubhafter als das Abschlagen und Verwahren in einem extra Schrank. Ja und in dieser ganzen Zeit arbeitete er überhaupt erst an seinem Hauptwerk, mehrbändig, die Geschichte der Kunst des Altertums. Jetzt ist der große Rundumschlag und da geht es vor allem auch nochmal um die Definition überhaupt von Schönheit. Und da gibt es einen wesentlichen Unterschied. Also ich gucke mir etwas an und sage, wow, das sieht aber toll aus. Das wäre dann eher Gefälligkeit. Das gefällt mir auf irgendeine emotionale Art und Weise. Fährt mir das in die Glieder, aber der Verstand ist dann dazu da, die Schönheit eigentlich zu begreifen. Und da schauen wir doch nochmal jetzt in diese Geschichte der Kunst des Altertums hinein. Wie erkenne ich eigentlich Schönheit? Die Ursache liegt in unseren Lüsten, welche bei den meisten Menschen durch den ersten Blick erregt werden und die Sinnlichkeit ist schon angefüllt, wenn der Verstand suchen wollte, das Schöne zu genießen. Als dann ist es nicht die Schönheit, die uns einnimmt, sondern die Wollust. Dieser Erfahrung zufolge werden jungen Leuten, bei welchen die Lüste in Wallung und Gärung sind, mit schmachtenden und brünstigen Reizungen bezeichnete Gesichter, wenn sie auch nicht wahrhaftig schön sind, Göttinnen erscheinen und sie werden weniger gerührt werden über eine schöne Frau, die Zucht und Wohlstand in Gebärden und Haltung zeigt, welche die Bildung und die Majestät der Juno hätte. Die Begriffe der Schönheit bilden sich bei den meisten Künstlern aus solchen unreifen ersten Eindrücken, welche selten durch höhere Schönheiten geschwächt oder vertilgt werden, zumal, wenn sie entfernt von den Schönheiten der Alten ihre Sinne nicht verbessern können. Also Schönheit durch den Verstand. Man muss unterscheiden können. Ist es Wollust oder ist es doch schon mehr? Kann ich wirklich begreifen und das durchdringen. Und da kommt er eben zu dem Michelangelo und dem Bernini. Der eine hat es begriffen und der andere ist bei der Wollust. Der Michelangelo hat nämlich sein Torso quasi abgemalt in der Sixtinischen Kapelle. Da gibt es eine Figur, die den Torso von Belvedere quasi als Teil ihres eigenen Körpers hat. Michelangelo ist natürlich toll.
Solveig
01:44:55
Aber der David hat Adern an den Händen.
Daniel
01:44:57
Ja, das stimmt natürlich. Aber gut, man kann ja nicht mal alles haben.
Solveig
01:45:00
Okay.
Daniel
01:45:01
Es gab halt Schlimmere.
Solveig
01:45:02
Ist ja auch kein Gott, ist ja Mensch.
Daniel
01:45:04
Also bei den einen ist die Bildung jugendlicher Schönheiten erhärtet worden, wie im Michelangelo. Oder es hat sich dieses Gefühl durch eine pöbelhafte Schmeichelei des groben Sinnes, um demselben alles Begreiflicher vor Augen zu legen, mit der Zeit gänzlich verderbt, wie im Bernini geschehen ist. Michelangelo ist gegen den Raphael, was... Ki, die das gegen den Xenophon ist. Bernini ergriff eben den Weg, welcher jenen wie ihn unwegsame Orte und zu steilen Klippen brachte und diesen hingegen in Sümpfe und Lachen verführte, denn er suchte Formen aus der niedrigsten Natur genommen, gleichsam durch das Übertriebene zu veredeln und seine Figuren sind wie der zu plötzlichem Glücke gelangte Pöbel.
Solveig
01:45:49
Ist halt barock.
Daniel
01:45:50
Mein Gott. Ja, Barock ist ja Mist. Deswegen ist schon klar, dass er das nicht leiden kann. Und apropos Form. Form hat hier schon eine Rolle gespielt. Ich komme nochmal zu einer anderen Stelle, die dir in Teilen bekannt sein wird und euch allen, weil du sie schon einmal gebraucht. Die Schönheit wird durch den Sinn empfunden, aber durch den Verstand erkannt und begriffen, wodurch jener meistenteils weniger empfindlicher auf alles, aber richtiger gemacht wird und werden soll. In der allgemeinen Form aber sind beständig die meisten und gesittetsten Völker in Europa, sowohl als in Asien und Afrika übereingekommen, daher die Begriffe derselben nicht für willkürlich angenommen zu halten sind, ob wir gleich nicht von allen Grund angeben können. Die Farbe trägt zur Schönheit bei, aber sie ist nicht die Schönheit selbst, sondern sie erhebet dieselbe überhaupt und ihre Formen. Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die meisten Lichtstrahlen zurückschickt, folglich sich empfindlicher macht, so wird auch ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist. Ja, er wird nackend dadurch größer, als er in der Tat ist, erscheinen, so wie wir sehen, dass alle neu in Gips geformten Figuren größer als die Statuen, von welchen jene genommen sind, sich vorstellen. Ein Moor könnte schön heißen. Wenn seine Gesichtsbildung schön ist. Und ein Reisender versichert, dass der tägliche Umgang mit Mohren das Widrige der Farbe benimmt und was schön an ihnen ist, offenbart, so wie die Farbe des Metalls und des schwarzen oder grünlichen Basals der Schönheit alter Köpfe nicht nachteilig ist. Der schöne weibliche Kopf in der letzten Art Stein in der Villa Albani würde in weißem Marmor nicht schöner erscheinen. Der Kopf des älteren Scipio im Palast der Rospigliosi in einem dunklen Basalte ist schöner als drei andere Köpfe desselben in Marmor. Diesen Beifall werden besagte Köpfe nebst anderen Statuen in schwarzem Stein auch bei ungelehrten erlangen, welche dieselben als Statuen ansehen. Es offenbart sich also in uns eine Kenntnis des Schönen auch in einer ungewöhnlichen Einkleidung desselben und in einer der Natur unangenehmen Farbe. Es ist also die Schönheit verschieden von der Gefälligkeit. Ich entschuldige mich für den merkwürdigen Anteil. Aber worum es mir eigentlich ging, du hast es vor allem auf diesen einen Halbsatz bezogen letztes Mal. Worum es hier vor allem geht, ist die Form entscheidet und nicht die Farbe. Also natürlich steht er mehr auf den weißen Marmor. Aber er mag eben auch dunkle Basaltköpfe. Die können schöner sein als die Marmorköpfe. Wenn die Form stimmt. Und deswegen gibt es ja auch noch einen langen Absatz über Nasen und Augen und ihre Stellung im Gesicht.
Solveig
01:48:39
Ja, aber man merkt ja schon, dass er da einen Unterschied macht.
Daniel
01:48:44
Ich glaube, er hat eine klare Prämisse für den glänzenden weißen Marmor. Aber es ist jetzt nicht durchgreifend null.
Solveig
01:48:51
Ja, aber der Punkt ist, es geht natürlich nicht darum, dass er sagt, die sind hässlich und wir sind gut. Aber man merkt schon eine gewisse Hierarchisierung, wie da in seinem Denken rauskommt. Und da sind wir ja wieder bei dem Punkt, was du schon gesagt hast, er ist eben ein Kind seiner Zeit, er ist auch so aufgewachsen, er ist nicht die Person, die das jetzt vielleicht ausformuliert, aber man merkt es einfach, wie es mitschwingt.
Daniel
01:49:15
Aber man muss ihm auch zugestehen, er ist lernfähig.
Solveig
01:49:17
Oh ja.
Daniel
01:49:17
Ja. Weil apropos Farbe, du hast letztes Mal gesagt, der Winkelmann ist schuld, dass man da die Farbe abgewischt hat. Nein, das ist er nicht.
Solveig
01:49:25
Das war ja auch eine Zusatz.
Daniel
01:49:26
Er hat niemandem gesagt, mach die Farbe von der Statue ab. Sondern in seiner Zeit wird die Artemis von Pompeji entdeckt, an der eben noch deutliche Farbe zu erkennen war. Er beschreibt sie als die heterurische Diana, weil Farbe ist natürlich heterurisch.
Solveig
01:49:44
Wer ist damit gemeint? Das sind die Etrusker.
Daniel
01:49:45
Das sind die Etrusker, weil klar, Farbe, das sind die Etrusker.
Solveig
01:49:48
Die waren davor, aber ist egal.
Daniel
01:49:50
Das ist ihm durchaus bewusst, dass die davor waren, dass sie nicht nachträglich die angemalt haben. Er sagt halt erstmal, das ist eine heterurische Diana, klar, das hat die Farbe. Und später ist es halt schöner geworden.
Solveig
01:49:59
Dann haben sie es eingesehen.
Daniel
01:50:00
Und dann hat er aber doch gemerkt, nee, guck mal, die ist ja doch griechisch. Und was er wirklich gemacht hat, er hat diese Geschichte des Altertums, war fertig gedruckt, er hat sofort für sich ein Exemplar genommen und da leere Seiten einschießen lassen, um seine eigenen Verbesserungen dann da reinzuschreiben. Also es ist klar, dass die der nächsten Auflage dann nicht mehr die heterorische Diana ist, sondern eben als griechische Skulptur, bemalte griechische Skulptur beschrieben wird. Und er sagt dann selber, wir sind heute klüger, als wir gestern waren.
Solveig
01:50:28
Aber leider setzt sich das ja nicht durch.
Daniel
01:50:30
Ja, die zweite Auflage hat sich dann keiner mehr gekauft, weil ich habe ja schon die erste zu Hause stehen.
Solveig
01:50:34
Das ist halt das Problem.
Daniel
01:50:35
Ja, genau. Und ganz interessant ist eben auch, und da kommt diese Bewertung vielleicht eher noch mit rein, er spricht von vier Kulturnationen. Und zwar sind das die Ägypter, die Etrusker, die Griechen und die Römer. Und das finde ich ganz spannend, weil es gibt ja dann auch diese Vorstellung dieser vier Weltreiche, die sich in der Geschichte ablösen nach einem Traum, den der Prophet Daniel hatte. wenn mich nicht alles täuscht, war das Babylon und Persien und das Reich Alexanders des Großen und vor allem am Ende Rom.
Solveig
01:51:06
Deswegen müssen wir uns auch immer noch in die römische Nachfolge stellen, weil sonst geht die Welt unter. Wenn die Römer zu Ende sind, sind wir zu Ende.
Daniel
01:51:12
Müssen wir im heiligen römischen Reich leben. Bis ans Ende unserer Tage. Das kann ja nicht anders sein. Das ist ja das Letzte, dieser Reiche. Interessant ist halt vor allem, dass er eben sagt, er hat diese Abfolge auch von vier Kulturnationen, aber bei ihm sind halt die Griechen auf der höchsten Stufe und da nochmal eben besondere Epochen. Und die Römer sind nur noch der Abklatsch. Und wir müssen halt uns, das war ja seine erste Aussage, in seinen ersten kleinen Publikationen, also wir können eigentlich nur groß werden, indem wir uns möglichst den Griechen wieder annähern, der Höchsten dieser Kulturnationen. So, und dann hatte ich schon gesagt, Pompeji ist aber doch ziemlich farbig, wenn man da heute durchspaziert oder sich im Museum in der Apel umguckt, bei den ganzen Fresken, die man da abgeschlagen hat. Alles schön bunt und offenherzige Szenen teilweise und aber auch sehr süße Gesichterdarstellungen. Und er beschreibt in seiner Geschichte des Altertums, der Kunst des Altertums, eben auch ein Fresko aus Pompeji, das jüngst entdeckt wurde, aber im Geheimen entdeckt wurde. Und natürlich dummerweise auch zerschlagen wurde und zwar geht es um sein Lieblingsmotiv, das ist Jupiter und Ganymede. Was hast du noch sagen? weißt du noch?
Solveig
01:52:22
Ja, also Ganymede ist ein Jüngling. Teilweise, ich glaube, war es nicht sogar Bernini, der den auch darstellt?
Daniel
01:52:28
Wo möglich.
Solveig
01:52:28
Ich glaube, Bernini hat den auch dargestellt. Der ist ja noch tatsächlich sehr jung.
Daniel
01:52:32
Aber nicht so erhaben.
Solveig
01:52:33
Zwölf oder so. Oder ist das Thorwalds? Nicht das Thorwalds, was ich im Kopf habe.
Daniel
01:52:39
Hat er dem Winkelmann auf Denkmal gesetzt?
Solveig
01:52:41
Ja, das ist, das zeige ich dir gleich, das ist sehr süß. Also da ist Ganymede tatsächlich noch so präpubertär, so zwölf. und also die Geschichte geht gar nicht mit, es ist ein Jüngling, der ist so wunderschön, dass Zeus sich in ihn verliebt und wie Zeus das so halt macht, er kann ja nicht, Selber hin, weil sonst wird ja seine Frau sofort sauer und haut ihn. Deswegen verwandelt er sich in einen Adler. Und Ganymed ist irgendwie, ich weiß nicht, der bedient Leute oder bedient ihn. Auf jeden Fall gibt es diese Statue. Und ich glaube, es ist Thorvaldsen, wie Ganymed der Jüngling dem Adler so eine Schale Wasser hinhält. Und der Adler schmiegt sich so an ihn und trinkt dann daraus. Und in dem Moment, wo Ganymed eben dem Adler Wasser gibt, greift der Adler ihn und trägt ihn hinfort.
Daniel
01:53:26
Also auf diesem Fresco ist kein Adler, sondern ein älterer Mann. Ganymedes ist der junge Mann, der sich da an den Herrn schmiegt. Winkelmann beschreibt, Ganymedes schmachtet vor Wollust und sein ganzes Leben scheinet nur ein Kuss zu sein. Das ist schon sein Motiv. Er wollte sich, glaube ich, sehr, dass dieses Fresco da gefunden wurde und zwar abgerissen, aber dann wieder zusammengesetzt wurde und über geheime Kanäle konnte er dann doch eben dieses Fresco schon sehen und er ist voll verarscht worden.
Solveig
01:53:57
Ist gefakt?
Daniel
01:53:58
Ja, es war gefakt und das passiert öfter in der Zeit. Also es gibt wohl drei Dinge, die er beschreibt in diesem Buch, die halt fake sind nachweislich. Das hier ist aber richtig fies, weil das ist eigentlich jemand, den er als Freund betrachtet. Das ist nämlich der Maler Anton Raphael Mengs. Er hat es allerdings erst quasi auf seinem toten Bett gestanden, dass er das gefakt hat, aber es war wohl einigen vorher schon klar. Und Mikkelmann hat es auch mitgekriegt und fühlt sich dann hintergangen und vor aller Welt lächerlich gemacht.
Solveig
01:54:25
Weil er hat es nicht gemerkt.
Daniel
01:54:27
Naja, zumindest das Buch war schon draußen. Also ja, das ist natürlich wirklich richtig scheiße. Aber es spricht für Herrn Mengs, sein Können.
Solveig
01:54:35
Der große Mikkelmann.
Daniel
01:54:36
Dass er auch sein Ideal erfüllt hat, genau.
Solveig
01:54:38
Und vielleicht war er da auch so ein bisschen persönlich so sehr berührt, dass er da vielleicht nicht genau hingeguckt hat. Dass er vielleicht auch wollte, dass es echt ist.
Daniel
01:54:47
So, und dann gibt es nachher nochmal ein Werk nachgeschoben. Und zwar die Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst und dem Unterricht in derselben. Das ist quasi nochmal die didaktische... Das didaktische Begleitmaterial zu dem ersten Band. Das eigentlich Interessante ist, das ist von 1763 und das ist ein Sendschreiben. Das war mir gar nicht so klar, dass man auch solche wissenschaftlichen Werke, Kunstbeschreibungen im Sinne quasi eine Nachricht an Freunde, Fürsten und so weiter gesandt hat. Deswegen ist das dann mal an eine Person gerichtet, also nicht nur gewidmet, sondern sie hat einen Empfänger. Und normalerweise schickst du das natürlich dem König von Sachsen, weil du hoffst, dass der demnächst mal ein gut dotiertes Hofamt für dich hat oder den Papst oder deinem Kardinal, von dem du abhängig bist oder so. Und er schreibt aber dieses Senschreiben, die Abhandlung von der Fähigkeit und so weiter, an den edelgeborenen Freiherrn Friedrich Rudolf von Berg in Liefland. Who the fuck is Rudolf von Berg? Fragen sich da wahrscheinlich die meisten Leser.
Solveig
01:55:50
In Liefland.
Daniel
01:55:52
In Liefland, ja genau. Ja, offenbar war das ein Tourist in Rom, den er da oben geführt hat. Und was passiert ist? Sein Herz ist erneut entflammt.
Solveig
01:56:04
Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben.
Daniel
01:56:06
Und das merkt man nicht nur in Briefen. Es gibt noch einen Brief, den werden wir noch reingucken. Sondern man merkt es auch an dem Sendschreiben selbst. Der Verfasser der Biografie, auf die ich mich hier stütze, Wolfgang von Wangenheim, hat es so schön beschrieben. Er sagt, was folgt, ist wie ein Privatbrief, der versehentlich zum Druck befördert worden ist.
Solveig
01:56:26
Aus Versehen an alle senden.
Daniel
01:56:30
Scheiße, wie kann ich mir das zurückrufen? Mein Freund, der Inhalt der vorliegenden Abhandlung ist von Ihnen selbst hergenommen. Unser Umgang ist kurz und zu kurz für Sie und für mich gewesen, aber die Übereinstimmung der Geister meldete sich bei mir, da ich sie das erste Mal erblickte. Ihre Bildung ließ mich auf das, was ich wünschte, schließen, und ich fand in einem schönen Körper eine zur Tugend geschaffene Seele, die mit der Empfindung des Schönen begabt ist. Es war mir daher der Abschied von Ihnen einer der schmerzlichsten meines Lebens. Es sei dieser Aufsatz ein Denkmal unserer Freundschaft, die bei mir rein ist von allen ersinnlichen Absichten und ihnen beständig unterhalten und geweiht bleibt. Da haben sich wahrscheinlich alle so ein bisschen mal so, what? Tja, der Herr Freiherr von Berg in Liefland, der kriegt quasi dieses Werk gewidmet und übersandt. Und damit können sich die meisten, glaube ich, jetzt definitiv denken, in der Leserschaft damals, welche Bedeutung diese Freundschaft und die Bildung des Körpers für Herrn Winkelmann hat.
Solveig
01:57:37
Aber rein geistig, kein Körper.
Daniel
01:57:40
Keine Absichten.
Solveig
01:57:41
Keine Absichten. Nichts Wollüstiges.
Daniel
01:57:42
Nein, geht immer darum, das Glück zu finden. Das muss man ihm tatsächlich zugestehen. Das eine kriegt er bestimmt sowieso regelmäßig in Italien. So oft er das haben will, wird er schon jemand finden. Aber ich bin mir auch nicht so sicher. Ich bin mir sicher.
Solveig
01:57:53
Ob er das Bedürfnis hat.
Daniel
01:57:54
Das mag auch sein, ja.
Solveig
01:57:56
Also es mag jetzt küchenpsychologisch sein, aber ich habe bei ihm so das Gefühl, er möchte dann schon, dass es Liebe ist. Das nicht einfach nur irgendwie nebenbei.
Daniel
01:58:04
Ja, es gibt halt diese eine Stelle, also es gibt schon noch Briefe, wo er in Florenz auch davon spricht, dass er da eine wollüstige Zeit genossen habe. Aber es kann natürlich alles Mögliche sein. Es ist eben nicht immer sexuell gemeint.
Solveig
01:58:14
Es kann ja auch sein, wenn man mal jetzt in Florenz zwei Wochen ist, dass man da mal...
Daniel
01:58:17
Dass man nur viel gegessen und getrunken hat und Musik gehört hat.
Solveig
01:58:20
Oder dass man halt alles mal probiert für zwei Wochen und sagt, Okay, wenn ich schon mal da bin.
Daniel
01:58:25
Aber immer noch ist er ein mittlerweile 50-jähriger Mann... Auf der Suche nach Liebe.
Solveig
01:58:30
No.
Daniel
01:58:31
Ja. Und er schreibt das tatsächlich auch nochmal einen Privatbrief. Und das ist wirklich ein Abschiedsbrief.
Solveig
01:58:36
Wo man das Gefühl hat.
Daniel
01:58:37
Wir kommen dem Ende näher.
Solveig
01:58:39
Wieso? Es tut mir richtig leid für ihn. Rom, den 9. Juni 1762. Edler Freund. So wie eine zärtliche Mutter untröstlich weinet um ein geliebtes Kind, welches ihr einen gewalttätigen Prinz entreißt und zum gegenwärtigen Tod ins Schlachtfeld stellet, ebenso bejammere ich die Trennung von ihnen, mein süßer Freund, mit Tränen, die aus der Seele selbst fließen. Ein unbegreiflicher Zug zu ihnen, den nicht Gestalt und Gewächs allein erwecket, ließ mich vom ersten Augenblicke an, da ich sie sahe, eine Spur von derjenigen Harmonie fühlen, die über menschliche Begriffe geht und von der ewigen Verbindung der Dinge angestimmt wird. In 40 Jahren meines Lebens ist dies der zweite Fall, in welchem ich mich befunden und es wird vermutlich der letzte sein. Mein werter Freund, eine gleich starke Neigung kann kein Mensch in der Welt gegen sie tragen, denn eine völlige Übereinstimmung der Seelen ist nur allein zwischen Zweien möglich. Alle anderen Neigungen sind nur Absenker aus diesem edlen Stamme. Aber dieser göttliche Trieb ist den mehrsten Menschen unbekannt und wird daher von vielen Übelverstanden gedeutet. Freundschaft ohne Liebe ist nur Bekanntschaft. Jene aber ist heroisch und über alles erhaben. Sie erniedrigt den willigen Freund bis in den Staub und treibt ihn bis zum Tod. Alle Tugenden sind teils durch andere Neigungen geschwächelt, teils eines falschen Scheines fähig. Eine solche Freundschaft, die bis an die äußersten Linien der Menschlichkeit geht, bricht mit Gewalt hervor und ist die höchste Tugend, die Itzo unter den Menschenkindern unbekannt ist. Die christliche Moral lehret dieselbe nicht, aber die Heiden beteten dieselbe an und die größten Taten des Altertums sind durch dieselbe vollbracht.
Daniel
02:00:29
Ja, es ist so eine Abschiedsstimmung da drin. Also nicht nur, dass er diesen Mal wieder einen Freund verabschiedet, von dem er sich mehr erhofft hat und das auch mitteilt. Sondern irgendwie auch so, dass er sagt, das ist das letzte Mal in meinem Leben wahrscheinlich. Also irgendwie geht er davon aus, ich bin jetzt zu alt, um jemanden zu finden.
Solveig
02:00:46
Hat er vorhin aber auch schon mal.
Daniel
02:00:47
Ja, aber das ist so die depressive Stimmung, die bei ihm immer durchkommt und tatsächlich hat er auch solche Phasen. Immer dann, wenn er an Peter denkt oder an jemand anderen, kriegt er immer so Schweißausbrüche und so Schwächeanfälle. und das war jetzt zwar schon 1762, aber ich habe es jetzt extra mal so an das Ende gestellt, um jetzt den letzten Teil hinaus zu gehen. 1768 überlegt sich Winkelmann, ich könnte jetzt noch mal eine größere Reise machen, also entweder ich fahre nach Griechenland, weil wahrscheinlich hat er immer noch Angst vor den Osmanen oder was auch immer.
Solveig
02:01:20
Auf jeden Fall eine Genehmigung.
Daniel
02:01:22
Das ist wahrscheinlich schwierig und teuer. Oder ich fahre noch mal nach Hause, und besuche mal Freunde.
Solveig
02:01:28
Nein, nicht den Peter.
Daniel
02:01:31
Und nicht den Peter.
Solveig
02:01:35
Nicht den Peter.
Daniel
02:01:37
Ja, so weit wird er nicht kommen. Also seine Reiseplanung sieht vor, über Venedig, Verona, Augsburg, München, Wien, Prag, vielleicht Dresden, auf jeden Fall Leipzig, nach Dessau zu fahren. Und dann vielleicht nochmal nach Göttingen oder so, da die Uni einen Vortrag halten. Und dann wieder zurück. Also von Potsdam und Berlin und Peter ist nicht die Rede. Es ist natürlich die Frage, ob Peter vielleicht irgendwo hingekommen wäre. So wie jetzt verschiedene andere Freunde sagen, okay, ich treffe dich dann in Augsburg oder ich komme nach München oder ich komme nach Leipzig, da bist du auf jeden Fall, also in zwei Wochen warte ich in Leipzig auf dich, also da macht er schon so Termine, schreibt auch Briefe und wir freuen uns alle, dass wir uns wiedersehen und dann fahren sie los, Frühjahr 68 geht es los und schon in den Alpen wird ihm schlecht und fühlt sich niedergeschlagen und der Schweiß tritt ihm wieder hervor und sagt, eigentlich möchte er sofort umdrehen, aber er ist halt nicht alleine unterwegs, sondern hat jemand versprochen, ihm da ein bisschen zu helfen und zwar ein Mann namens Kabatepi. Das ist wohl der größte antiken Händler zu dem Zeitpunkt in Rom. Er hat auch einen Katalog dabei. Und ein paar Ansichtsstücke, die er gerne an namhaften deutschen Höfen verkaufen würde. Und Bestellungen angegennehmen würde. Der kann aber kein Deutsch. Also ist er darauf angewiesen, dass da so eine Autorität wie Herr Winkelmann da ist, der dann so einen Hof bringt und sagt, guck mal hier, sieht fast aus wie der Laokorn, kannst kaufen. Also der übt da einen gewissen Druck aus. So, jetzt lass uns doch wenigstens bis Augsburg, lass uns wenigstens bis München fahren. Also Wien muss ja schon sein, also da wo der Kaiser ist oder die Kaiserin vielmehr, denn tatsächlich werden sie empfangen von niemand Geringerem als Maria Theresia und Julius Kranke. Also bricht Fieber aus, rafft sich dann quasi zu der Maria Theresia, erzählt ihr noch was von dem Torso und dem Apollo wahrscheinlich oder was auch immer. Auf jeden Fall ist sie sehr gerührt und dankbar und schenkt ihr mehrere Goldmünzen mit ihrem Abbild und dem Abbild des Fürchten von Lichtenstein und vielleicht noch von ihrem verstorbenen Gatten und wer alles noch so womöglich da drauf war. und Kavacepi schreibt später über die Situation, also Winkelmann habe gezittert und hätte Augen wie ein Toter gehabt. Und an Stosch schreibt Winkelmann dann später, also tut mir leid, aber ich schaffe es einfach nicht, dass wir uns sehen und so weit zu fahren. Mein Herz spricht nein und ich will nach Hause. Und nach Hause in dem Fall ist jetzt Rom. Da ist nämlich alles gut. Das ist die Welt, in der ich mich jetzt wohlfühle und ich will einfach gar nicht hier oben sein.
Solveig
02:03:59
Das Klima ist auch scheiße.
Daniel
02:04:01
Aber es muss mehr sein, weil das passiert halt immer, wenn er emotional von irgendwas belastet wird. Das ist schon so eine eher depressive Stimmung, die das verursacht. Also bei Peter war das der Fall und bei einigen anderen kamen solche Krankheitsschübe dann auch plötzlich. Und hier ist es aber so stark, dass er sagt, ich kann einfach nicht weiterfahren. Es geht nicht. Selbst seine besten Freunde müssen er vertrösten. Und er dreht dann um und fährt eben Richtung Triest. Da kommt er am 1. Juni 1768 an, weil er von da mit dem Schiff rüber nach Arcona setzen möchte. Das ist dann schneller als mit der Postkutsche da auf den schlechten Straßen, sich da durch zu quälen. Da fährt man lieber mit dem Schiff direkt rüber, muss aber eine Woche warten wahrscheinlich. Also quartiert er sich dann in der Osteria Grande ein als Signor Giovanni. Interessanterweise schreibt er seinen Nachnamen nicht dazu. Er schreibt auch sehr viel Wert darauf, gewickt zu haben in der Situation, irgendwie anonym zu bleiben.
Solveig
02:04:52
Wegen Cognito.
Daniel
02:04:53
Ja, ich weiß nicht, ob die in Triest alle gewusst hätten, wer irgendwie Herr Winkelmann ist. Er ist einfach nur Signor Giovanni. Freundet sich scheinbar mit seinem Zimmernachbarn an. Ein Zimmer weiter wohnt jemand, ein gewisser Arcangeli.
Solveig
02:05:08
Der Erzengel?
Daniel
02:05:09
Ja, mehrere gleich. Deswegen bin ich gerade ein bisschen unsicher. Also wenn es Erzengel ist, wäre es Arcangeli. Aber beim Namen wird es oft als Arcangeli, glaube ich, gesagt.
Solveig
02:05:19
Aber ist der andere Italiener noch dabei?
Daniel
02:05:21
Nee, der ist weitergefahren. Der hat dann bis Wien quasi den Start mitgekriegt. Und dann wahrscheinlich hat, wenn die Maria Theresa den empfangen hat, dann kann er in Dresden wahrscheinlich auch was reißen. Und das erwähnen nur den Archangeli, weil den Gästen auffällt, also wenn sie den Signor Giovanni gesehen haben in diesen Tagen, dann war der immer zusammen mit diesem Francesco Archangeli aus Venedig. Scheinen sich ganz gut zu verstehen und trinken da abends was und gehen zusammen spazieren und einkaufen.
Solveig
02:05:49
Er hat keinen Fieber mehr?
Daniel
02:05:50
Er hat kein Fieber mehr. Er ist auch wieder in Italien. Also eigentlich Österreich noch. Aber zumindest kann er wieder Italienisch sprechen und atmet da die Luft an der Adria und weiß, da geht gleich mein Schiff rüber. Dann bin ich schon fast da. Und am 8. Juni, da hat er seinen Koffer schon gepackt und auch schon bezahlt, weil klar ist, heute fährt er das Schiff. Da hört um 10 Uhr ein Kellner in dieser Osteria Grande, dass da was gerumpelt ist in dem Stockwerk über ihn. Einen schweren Sturz, der Kellner geht rauf und guckt nach und sieht dann den Winkelmann am Boden liegen. Und wie der Akangeli seine Hände auf der Brust von dem Winkelmann hat. Und der guckt nur hoch, sieht den Kellner und haut ab. Und tatsächlich ist Winkelmann schwer verletzt, blutet. Es wird ein Arzt gerufen. Und bei Klaas dann ziemlich schnell ist es auch eine schwere Verletzung. Wird auch gleich der Richter bestellt. Der ist damit dann zuständig. Staatsanwalt gibt es nicht. Kommt gleich der Richter in Triest, um Herrn Winkelmann zu befragen, was mit ihm los ist. Und er kann tatsächlich das Ganze auch noch beschreiben. Das wird dann auch festgehalten natürlich in den Akten. Das würden wir jetzt noch hier als letztes großes Zitat mitnehmen.
Solveig
02:06:59
Dieser Schurke, der im Zimmer nebenan wohnte, machte sich mit mir bekannt und befreundete sich mit mir. Ich zeigte ihm große Silbermünzen und auch zwei Goldmünzen, deren eine große mir die Kaiserin in Schönbrunn geschenkt hat, mit dem Bildnis des Fürsten von Lichtenstein darauf. Heute Morgen kam der genannte Schurke in mein Zimmer und bat mich, ihn diese Münzen sehen zu lassen und ihm zu sagen, wer ich sei. Und nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich kein Aufsehen noch meinen Namen wissen lassen wollte, warf er mir unvermutet eine Schlinge oder einen Strick um den Hals, um mich zu erwürgen. Als ich mich dagegen, so gut ich konnte, wehrte und um Hilfe rufen wollte, versetzte er mir mit einem Messer Stiche. Wie viele, weiß ich nicht. Und dann floh er, nachdem er mich in meinem gegenwärtigen Zustande gebracht hatte.
Daniel
02:07:39
Und nicht nur das kann er noch mitteilen, wenn auch unter Mühen, sondern er wird auch noch sein Testament diktieren. Und tatsächlich erst nach sechs Stunden um 16 Uhr verscheidet. Johann Joachim Winkelmann in Triest. getötet durch sieben Messerstiche. Und jetzt gibt es aber noch eine Haufen Leute, die eigentlich immer noch in Deutschland warten, dass er da morgen vorbeikommt. Unter anderem sitzt in Leipzig ein junger Verehrer, 18 Jahre alt, der alle seine Schriften gelesen hat und ihn endlich mal kennenlernen möchte, das ist ein gewisser Johann Wolfgang Goethe. und der beschreibt es dann später und wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winkelmanns Tode zwischen uns nieder und nicht nur der junge Goethe ist erschüttert sondern die ganze gebildete Elite auf dem Kontinent die sich für antike Kunst interessiert das kennt Herrn Winkelmann und auch Johann Gottfried Herder schreibt direkt noch eine Ode an meine Landsmann Johann Winkelmann, die werde ich nicht ganz vorlesen nur ein kleines Stückchen O Selige, wohin hinauf führst du den Erdensohn? Den Lauf der großen Sonne, Himmel tut sich auf. Ich seh die Helden aus Neid, aus Bosheit, Qual. Nun ewiger, lügend, freudige Mal. Gott Herkules, Riesen hat er bezwungen, Weltverwüster, Ungötter überrungen. Mit sieben Kränzen hinauf, geschwungen, harter Flamme geläutert, ruht da, überdenkt, auf seinen Heldenstab gesenkt, den Traum des Erdelebens. Lebens. Nun einmal errettet aus Neid, aus Bosheit, Qual, ewiger Jugendfreude, Gemahl. Stellen wir uns Winkelmann auf dem Olymp vor. Mitten von Marmor. Und Ganymed an seiner Seite.
Solveig
02:09:26
Goethe und Winkelmann hätten sich kennengelernt.
Daniel
02:09:31
Goethe hatte wahrscheinlich das Gefühl, ihn zu kennen. Er hat ihn sehr verehrt. Und vor allem hat Goethe ein Problem damit, dass dann zusehends Während er älter wird, merkt er, wie plötzlich der Klassizismus nicht mehr so up-to-date ist und alle sich diesen romantischen Quatsch reinziehen. Und deswegen schreibt er dann 1805 auch nochmal einen Text, der heißt Winkelmann und sein Jahrhundert und versucht quasi den Klassizismus zu retten, gegen die Romantik zu verteidigen.
Solveig
02:09:59
Hätte ihm klar sein müssen, der Trend ist vorbei.
Daniel
02:10:02
Es kommt jetzt was Neues. Ja, so ganz vorbei ist es natürlich nicht. Also im 19. Jahrhundert, in allen humanistischen Gymnasien wahrscheinlich, gab es eine Winkelmannbüste irgendwo rumstehen.
Solveig
02:10:11
Weiß ja, wie es geht.
Daniel
02:10:13
Ja, du hast ja schon klar gemacht, dass du da, du bleibst wahrscheinlich bei deinem kritischen Einschätzung.
Solveig
02:10:18
Aber Goethe finde ich noch schlimmer.
Daniel
02:10:20
Okay, das können wir so stehen lassen. Als den entscheidenden Kommentar zu Winkelmann, Goethe war schlimmer. Ich gehe nochmal zurück zu dem Anfang, zu dem Herrn, der da sich am kritischsten geäußert hat. Und der hat jetzt auch nochmal zwei krasse Aussagen. Die eine wirst du wahrscheinlich zustimmen, der Egon Fridell, meint nämlich dann in dem Kapitel zum Klassizismus, in der Kulturgeschichte der Neuzeit. Und doch war Winkelmann nichts weniger als ein ideenloser und fantasiearmer Kopf. Vielmehr ein Genie der Invention, so gut wie der Grieche. Denn auch er hat etwas erfunden, nämlich den Griechen. Das klingt so, als wäre das ungefähr auf den Punkt gebracht, dass wir es letztes Mal in der Aufklärung zumindest so herauskamen.
Solveig
02:10:59
Ich würde jetzt Winkelmann nicht als ideenlosen Kopf bezeichnen. Also ich glaube, der hatte sehr viele Ideen in seinem Kopf.
Daniel
02:11:04
Ja, aber die behagen dem Herrn Friedell eben nicht. Denn der versteigt sich dann zu der Aussage. Und so geht bei Licht betrachtet jene ganze fixe Idee des Klassizismus zurück auf die sexuelle Perversion eines deutschen Provinzantiquars.
Solveig
02:11:17
Oh, das ist jetzt ein bisschen zu hart.
Daniel
02:11:19
Das ist ja wohl frech. Goethe sah das nicht so. Und Herder und die alle anderen.
Solveig
02:11:25
Ja, aber es überrascht ja nicht, dass wir gerade in Deutschland auch so ein bestimmtes Bild von der Antike haben, wenn halt die ganzen Goethes und Herders und alle Winkelmann gut fanden. Also kein Wunder, dass seine Ideen sich dann halt auch so massiv verbreitet haben. Weil das ist ja Goethe und Schiller und das folgte Dichter und Denker.
Daniel
02:11:44
Wenn Goethe die Autorität sagt, Winkelmann war gut.
Solveig
02:11:46
Dann wird das natürlich innerhalb der Bevölkerung so auch weitergetragen. und des Bildungsbürgertums. Die Antike.
Daniel
02:11:53
Und dann mit der Apollos Biskuit.
Solveig
02:11:54
Ja. Das finde ich cool.
Daniel
02:11:58
Aber in dem Maße, wo rauskommt, dass der irgendwie auf junge Männer stand, wird es halt eklig. Dann ist er sexuelle Perversion, die er da verfolgt hat. Und eigentlich ist er doch bei dem Versuch gescheitert, mehr oder weniger. Ja, und deshalb gibt es dann so Gerüchte, die du glaube ich auch hier heute noch in deinem Kopf hattest, als du gekommen bist. Ob dieser Zimmernachbar in der Osteria Grande in Triest, mit dem er sich der Tagelang abgegeben hat, ob da nicht auch eine Liebelei im Spiel war. daraus irgendein Streit geflossen ist. Ich hatte sogar ganz lange in meinem Kopf, das sei eine Person gewesen, die das für Geld, sexuelle Dienstleistungen erbringt, die sich Winkelmann da vielleicht geleistet hat. Ob das der Fall ist oder nicht, das werden wir jetzt in einem True Crime Nachklapp uns nochmal genau angucken, denn hier ist definitiv jetzt das Maß voll. Zollberg fängt an, auf dem Stuhl rumzurutschen. Wir brauchen jetzt eine Pause.
Solveig
02:12:54
Kann nicht so lange still sitzen.
Daniel
02:12:56
Und was da wirklich in Triest los war und welche Vermutungen und Spekulationen sich um Winkelmanns Tod ranken. Das gucken wir uns dann gleich im Nachklapp an. Das ist ja unser Dankeschön für alle, die sich entschließen können, uns bei Steady monatlich zu unterstützen. Und ich sag's Ihnen nochmal. Vielen Dank. Zuerst an Carolin, die heute da frisch dazugekommen ist. Außerdem die bekannten Christina, Steffi, Sophie und Christoph. Tobias, Beate, Sarah Solveig, Charlotte, Noemi, Henrike und Stefan. und Aisha, Isabella, Silvia, Emma und Kofi und außerdem Maike, Marte, Jojo und Cornelia, Arne, Vera, Dennis, Eva und Roland und bei Kofi waren auch noch dabei Inzi und Caroline. Vielen, vielen Dank für eure Unterstützung. Ich hoffe, euch hat die Reise von Stendal über Rom nach Neapel und wieder zurück gefallen. Schreibt uns gerne Kommentare und wie eure Einschätzungen und Sympathiewerte für Winkelmann mittlerweile ausfallen, ob sich da was geändert hat, vielleicht noch schlimmer geworden ist, in die Kommentare bei Spotify oder direkt per E-Mail an kontakt at fluffung-geschichte.de und nächstes Mal haken wir nochmal nach, wie das Leben in Münster eigentlich so wirklich ausgesehen hat bei Solberg. Bis dahin, macht's gut.
Solveig
02:14:16
Tschüss.
Daniel
02:14:16
Ciao. So wie ein Mensch, der nach Bewunderung des prächtigen Portals an einem Tempel auf die Höhe desselben geführt würde. Ja, ja, ja, ja.
Solveig
02:15:02
Jetzt wird es doch gut. Er hat sich warm geschrien.
Daniel
02:15:12
Ja, wirklich. Erheben sich hier schwellende Hügel von Muskeln, um welche sich oft... Oh, mein Gott! Oh, mein Gott! Aber du meintest, da gibt es nichts.
Solveig
02:15:40
Entschuldigung, ich war da... Ich war dann so ungeduldig.
Daniel
02:15:45
Ich versuch's nochmal.