Willkommen bei Flurfunk Geschichte

Dein Geschichtspodcast mit Daniel und Solveig
Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer Lieblingsgeschichten.
Am 10. September 1898 sticht ein junger italienischer Wanderarbeiter am Genfer Seeufer auf die österreichische Kaiserin Elisabeth ein – und ruft, als er von ihrem Tod erfährt, jubelnd: „Es lebe die Anarchie!“ Wir kümmern uns dieses Mal um Luigi Lucheni, und zwar mit Verstärkung: Johannes vom Podcast Alle Zeit der Welt bringt uns die großen Denker des Anarchismus näher – Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin –, während wir uns fragen, wie viel von Luchenis eigener Erzählung überhaupt stimmt. Er selbst hat immer beteuert, ganz allein und aus reiner Überzeugung gehandelt zu haben. Doch schon sein Verhörprotokoll steckt voller kleiner Widersprüche: Woher wusste ein Tagelöhner, der die Kaiserin nie mit eigenen Augen gesehen haben will, eigentlich, wie sie aussieht? Und was hat es mit dem Telegramm auf sich, das ganz andere Hintermänner vermuten lässt? Wir gehen der Frage nach, ob Lucheni wirklich der einsame Einzeltäter war, als der er in die Geschichte eingegangen ist – oder ob da noch mehr dahintersteckt.

Das Attentat am Genfer Seeufer

Kaiserin Elisabeth reist im September 1898 unter dem Titel Gräfin von Hohenems inkognito zur Kur an den Genfersee, begleitet nur von ihrer Hofdame Irma Staray. Am 10. September wollen die beiden mit dem Dampfer nach Territet übersetzen, als ein Mann auf sie zustürzt. Elisabeth geht zu Boden, erhebt sich aber scheinbar unverletzt wieder und besteigt noch das Schiff – erst dort bricht sie endgültig zusammen. Wir lesen aus dem Bericht der Irma Staray vor, wie sie erst auf dem Deck die kleine, kaum blutende Stichwunde entdeckt und begreift, dass die Kaiserin erstochen wurde. Der Täter, sofort von Passanten gestellt, ist zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet: Luigi Lucheni. Ihm wird zunächst nur versuchte Körperverletzung vorgeworfen, da niemand ahnt, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist – bis die Meldung vom Tod der Kaiserin eintrifft und Lucheni seinen Erfolg bejubelt.


Vom Waisenkind zum Wanderarbeiter

Wer war dieser Mann? Lucheni wird 1873 unehelich in Paris geboren und von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Er wächst bei wechselnden Pflegefamilien in der Gegend um Parma auf, arbeitet schon als Kind, unter anderem als Gärtner, Steinmetzgehilfe und beim Eisenbahnbau. Seine Jugend fällt in die Zeit der großen italienischen Arbeitsmigration in die Schweiz: Nach dem Risorgimento bleibt Süditalien wirtschaftlich weit hinter dem Norden zurück, während in der Schweiz durch den Ausbau der Eisenbahn – etwa die Gotthardbahn – Arbeit für italienische Wanderarbeiter entsteht. Im Tessin trifft Lucheni auf eine große italienischsprachige Community, zu der auch politische Emigranten gehören: Republikaner, die der Königsherrschaft in Italien entkommen wollten, und eben auch Anhänger des Anarchismus. Diese Kreise sind es, auf die sich Lucheni später im Verhör beruft – auch wenn er betont, allein gehandelt zu haben.

Drei Denker, eine Idee: Proudhon, Bakunin und Kropotkin

Bevor es an die Auswertung des Verhörs geht, ordnet Johannes ein, wovon Lucheni eigentlich spricht, wenn er sich Anarchist nennt. Er stellt drei zentrale Theoretiker des 19. Jahrhunderts vor:
  • Proudhon, Sohn eines Küfers aus Besançon, ist der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnet, und prägt mit „Qu'est-ce que la propriété?“ den Satz „Eigentum ist Diebstahl“ – wobei er zwischen legitimem Besitz (was man selbst nutzt) und illegitimem Eigentum (was man andere für die Nutzung bezahlen lässt) unterscheidet. Seine Fehde mit Marx, der ihn öffentlich abkanzelt, beendet eine zunächst freundschaftliche Beziehung.
  • Bakunin, russischer Landadliger, kämpft auf den Barrikaden von 1848/49, wird nach Sibirien verbannt, flieht über Japan und die USA nach London und liefert sich Zeit seines Lebens einen Machtkampf mit Marx um die Ausrichtung der Ersten Internationalen – den er beim Haager Kongress 1872 verliert. Sein Name ist untrennbar mit der zwielichtigen Nechayev-Affäre verbunden, bei der ein junger Anhänger im Namen der Sache einen Mord begeht.
  • Kropotkin, Fürst aus dem Geschlecht der Rurikiden, entwickelt mit „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ eine wissenschaftliche Gegenposition zum Sozialdarwinismus: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation sei der entscheidende evolutionäre Faktor – und entsprechend sei eine herrschaftsfreie Gesellschaft keine Utopie gegen die menschliche Natur, sondern ihre Entfaltung.
Alle drei, das wird deutlich, haben sich nie zu Attentaten wie dem auf Kaiserin Elisabeth bekannt – die „Propaganda der Tat“ entwickelt sich eher am Rand der Bewegung, getragen von den eigenen frustrierten Anhängern.

War Lucheni ein Einzeltäter?

Der Kern der Folge ist die Frage, ob Lucheni tatsächlich allein gehandelt hat, wie es die gängige Erzählung will. Anhaltspunkte, die daran zweifeln lassen, liefert unter anderem die Historikerin Anna Maria Sigmund: Luchenis Aussagen zur Tatwaffe ändern sich zwischen den Verhören mehrfach, ebenso seine Angaben dazu, wann und wo er sie gekauft hat. Er behauptet, die Kaiserin habe er vier Jahre zuvor in Budapest gesehen – nachweislich zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst seinen Militärdienst ableistete und die Kaiserin gar nicht in Budapest war. Und obwohl Elisabeth streng inkognito reist, weiß Lucheni ganz genau, wie sie aussieht, obwohl seine eigenen Quellen dafür nicht ausreichen. Die österreichische Gesandtschaft in Bern telegrafiert im September 1898 nach Wien, man sei einem Komplott auf der Spur, das in London angezettelt und über Zürich nach Genf getragen worden sei – mit dem anarchistischen Publizisten Giuseppe Ciancabilla als möglichem Drahtzieher. Vieles spricht dafür, dass Lucheni mit seiner Version vor allem Mitwisser wie seinen Bekannten Martinelli schützen wollte.

Die anarchistische Bewegung positioniert sich

Wie reagiert die anarchistische Szene selbst auf die Tat? Giuseppe Ciancabilla, Herausgeber der italienischsprachigen Zeitung „L'Agitatore“, verteidigt Lucheni schon eine Woche nach dem Attentat öffentlich: Es gehe nicht um die Kaiserin als Individuum, sondern als Vertreterin einer herrschenden Klasse, die für Massaker wie die brutale Niederschlagung der Mailänder Brotproteste durch General Bava Beccaris mitverantwortlich sei. Wenige Monate später, aus dem US-amerikanischen Exil, äußert sich Ciancabilla differenzierter: Persönlich habe ihm die Tat nicht gefallen, weil sie der anarchistischen Bewegung in der Schweiz massive Repression eingebracht habe – ihre Berechtigung als Ausdruck kollektiver Rebellion spricht er ihr trotzdem nicht ab. Die Debatte erinnert nicht zufällig an spätere Diskussionen über politische Gewalt, etwa um die RAF in den 1970er-Jahren.
Verurteilung, Tod und Nachleben
Da in Genf die Todesstrafe abgeschafft ist, bekommt Lucheni nicht die Hinrichtung, die er sich gewünscht hatte, sondern lebenslange Haft in strenger Einzelhaft. Zwölf Jahre später, 1910, erhängt er sich in seiner Zelle. Sein Kopf wird zunächst „zur wissenschaftlichen Untersuchung“ aufbewahrt – man erhofft sich phrenologische Beweise für seine vermeintlich kriminelle Veranlagung, findet aber nichts. Das Gehirn wandert noch Jahrzehnte später zwischen Genf und Wien hin und her, bevor es im Jahr 2000 endlich auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wird. Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf die Rezeption der Tat in Film und Musical – vom Kinofilm „Sisi & Ich“ bis zum Musical „Elisabeth“ –, wo Lucheni oft zum bloßen Werkzeug einer Erlösungsgeschichte der Kaiserin verkleinert wird, was wir mit Blick auf seine tatsächlichen politischen Beweggründe für verkürzt halten.

Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) | Opfer des Attentats
Luigi Lucheni | Attentäter
Irma Sztáray | Hofdame und Augenzeugin des Attentats
Pierre-Joseph Proudhon | Erster selbsternannter Anarchist, „Eigentum ist Diebstahl“
Michail Bakunin | Anarchistischer Theoretiker, Rivale von Marx
Pjotr Kropotkin | Anarchistischer Theoretiker, „Gegenseitige Hilfe“
Giuseppe Ciancabilla | Anarchistischer Publizist, kommentierte die Tat
Anna Maria Sigmund | Historikerin, zweifelt an der Einzeltäter-These
Anarchismus | Politische Theorie, zentrales Thema der Folge
Risorgimento | Italienische Einigungsbewegung, Hintergrund von Luchenis Migration

Verwandte Folgen
Literatur
  • Anna Maria Sigmund: Tatort Genfer See. Kaiserin Elisabeth im Fadenkreuz der Anarchisten. Molden Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-222-15053-1.
  • Ob mit Dolch, Feile. Textsammlung zur Ermordung der Kaiserin Sissi durch den Anarchisten Luigi Lucheni. roofdruk edities & unruhen publikationen, Amsterdam 2013 – deutsche Übersetzung der Verhörprotokolle Luchenis, ursprünglich erschienen als Come e perché ho ucciso la principessa Sissi, Edizioni Anarchismo Nr. 20, 2009.
  • Pierre-Joseph Proudhon: Qu'est-ce que la propriété? Paris 1840.
  • Pierre-Joseph Proudhon: Système des contradictions économiques, ou Philosophie de la misère. Paris 1846.
  • Karl Marx: Misère de la philosophie. Réponse à la Philosophie de la misère de M. Proudhon. Paris/Brüssel 1847.
  • Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie. 1873.
  • Michail Bakunin: Gott und der Staat. Postum veröffentlicht 1882.
  • Pjotr Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. London 1892.
  • Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. London 1902.
  • Sisi und der Anarchist – Das Attentat auf die Kaiserin. Dokumentation, Spiegel Geschichte, 2018 (Regie/Recherche: Anna Maria Sigmund).

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