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Dein Geschichtspodcast mit Daniel und Solveig

FG065 - Hermann und der deutsche Geist

12.02.2026 113 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Episode tauchen wir tief in die Symbolik und Bedeutung von Arminius, dem Cheruskerfürsten, ein. Wir diskutieren, wie er als „Hermann“ zum Inbegriff des deutschen Nationalgefühls wurde und welche Rolle er in der Identitätsstiftung spielt. Dabei beleuchten wir die komplexen historischen und kulturellen Kontexte, die seine Figur umgeben, und wie diese über die Jahrhunderte hinweg – vom antiken Schlachtfeld bis in die bürgerlichen Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts – interpretiert wurden.

Hermann und die deutsche Identität

Wir beginnen mit einer Einführung in die Figur des Hermann und seiner historischen Bedeutung, insbesondere im Kontext der Varusschlacht. Wir fragen uns: Welche Rolle spielt er in der Konstruktion des deutschen Nationalbewusstseins? Dabei beleuchten wir die verschiedenen Narrative, die sich um Hermann ranken, und wie diese durch die Wiederentdeckung des Tacitus eine neue Dynamik erhielten. Besonders im 19. Jahrhundert wurde Hermann zur „Urzelle“ des Deutschseins hochstilisiert, wobei wir zeigen, dass diese Identität oft über eine künstliche Abgrenzung zu allem „Undeutschen“ definiert wurde.

Zwischen Befreiungskrieg und Denkmalbau

Im weiteren Verlauf widmen wir uns der Rezeption Hermanns während der Nationalbewegung. Wir diskutieren, wie Literaten wie Friedrich Gottlieb Klopstock oder Heinrich von Kleist (in „Die Hermannsschlacht“) Hermann als Symbol für Einheit und Widerstand gegen äußere Bedrohungen – insbesondere gegen Napoleon Bonaparte – verwendeten. Ein zentraler Ort dieser Verehrung ist Detmold am Teutoburger Wald. Hier realisierte Ernst von Bandel mit dem Hermannsdenkmal ein Lebensprojekt, das schließlich unter Kaiser Wilhelm I. zur Vollendung kam und den Sieg über Frankreich zementieren sollte.

Nationalismus und Antisemitismus

Ein zentrales Thema unseres Gesprächs ist der Zusammenhang zwischen der deutschen Identitätssuche und dem Antisemitismus. Solveig analysiert, wie die Konstruktion eines „reinen deutschen Volkes“ mit dem Ausschluss der jüdischen Bevölkerung einherging. Dies wird schon beim Wartburgfests 1817 deutlich, wo die „Germanomanie“ in der Verbrennung von Saul Aschers Werken gipfelte. Ideologen wie Jakob Friedrich Fries forderten die „Ausrottung der Judenschaft“, da sie diese als Fremdkörper im „deutschen Geist“ betrachteten. Der Nationalismus jener Zeit war somit von Beginn an ein Projekt der Ausgrenzung.

Die Karlsbader Beschlüsse und die Angst vor dem Geist

Wir ordnen die Karlsbader Beschlüsse von 1819 neu ein: Diese waren nicht nur staatliche Repression des Systems Metternich, sondern eine direkte Reaktion auf die Radikalisierung der Nationalbewegung. Der Mord von Karl Ludwig Sand an August von Kotzebue wird hierbei als Wendepunkt sichtbar, an dem die Suche nach Freiheit endgültig in einen fanatischen und gewaltbereiten Patriotismus umschlug, der alles „Weichliche“ und „Fremde“ tilgen wollte. 

Hermann "Ari" bei Netflix

Abschließend werfen wir einen Blick darauf, wie Hermann heute gesehen wird. Wir reflektieren über die problematische Nutzung der Figur während des Nationalsozialismus und fragen uns, welche Bedeutung Hermann und sein Denkmal in der heutigen Zeit noch haben.
Dazu wirft Solveig ab 14. Februar noch einen gesonderten Blick auf die Netflix-Serie "Barbaren" und erzählt euch in diesem Video auf YouTube, was sie von deren Darstellung hält. Jetzt schon folgen und benachrichtigen lassen!


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Transkript

Daniel
00:00:00
Stolz, keusch und heilig sitzt sie mir gegenüber. Keusch, okay. Heute kickt der deutsche Geist aber so richtig. Gläubig und deutsch und frei ist Hermanns Geschlecht.
Solveig
00:00:12
Ja, okay.
Daniel
00:00:37
Hallo Solveig.
Solveig
00:00:38
Hallo da.
Daniel
00:00:39
Wir haben einen deutschen Titan abgehakt im letzten Monat und das ist ja gar nichts gegen das, was uns heute bevorsteht. Wenn, wie gesagt, der deutsche Geist so richtig kickt, dann kann es nur um einen gehen.
Solveig
00:00:52
Oder um zwei.
Daniel
00:00:53
Den Urbismarck, dem es gelang, die Volksstämme zu einen gegen den gemeinsamen Feind.
Solveig
00:01:00
Jawohl.
Daniel
00:01:01
Und es ist ein erhabener Ort auch in unserer Heimat, vor allem in Deiner. Ein Ort, den du sicher oft schon besucht hast und an dem sich ein Recke über den Wald erhebt, mit einem geflügelten Helm und das Schwert gezückt und dem Himmel entgegengestreckt. Und ja, wir werden heute etwas über Hermann erfahren und seine Bedeutung für den deutschen Geist. Und außerdem gibt es auch noch eine ganz großartige Neuerung, die Solveig euch allen verkünden wird im Laufe dieser Folge. Und wir heißen euch natürlich willkommen. Es ist schön, dass ihr uns hört, insbesondere all jene, die das regelmäßig tun und uns sogar finanziell unterstützen und da sind seit Bismarck hinzugekommen die Lea, die Monika und die Marianne. Herzlich willkommen in dieser Runde. Außerdem vergaße ich mich letztes Mal zu bedanken für die Unterstützung bei Kofi, wo man das ja einmalig tun kann und das aber auch in ungeahnter Größe manchmal passiert. Vielen Dank, lieber Böti und liebe Birgit. Und ein herzliches Dankeschön auch an Pascal.
Solveig
00:02:07
Danke.
Daniel
00:02:07
Und alle, die uns regelmäßig unterstützen werden, wenn das mit dem deutschen Geist hier heute euch noch nicht reichen sollte in dieser Folge. Wer weiß, wie lang sie wird, wird es natürlich auch hier einen Nachklapp geben, den wir als Dankeschön veröffentlichen für alle die Flurfunkgeschichte so sehr lieben. Und uns ins Herz geschlossen haben, dass Sie noch mehr von uns hören möchten. Und wir möchten uns auch bedanken, gleich hier am Anfang, für eure Kommentare und Rückmeldungen. Und da gab es eine sehr lange, wissenschaftliche Art, allerdings nicht zu Bismarck, sondern noch zur Folge vom Dezember, als wir nach Trier gepilgert sind und den Heiligen Rock uns angeschaut haben. Oder wie L-U-T-H-E-R es formulierte, die Bescheißerei von Trier. Und da habe ich etwas gesagt. Es ging ja viel um Katholizismus. Und in einem Nebensatz erwähnte ich, dass Düsseldorf protestantisch sei. Das ist natürlich völlig falsch. Es kam mir auch komisch vor, als ich es sagte. Und auf unserer Website, und es lohnt wirklich, das einmal nachzulesen, wenn ihr euch für die Geschichte Düsseldorfs besonders interessieren solltet, da hat Johannes geschrieben. Vielen Dank, lieber Johannes. Nochmal eine ausführliche Darstellung, wie, warum Düsseldorf nicht protestantisch ist und auch noch gar nicht so lange preußisch. Und das fand ich sehr erhellend. Vielen Dank dafür. Und ich habe es einfach noch nicht geschafft, dort vor Ort auf der Webseite dir zu antworten. Deshalb also hier nochmal herzlichen Dank. Und ich habe auch herausgefunden oder ich hatte schon eine Ahnung, wie ich überhaupt auf diese Idee kam, dass Düsseldorf protestantisch sei. Und das liegt nochmal an Flurfunk Paulskirche. Irgendwann geht es da auch weiter. Bei unserem Spin-Off. Und da, Spoiler, kenne ich nämlich einen Text von Karl Biedermann. Ich glaube, den haben wir mal zitiert, weil er auch so schöne frauenfeindliche Dinge gesagt hat.
Solveig
00:03:57
Ja.
Daniel
00:03:58
Aber er war auch dabei in der Kaiserdeputation, die nachdem man Friedrich Wilhelm IV. Von Preußen zum deutschen Kaiser gewählt hatte, dann zu ihm fuhr, um ihn zu fragen, ob er die Wahl annimmt. Und die haben da eine längere Bahnstrecke hinter sich gebracht und haben auch ein paar Stops eingelegt, unter anderem in Düsseldorf. Und nachdem er erstmal über Köln abgelästert hat, dass sie da nicht so willkommen waren und Katzenmusik veranstaltet wurde vor ihrem Hotel, war er dann froh, da wegzukommen und sagte, der schlimmste Teil der Reise ist jetzt überstanden. Dann kam sie nach Düsseldorf und dann sagt er in diesem Text, durch protestantische Teile des Rheinlandes wie Düsseldorf. Und das hat sich bei mir irgendwie festgesetzt. Das fand ich schon damals komisch, als ich gelesen habe, aber deswegen kam diese Idee zustande, dass irgendwie das preußisch und protestantisch beeinflusst. wäre. Ja, entschuldigt bitte, liebe Düsseldorfer, wenn wir euch da die falsche...
Solveig
00:04:50
Wir wollten euch nicht zu nahe treffen.
Daniel
00:04:52
...falsche Konfession auferlegt haben. Und außerdem gab es noch einen Kommentar bei Spotify. Wir sind ja mit Herrn Molitor unterwegs gewesen in der letzten Folge, der da als einfacher Soldat aus dem Rheinland unterwegs ist nach Böhmen und zum ersten Mal die große weite Welt sieht und so schöne Städte wie Dortmund und Oberhausen und Hamm und Und dann haben wir uns darüber unterhalten, wie denn die genaue Linienführung des RE6 in NRW eigentlich ist. Und dass der doch gar nicht in Oberhausen hält. Aber da hat uns eine Hörerin, glaube ich ist sie, geschrieben aus Bochum. Liebe Grüße nach Bochum. Dass zurzeit eine Baustelle in Duisburg ist und deswegen der RE6 tatsächlich in Oberhausen endet. Also so kommt alles wieder zusammen. Alles zusammen, was zusammen gehört. Genau. Und vielleicht darf ich Karl Biedermann hier nochmal kurz mit einbringen. Ich weiß, du hast natürlich deinen eigenen Einstieg. Aber als ich jetzt nochmal reinschaute, um dem Johannes zu antworten, da stellte ich fest, dass die natürlich auch wohl noch einen Stopp eingelegt haben. Diese Kaiserdeputation in Detmold. Und ich bin nicht sicher, ob sie wirklich da hochgekraxelt sind. Vielleicht konnte man es damals auch von Detmold vom Bahnhof aus sehen. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich eher nicht. Vielleicht haben sie sich da nochmal kurz hinkutschieren lassen. Und darüber berichtet er dann. und in der Tat eine für unsere vaterländische Vergangenheit hochbedeutsame Gegend war es, durch die wir jetzt dahin zogen. Dort, aus nicht allzu weiter Ferne, winkten die Höhen des Teutoburger Waldes herüber und das halbfertige, unvollendet gebliebene Standbild Hermanns des Keruskas mahnte verhängnisvoll an unser eigenes, des Abschlusses noch ermangelndes Werk, mahnte an all die Hemmnisse, welche der angestammte deutsche Volkscharakter und vor allem die Eifersucht und der Eigennutz der einzelnen Stammesoberhäupter jeden Versuch einer Einigung Deutschlands entgegensetzten. Jawohl, der Herrmann mahnt die Kaiserdeputation, das Werk zu vollenden.
Solveig
00:06:52
Muss vollenden werden.
Daniel
00:06:53
Das ist mal von meiner Seite doch der Einstieg und die Einladung, nochmal die passenden Folgen von Flo von Paulskirche zu hören und sich dann jetzt hier aber nochmal ganz in das westfälische Urteil der deutschen Geschichte zu versenken.
Solveig
00:07:08
Ganz dem deutschen Nationalgefühl hinzugeben.
Daniel
00:07:11
Du warst ja... Ich war kürzlich noch da.
Solveig
00:07:13
Ich war kürzlich noch da, das ist wahr.
Daniel
00:07:15
Du hast mir was geschickt.
Solveig
00:07:16
Ich habe dir was geschickt.
Daniel
00:07:17
Das wir demnächst euch allen zeigen.
Solveig
00:07:19
Ich war ja über Weihnachten bei meiner Familie und war da schon dabei, Dinge vorzubereiten, über die wir heute nochmal reden werden. Und meinte dann, über Weihnachten macht man doch gerne mal so Ausflüge. Und dann meinte ich, wollen wir nicht hin? Und dann meinte mein Vater, du möchtest noch was vorbereiten? Und meinte ich, ja. Und wir waren da. Und haben ihn uns noch einmal angeguckt, den Hermann.
Daniel
00:07:41
Nach einigen Zögerungen hast du auch ein filmisches Dokument hinterlassen.
Solveig
00:07:46
Da musste mein Vater nochmal nachdrücken.
Daniel
00:07:50
Ich habe mich nicht getraut alleine.
Solveig
00:07:52
Das war mir jetzt unangenehm.
Daniel
00:07:53
Jetzt sind wir im geschützten Bereich. Jetzt kannst du alles ablästern über die deutsche nationale Sülze, wie du in der letzten Folge schon mal versprochen hast.
Solveig
00:08:03
Ja, also heute wird es ganz, ganz sültig werden. Genau, wir hatten es schon angesprochen, wir gehen noch ein bisschen weiter zurück als 1848 und FW4, sondern wir gehen an den Beginn des 19. Jahrhunderts, wo ich gemeinhin das deutsche Nationalgefühl beginnen lasse. Es hat natürlich vorher auch schon Identitäten gegeben, aber die sahen anders aus. Als das, was jetzt auf uns zukommen wird. Und ich möchte dich doch einmal bitten, zum Einstieg ein Zitat zu lesen, das du, glaube ich, schon mal vorgelesen hast.
Daniel
00:08:31
Ach so.
Solveig
00:08:32
Ich habe es jetzt nicht nochmal reingehört, aber ich konnte mich daran erinnern, als ich es gelesen habe, dass ich dachte, das kenne ich doch. Das hat er mir doch schon mal vorgelesen. Und ich dachte, zum Einstieg machen wir das nochmal.
Daniel
00:08:42
Okay. Will uns die deutsche Kunst einen erhabenen Begriff von Freiheit bildlich geben, so soll sie unseren Hermann, den Erretter des Vaterlandes, darstellen. Stark und groß, wie ihn das Nibelungenlied unter dem Namen Siegfried nennt, der kein anderer als unser Hermann ist. War das bei den Nibelungen womöglich?
Solveig
00:09:03
Und das habe ich ziemlich schnell abgetan, weil ich meinte, das ist absoluter Blödsinn, dass wir Siegfried mit Hermann verbinden. Und ich war in dem Moment auch nicht darauf vorbereitet, dass du diese Diskussion mit mir beginnen möchtest. Also habe ich das direkt abgewatscht. Aber heute wird es...
Daniel
00:09:16
Ich kriege öfter solche Watschen.
Solveig
00:09:18
Manchmal ja.
Daniel
00:09:19
Ich habe ja auch den Kommentar bekommen, dass ich absolut überflüssig in diesem Podcast sei.
Solveig
00:09:23
Also wer das geschrieben hat, wir müssen mal ein ernstes Wort miteinander sprechen.
Daniel
00:09:28
Watscht mich, so viel ihr wollt.
Solveig
00:09:29
Das ist nicht korrekt. Ohne dich gäbe es das hier alles nicht. Also ein bisschen Respekt vor der Autorität.
Daniel
00:09:38
Oh Gott. Also der Hermann wäre vielleicht doch Aminius. Der Hermann wäre Aminius, ganz bewusst. Aber der Hermann ist womöglich, oder Aminius auch Siegfried.
Solveig
00:09:46
Ist er nicht. Wer behauptet denn das? Das behauptet unter anderem der Werte-Verfasser dieser Zeilen und das ist Karl Ludwig Sand. Und das stammt aus Aktenauszügen, aus Material, das im Zuge eines Prozesses gesammelt wurde gegen Karl Ludwig Sand, nämlich 1821. Denn Karl Ludwig Sand hat am 23. März 1819 den Schriftsteller August von Kotzebue in seiner Wohnung in Mannheim mit den Worten, hier du Verräter des Vaterlandes, erstochen.
Daniel
00:10:23
Also ermordet. Okay.
Solveig
00:10:25
Und anschließend hat er noch versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. Das hat ihm aber irgendwie nicht so richtig geglückt. Das soll auch damit zu tun gehabt haben, dass er, als er diese Tat verbringen wollte, aus dem Fenster irgendwie geguckt hat nach irgendeiner Beschreibung und da den vierjährigen Sohn von Herrn Kotzebue gesehen hat, der alles mit angesehen hat. Und das hat ihn scheinbar so durcheinandergebracht, dass er es dann nicht erfolgreich durchziehen konnte, seine Tat. Und er ist dann ins Krankenhaus gekommen, wurde dort tatsächlich erfolgreich behandelt und es wurde dann ein Strafprozess begonnen gegen Herrn Sand.
Daniel
00:11:00
In dem Prozess hat er dann hier diese historischen Zusammenhänge eröffnet.
Solveig
00:11:04
Ja, beziehungsweise das hat er glaube ich schon vorher irgendwie geöffnet, aber das steht in diesen Aktenauszügen enthalten, weil er sich irgendwie dazu geäußert hat über die deutsche Kunst. Also dieses Zitat geht dann auch noch weiter. Also wir sollen Siegfried in Hermann erkennen und wir sollen ihn ein Denkmal errichten aus Eisen und Granit, weil das sind die deutschen Materialien und wir sollen aufhören immer Marmor aus Italien zu importieren. Das ist undeutsch. Wir müssen unsere eigene Deutschheit erkennen. Und da merkt man vielleicht schon so ein bisschen, in welchen Gewässern dieser Herr Sand schwimmt. Er soll dann auch während des Strafprozesses gesagt haben, warum er denn Herrn Kotzebue getötet habe.
Daniel
00:11:44
August von Kotzebue ist der Verführer unserer Jugend, der Schänder unserer Volksgeschichte und der russische Spion unseres Vaterlandes. Wieso, was hat er denn mit Russland zu tun?
Solveig
00:11:54
Ja, da kommen wir jetzt zu. Beziehungsweise, nee, wir machen, also, was er mit Russland zu tun hat, erzähle ich dir gleich. Er hat nämlich noch etwas anderes geschrieben. Er hat nämlich nochmal einen Abschiedsbrief an seine Eltern verfasst, wo er auch nochmal erklärte, warum er getan hat, was er getan hat.
Daniel
00:12:09
Ich hasse nichts mehr als die Feigheit und Faulheit der Gesinnung dieser Tage. Ein Zeichen muss ich euch desgeben, muss mich erklären gegen diese Schlaffheit, weil es nichts Edleres zu tun, als den Erzknecht und das Schutzbild dieser feilen Zeit, dich, Verderber und Verräter meines Volkes August von Kotzebue, niederzustoßen. Du, mein deutsches Volk, erhebe dich zur hohen sittlichen Würde der Menschheit. Eine Gnadengabe hat der Mensch von Gott. Sie, die Höchste und Einzige, ist die Gottähnlichkeit des Menschenfreier Geist und seine freie schöpferische Kraft. Mein deutsches Volk, du hast kein eigenes, kein edleres Besitztum. Sie ist dein höchstes Gut. Erkenne, wahre dir diesen Glauben, diese deine Liebe zu Gott. Die Reformation muss vollendet werden. Brüder, verlasset einander nicht im Drange der Zeiten. Trägheit und Verrat straft mit Knechtschaft die Geschichte. Ihr habt sie vor euch. Auf, ich schaue den großen Tag der Freiheit. Auf, mein Volk, besinne dich, ermanne, befreie dich. Vielen Dank. Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.
Solveig
00:13:18
Sie müssen sich ermannen, Daniel. Die weibische Schwäche muss überwunden werden. Also jetzt haben wir einmal darüber gesprochen, was eben im März 1819 passiert. Jetzt hast du schon gefragt, was ist dieser russische Spion und warum tötet er August von Kotzebue? Was hat dieser Mann so Schlimmes getan? Wie hat er sein Vaterland verraten können, dass er diesen Hass erntet? Und deswegen einmal kurz zu August von Kotzebue. Er ist 1761 in Weimar geboren worden und war hauptberuflich Schriftsteller und hat um 1800, war er tatsächlich einer der meistgespielten Bühnenautoren des Deutschen Bund. Einigen Römischen Reich zu diesem Zeitpunkt noch. Also insgesamt hat er 250 Stücke geschrieben.
Daniel
00:13:59
Wow.
Solveig
00:14:00
Das ist schon echt viel.
Daniel
00:14:00
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich an irgendeinem Theaterspielplan August von Kutzebu entdeckt hätte.
Solveig
00:14:05
Aber er war schon so der beliebteste Theaterschreiber und war in seiner Jugend als Sekretär des Generalgouverneurs in St. Petersburg tätig. Und in dem Zusammenhang hat er dann auch irgendwie Aufgaben in Rehwal innegehabt, hat da öfter mal agiert.
Daniel
00:14:20
Das ist Tallinn nochmal so moderne besetzt.
Solveig
00:14:23
Und in seinen Zwanzigern hat er mit dem Schreiben angefangen und seine Stücke wurden auch in St. Petersburg aufgeführt. Also er hat da so eine gewisse Petersburg-Connection, weshalb man ihm da vielleicht auch Undeutscheid vorwerfen konnte. Und er hat auch immer mit russischen Diplomaten korrespondiert, auch über die Entwicklungen dann im Anfang des 19. Jahrhunderts.
Daniel
00:14:45
Aber die waren doch unsere Freunde damals. Heilige Allianz und so.
Solveig
00:14:48
Ja, das habe ich auch nicht verstanden. Okay. Mögen die Deutsch-Liberalen scheinbar nicht. Also die deutschen Nationalen vor allem wahrscheinlich. Und er hat dann auch während der napoleonischen Kriege hat er Texte gegen Napoleon verfasst und gemeint, das ist auch nicht richtig, was er da tut. Und hat dann zwischen 1814, 1815 eine, ja, ich glaube, es ist humoristisch gemeint, die Geschichte des Deutschen Reiches von dessen Ursprünge bis dessen Untergange geschrieben. Und ich habe das nicht vollständig gelesen, ich bin da so kursorisch mal durch. Und humoristisch, glaube ich, ist es gemeint, weil er steigt mit den Germanen ein und die sind stark und sie sind überlegen und sie sind großartig und die Besten. Und dann geht es weiter und dann kommen die Franken und die sind irgendwie schwach und weich und kriegen es auch irgendwie nicht richtig hin und sie sind schuld, dass die Deutschen jetzt Christen sind und die mittelalterlichen Kaiser, die kommen auch nicht gut weg bei ihm, vor allem Karl der Große ist echt so ein Lulli und kriegen es einfach nicht hin. Und ich vermute, dass er sich hier über diese deutschen Nationalen lustig gemacht hat, indem er ihnen so eine deutsche Geschichte gegeben hat und so. Leute, guckt sie euch an. Aber ich bin mir da nicht sicher.
Daniel
00:15:55
Also es sind schon ein paar Punkte, wo einem das Messer in der Tasche zuckt.
Solveig
00:16:01
Und es mag dann nicht überraschen, dass dieses Buch, die Geschichte des Deutschen Reiches, zu den Büchern zählt, die beim Wartburgfest 1817 verbrannt wurden. Und jetzt weiß ich nicht, ich bin immer überrascht bei unseren Zuhörern, Und was sie wissen und was sie nicht wissen. Deswegen weiß ich jetzt nicht, ob allem das Wartburg-Fest ein Begriff ist.
Daniel
00:16:19
Wir sagen es nochmal kurz.
Solveig
00:16:20
Wir sagen es nochmal kurz. Also es ist so ein, ja es ist ein Fest, das auf der Wartburg stattgefunden hat.
Daniel
00:16:25
Zum Reformationsjubiläum. Zum Reformationsjubiläum.
Solveig
00:16:28
Und Wartburg ist natürlich dieser Refugiumsort von Luther gewesen. Und da sind ganz viele Burschenschaften und Turner, die dieser Turner-Bewegung anhingen, hin, hilgert geradezu und haben so ihren Wunsch nach einem zusammenhängenden deutschen Nationalstaat. Zum Ausdruck gebracht, der ja liberal gedacht ist, also ohne Fürstenherrschaft gedacht ist, hat da sich gegen das System Metta nicht gestellt. Man wollte Freiheit, Demokratie, Liberalität und man hat da eben auch Bücher verbrannt, weil das scheinbar zum deutschen Geist dazugehört.
Daniel
00:17:02
Da gibt es ja den berühmten Text von Heinrich Heine, der vergleicht das dann später mit dem Hambacherfest, das dann 1832 stattfindet und das ihm deutlich sympathischer ist und mehr in Richtung Demokratie und liberale Zukunft und Menschenrechte verweist. Und vor allem diese Bücherverbrennung beim Wartburgfest ihm dann übel aufstößt und in diesem berühmten Satz formuliert, da wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. Das kennen vielleicht alle, die hier schon mal in Berlin auf diesem Opernplatz oder August-Bebel-Platz ist es glaube ich offiziell gestanden haben, wo eben diese Bücherverbrennung stattfand und dieser Ausspruch von Heine, der eben auch Teil des Denkmals ist heute.
Solveig
00:17:45
Und es ist tatsächlich, also hättest du jetzt die Parallele nicht gebracht, ich hätte sie auch gebracht, Es läuft nämlich sehr ähnlich ab und ich vermute, dass man sich da 33 auch an diesen Bücherverbrennungen eventuell inspiriert hat. Denn auch 33 waren Burschenschaftler anwesend, die mit Begeisterung die Bücher ins Feuer geworfen haben. Und was man vielleicht auch kennt aus Zeitzeugenaufnahmen, dass ja gerufen wurde, es ist ja Goebbels sogar, der ruft, wir übergeben den Flammen die Texte von mhm mhm. Und hier beim Bad Bookfest wurde auch gerufen, warum verbrannt wird. Und ich habe jetzt nicht das ganze Zitat gefunden, aber ich habe einen Teil des Ausrufs gefunden, der gerufen worden sein soll, wir waren ja nicht dabei, aber so wurde es notiert, als man Kotzebues Werk verbrannt hat und dabei hieß es, das, weil Gott lenkt, der Mensch auch nicht brauche zu denken, da es ihm doch nichts helfe, das Denken. Fahre fort, Kotzebue, vielleicht wirst du selbst und nicht allein deine Schrift verbrannt.
Daniel
00:18:41
Oha. Okay, das ist ja sehr deutlich.
Solveig
00:18:44
Da wird schon ziemlich klar, wo der Gedanke so hinführt. Und Kotzebue war verständlicherweise sehr, sehr erzürnt darüber, dass sie sein Buch verbrannt haben. Und er hat in der Zeit das Literarische Wochenblatt herausgegeben. Das war so eine regelmäßige Publikation, wo er zu literarischen Werken sich geäußert hat, die er eingeordnet hat. Und er hat sich sehr, sehr oft auf Publikationen der Turnerbewegung fokussiert und hat die auseinandergenommen, Weil er die komplett albern und lächerlich fand. Die Turnerbewegung, das sind die mit dem Turnervater Jan, die eben sehr deutsch-liberal, deutsch-national auftreten. Und er macht sich eben konstant über diese Bücher lustig, was da so drin steht. Und beispielsweise schreibt er 1819, Was sie wollen? Umsturz der Ordnung, um auf den Trümmern und der Zerstörung ihre tollen, schwindlig-lustigen Gebäude aufzuführen. Was sie aber sind? Zweierlei. Betrüger und Betrogene. Menschen, die im Trüben fischen wollen und betörte, exaltierte Schwärmer, die genau genommen am Ende selbst kaum wissen mögen, was so eigentlich ihr Begehr ist. Die aber missbraucht werden von anderen oder sich und ihre Kraft selbst missbrauchen zum eigenen Verderben. Die Zeit, in welcher solchstehende, Solche Tat nicht abscheu oder mehr als mitleidiges Bedauern auch Lob finden kann, verheißt nichts Gutes. Sehr wahr. Und eine solche Zeit ist jetzt. Das hat er, glaube ich, im März geschrieben, also kurz bevor es vorher umgebracht wurde. Und er macht es eben immer wieder klar, dass das eben keine demokratieliebenden Personen sind, die hier Gleichheit und Freiheit wollen, sondern dass das wirklich Extremisten sind, die selber nicht so richtig wissen, was sie wollen und sich da auch haben aufhetzen lassen. Und in diesem Zusammenhang äußert sich Kotzebue, der eben am Anfang scheinbar auch noch so diesen liberalen Ideen irgendwie positiv zugewandt war, immer mehr positiv gegenüber dem System Metternich. Also er begibt sich mehr und mehr in die Arme der Reaktion, wie es dann auch genannt wird. Und das nehmen ihm dann natürlich die Burschenschaftler sehr üben will. Sie sind dann als den Verräter, der sich den Fürstenherrschern anbietet, die deutsche Freiheit und die Einheit missachtet. Sie unterstellen ihm, er ist ein russischer Spion. Und das kommt dann in die überregionalen Medien mit rein. Und die Bedrohungslage um Kotzebue nimmt massiv zu. Also sie schmeißen ihm nachts die Fensterscheiben ein. Er kriegt konstant Morddrohungen. Sein Sohn, also er hat mehrere Söhne. Einer ist eben erst vier zu diesem Zeitpunkt, ein anderer ist aber auch schon erwachsen und studiert selbst. Der wird dann, beziehungsweise er wird nicht zusammengeschlagen, aber sein Mantel wird dann zusammengeschlagen, so als Symbol. Das machen wir, wenn wir mit dir, wenn wir dich in die Finger kriegen. Und daraufhin zieht Kotzebue dann eben von Weimar nach Mannheim, weil er denkt, da ist das Klima ein bisschen ruhiger und da habe ich Frieden. Hat er nicht, denn im März, wie schon angesprochen, sucht ihn eben dieser Karl Sand auf, der in Jena zu diesem Zeitpunkt studiert. und ihn dann eben bei ihm zu Hause im Wohnzimmer im Grunde ermordet. Und du hattest es ja schon vorgelesen, mit welchen Worten er ihn getötet haben soll. Er soll dann zudem auch noch dem Dienstboten Kotzebus, der ihn wahrscheinlich reingeführt hat ins Haus, noch einen Flyer in die Hand gedrückt haben. Und da stand drauf.
Daniel
00:22:02
Frei die Gewissen, frei die Rede. Auf, du mein deutsches Volk, hasse, morde alle, die sich in frevler, mutwilliger Gesinnung so sehr überheben, dass sie des Göttlichen in dir vergessen.
Solveig
00:22:16
Das Göttliche in dir.
Daniel
00:22:18
Der war wohl sehr tief in seiner eigenen Bubble.
Solveig
00:22:20
Ja, auf jeden Fall. Also der war...
Daniel
00:22:22
In Jena, bei den Burschenschaften.
Solveig
00:22:24
Ja. Und ihm wird dann eben der Prozess gemacht. Er wird dann 1820 auch hingerichtet wegen Mordes. Das hat er ja auch zugegeben, dass er das getan hat. Und es wird dann eben in diesen Aktenauszügen, die hatte ich ja eben schon erwähnt, einmal beschrieben, wie dann dieser Tag, wie seine Hinrichtung verlief. Am Tag seiner Hinrichtung habe er das lange Haarorten und den ganzen Körper waschen lassen. wobei er bemerkte, dass die Völker des Altertums, vor allem aber die Stämme germanischer Abkunft, es gleichfalls getan hätten, ehe sie ins Treffen gingen. Wie er schon früher von den Ärzten, welche ihn behandelt hatten, dankbar Abschied nahm, so geschah dieses jetzt gegen die Geistlichen. Er weinte, bemerkte aber sogleich, dass diese Tränen nicht Tränen der Weichlichkeit, sondern der Dankbarkeit seien. Schon früher hatte er einige Male geweint, setzte aber gewöhnlich hinzu, dass es nicht seinem Zustande, wohl aber dem des Vaterlandes gelte, Und dass sein stärkerer Geist auch gegen seinen Willen, dem so sehr geschwächten Körper, insoweit unterliege.
Daniel
00:23:22
Das muss ich mir merken. Wenn mir die Tränen kommen, einfach sage ich, das ist ob des Zustandes des Vaterlandes. Nicht meinetwegen.
Solveig
00:23:29
Ja, ja. Denn wahre Männer dürfen nicht weinen. Wir müssen mannhaftig werden. Und er wird dann eben, also zum einen wieder dieses lange Haar, das ist ja auch so ein typisches Ding der Burschenschaftler oder der Liberalen zu dieser Zeit, dass die Männer sich so die Haare lang wachsen lassen, was er jetzt hier auch schon mal in so einen Zusammenhang mit den Germanen setzt. Und er wird dann eben hingerichtet und dieser Hinrichtungsort wird anschließend fast schon zu so einem Wallfahrtsort der Studentenbewegung bzw. Dann der Burschenschaften. Also es gibt dann so eine Beschreibung, dass die dann gekommen sind und mit ihren Taschentüchern das vergossene Blut von ihm aufnehmen, so als Reliquie, dann dass Teile der Hinrichtungsstätte genutzt werden, um irgendwie einen Parkbank oder irgendwie so ein Pavillon zu bauen, wo sie sich dann treffen können und gemeinsam über die deutsche Zukunft reden. Also er wird dann fast schon so einem säkularen Heiligen erklärt nach dem Motto, es war schon die richtige Sache, aber es waren halt die falschen Mittel. Und dieser Mord an Kotzebue wird gerne dann herangezogen, um zu erklären, dass eben ein halbes Jahr später im Sommer 1819 die Karlsbader Beschlüsse erlassen werden. Also das ist so nach dem Motto, hier haben wir jetzt das System Metternich, hier haben wir die Reaktion, die eben diesen deutschen Freiheitskampf beschneiden möchte, die massiv in die Presse und in die Meinungsfreiheit eingreifen, das ist richtig, um jetzt eben diese bürgerliche Revolution niederzuschlagen und ihre eigene Fürstenherrschaft zu sichern.
Daniel
00:25:01
Kann man vielleicht noch kurz auch nochmal sagen, Karlsbatter Beschlüsse, du hast es schon gesagt, Systemmetter nicht. Also damit verbindet man ja vor allem dann dieses Unterdrückungsregime in dem Monarchenclub, den der Deutsche Bund vor allem darstellt. Also wahrscheinlich für alle, die aus nationalem Gefühl heraus gegen Napoleon gekämpft haben, waren dann bitter enttäuscht, als 1815 in Wien beim Kongress, Kein deutscher Nationalstaat, kein Kaiserreich neu begründet wurde, sondern halt nur so ein mehr oder weniger loser Verbund für die deutschen Staaten rauskam. Und da gab es sogar den Bundestag in Frankfurt, wo dann halt gerne solche Dinge mal beschlossen wurden, wie dass wir die Presse doch jetzt mal stärker in Augenschein nehmen müssen. Und man ja alles, was glaube ich unter 20 Bögen, das sind so 300 Seiten, Pi mal Daumen ist, dann erstmal dem Zensor vorlegen muss und dass jemand sich Vorlesungen an den Unis anhört und mitschreibt und im Zweifel man dafür sorgt, dass der Prof sich einen anderen Job sucht. Das ist dann hier die Karlsbader Beschlüsse und da ist dann dieses Vorkommnis quasi der Anlass dafür.
Solveig
00:26:07
Ja, beziehungsweise schauen wir mal, ob das wirklich der Anlass dafür ist. Also es ist ein Teil davon, aber es ist eben nicht der einzige Anlass. Und ich finde es dann schon recht hart, wie mit Kotzebue auch umgegangen wird. Also jetzt gar nicht mal in der Wissenschaft, also jetzt gar nicht mal in der wissenschaftlichen Diskussion, das ist immer noch mal ein anderer Punkt, aber so in öffentlichen, in Publikationen, die jetzt, wenn man einfach so googelt.
Daniel
00:26:30
Vielleicht zu Berichte kommen.
Solveig
00:26:31
In heutigen. Ja, ja, also zum Teil auch in heutigen. Das habe ich auch so im Abi noch gelernt, also das finde ich auch sehr bestürzend.
Daniel
00:26:38
Aber was denn?
Solveig
00:26:39
Was wirft man ihm denn vor? Sie sprechen es nicht aus, aber scheinbar ist es dann halt okay, wenn man zu Hause im Wohnzimmer vor den Augen des vierjährigen Sönnes umgebracht wird. Und was ja auch noch ganz interessant ist oder anzumerken ist an dieser Stelle, der Karl Sand war Burschenschaftler und er war in der gleichen Burschenschaft wie der Sohn, der erwachsene Sohn von August von Kotzebue, dessen Mantel schon verprügelt wurde. Dreimal darfst du raten, wer daraufhin die Burschenschaft verlassen musste.
Daniel
00:27:25
Der Sohn von Herrn Kotzebun?
Solveig
00:27:27
Da haben die Burschenschaftler gesagt, du bist nicht mehr tragbar.
Daniel
00:27:31
Ich hätte das jetzt schon fast noch viel dramatischer erwartet, dass der Sohn vielleicht auch bei seinem Vater loswerden wollte oder so und ihn auch angestiftet hat.
Solveig
00:27:39
Nee, nee. Dann wäre es ja noch irgendwie so eine dramatische Geschichte. Nee, aber stell dir vor, dein Vater wird umgebracht von einem Mitglied deiner Studentenverbindung in seiner Burschenschaft, Und du musst dann gehen.
Daniel
00:27:51
Ja gut, aber es hat mich jetzt nicht überrascht. Also es war jetzt irgendwie naheliegend.
Solveig
00:27:55
Ja klar, es ist naheliegend.
Daniel
00:27:57
Aus deren Sicht.
Solveig
00:27:58
Aus deren Sicht. Und da ist dann eben dieser Punkt, wo ich schon angesprochen habe. Also man sieht in ihm so den Konservativen, den Hetzer gegen liberale Ideen, gegen die deutsche Identität, gegen die deutsche Nation. Was aber nicht erwähnt wird, was eigentlich auch hauptsächlich nicht erwähnt wird, eigentlich gar nicht, wenn es um diese frühe Zeit geht, also es ist jetzt die Romantik, in der wir uns befinden, also die politische Romantik, wie sie genannt wird. Dass Kotzebue sich wiederholt für die Judenemanzipation ausgesprochen hat und dadurch offen von diesen deutschen Nationalen, von diesen Burschenschaftlern als Judenfreund beleidigt wurde. Also in dieser Zeit ist das eine harte Beleidigung und das wird nicht erwähnt, dass es hier nämlich auch um ganz massiven Antisemitismus geht, der diese Burschenschaftler vorantreibt und auch diese deutsche nationale Identität ausmacht, dass eben gesagt wird, wer dazu gehört und wer nicht dazu gehört. Und ein Kotzebue, der eben wiederholt sagt, nein, die Judenemanzipation ist korrekt gewesen, die haben die gleichen Rechte verdient wie wir, sie sollten genauso deutsche Staatsbürger sein, wenn es denn jemals einen deutschen Staat gibt, das wird ihm vorgehalten und dafür wird er angegriffen. Und Sand hat Lehrer, die sich eben massiv antisemitisch äußern, wie zum Beispiel Jakob Fries, der darüber schreibt, schon 1816, dass Juden in Deutschland keinen Platz hätten und ausgerottet werden müssen. Also er schreibt in seinem Buch über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden, 1816, die Judenschaft ist ein Überbleibsel aus einer ungebildeten Vorzeit, welches man nicht beschränken, sondern ganz ausrotten soll. Verlieren sie immer kein Wort drüber, dass es hier nicht nur gegen Fürstenherrschaft ging und für deutsch-liberale Dinge, für Demokratie und für Menschenrechte, sondern es ging auch vor allem darum, klarzumachen, wer in Deutschland keinen Platz hat. Und das sind eben jüdische Menschen. Und kurz nach der Ermordung Kotzebues, am 2. August 1819, brechen in Würzburg die sogenannten Hep-Hep-Krawalle aus. Dir sagen die was? Das sind im Grunde ja pogromartige Ausbrüche, die in ganz vielen Städten im Deutschen Bund passieren. Und zwar bis Oktober dauern die an. Nicht überall, die dauern jetzt nicht von in Würzburg bis Oktober, aber sie brechen in Würzburg aus, sie brechen in Frankfurt aus, sie brechen in Norddeutschland aus. Überall kommt es dazu, dass jüdische Menschen auf den Straßen belästigt werden, beleidigt werden, angegriffen werden. Es wird dabei Gott sei Dank niemand getötet, aber das dauert wirklich über mehrere Monate an. Und am 20. September, also anderthalb Monate nachdem diese Hep-Hep-Krawalle ausgebrochen sind, werden die Karlsbader Beschlüsse erlassen. Und da schreibt Metternich in einem Brief, und zwar am 14. August, also zehn Tage nachdem diese Krawalle beginnen. Sobald sich Ausbrüche der rohen Masse einmal in einem Staat gezeigt haben, ist sonst keine Sicherheit vorhanden, dass dieselben nicht zu jedem Augenblick und über jeden anderen Gegenstand wieder entstehen könnten.
Daniel
00:31:14
Mhm.
Solveig
00:31:15
Also ich finde, da wird schon ziemlich deutlich, weshalb die Karlsbader Beschlüsse erlassen werden. Zum einen, weil es einen Mord gegeben hat gegen August von Kotzburg und zum anderen, weil jetzt gerade diese Ausschreitungen stattfinden gegen die jüdische Bevölkerung. Und in dem Sinne würde ich jetzt die Karlsbader Beschlüsse nicht unbedingt als fürstliches Unterdrückungsorgan wahrnehmen, um deutsch-liberale demokratische Ideen zu unterdrücken, sondern eher als ein Bemühen der Regierung, die eigene Bevölkerung zu beschützen vor diesen Ausschreitungen, die gerade passieren. Und wenn man sich das dann eben anfragt, dann findet genau das statt, was du gesagt hast. Also man muss Bücher vorlegen, die werden zensiert. Es wird in die Universitäten gegangen, es werden sich Vorlesungen angehört, was dort erzählt wird. Und man muss sich eben bewusst machen, ich habe das jetzt mit einem Zitat mal versucht auszudrücken, was in den Universitäten erzählt wird. Und zwar eben Hass und Hetze, vornehmlich antisemitische Hetze, die Konsequenzen hat mit diesen Ausschreitungen.
Daniel
00:32:19
Ich kann das voll nachvollziehen, das ist sehr spannend, dass du diesen Punkt so stark machst. Ich glaube aber wahrscheinlich haben sie auch über Freiheit und Demokratie gesprochen und eine deutsche Nation und das wird sie alles gleichermaßen gestört haben.
Solveig
00:32:33
Aber der Punkt ist ja, und darum geht es mir ja. Dieser Gedanke um die deutsche Nation hängt ja inherent mit dem zusammen, wer ist denn überhaupt deutsch. Und da hängt der Gedanke dazu, die Juden gehören nicht dazu. Und es passiert eben, es kommen zu Ausbrüchen. Und ich finde, man muss diese Karlsbadere Beschlüsse ein bisschen komplexer sehen, als da haben wir jetzt die bösen Fürsten, die ihre Macht erhalten wollen. Das wird sicherlich auch ein Teil gewesen sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass Metternich sich gedacht hat, ich mache hier einen guten Job, ich möchte diesen Job behalten. Aber diese, wie es dann heißt, die Demagogenverfolgung, das waren wirklich Demagogen. Also die wurden zu Recht, vielleicht nicht alle, aber die, die ich mir angeguckt habe, wurden alle zu Recht eingeschränkt. Das geht so nicht, das ist Volksverhetzung, würde man es heute nennen. Und jetzt ist natürlich der Punkt, was hat das denn jetzt eigentlich mit dem Hermann so tun? Jetzt habe ich viel über die politische Romantik gesprochen, über Karlsbader Beschlüsse, über das System Metternich.
Daniel
00:33:28
Klingt, als hätten Sie in Hermann da etwas Identitätsstiftendes entdeckt.
Solveig
00:33:32
Genau, also wir haben es ja schon mitgekriegt, Herr Sand, großer Fan von Hermann. Auch die anderen alle sehen in den Germanen ihre Ursprünge. Aber wer ist denn jetzt überhaupt dieser Hermann? Wir gehen einfach mal davon aus, dass man noch nie vom Hermann gehört hat. Und Hermann ist der eingedeutschte Namen des Chiruskerfürsten Arminius. Der wahrscheinlich so um 17 vor Christus, man weiß es nicht genau, geboren wurde und eben wederführend an der Varusschlacht beteiligt wurde, 9 nach Christus, wo drei römische Legionen vernichtend geschlagen wurden unter der Führung des Stadthalters Publius Quinctilius Varus nahe dem Teutoburger Wald. Wobei, also man hat damals geglaubt, das war im Teutoburger Wald. Heute weiß man weitestgehend sicher, dass das nicht dort stattgefunden hat, sondern bei Kalkriese, das ist so bei Bramsche im Osnabrücker Land so gelegen. Also es ist nicht weit weg vom Teutoburger Wald, aber es ist eben nicht im Teutoburger Wald passiert, da wo das Denkmal steht. Es ist doch nochmal ein Stück in die andere Richtung, die man erfahren muss.
Daniel
00:34:35
Aber ist denn diese Regionsbezeichnung in den Quellen genannt und man hat dann einfach überlegt, wo das sein könnte? Oder ist der Name komplett ausgedacht?
Solveig
00:34:44
Welcher jetzt?
Daniel
00:34:45
Teutoburger Wald. Dann gab es doch so etwas Ähnliches irgendwo in den Quellen und dann hat man, glaube ich, einfach überlegt, das müsste jetzt hier sein.
Solveig
00:34:51
Ja, ich bin ja...
Daniel
00:34:52
Ich meine, der Erzbischof von Paderborn hat damals gesagt, das ist hier. Kommen Sie doch zu uns.
Solveig
00:35:00
Ja, ich bin mir jetzt nicht sicher. Ich glaube, Teutoburger Wald haben die nicht geschrieben. Aber es gibt schon so Regionsbeschreibungen, dass es in der Nähe von der Weser war und hier und da. Also man kann sich da, glaube ich, ein bisschen orientieren, aber so genau wussten sie es damals nicht und sie haben es dann ja jetzt dann um 2000 rum, haben sie dann bei Kalkriese eben diese Funde gemacht, wo man denkt, okay… Hier sind tatsächlich römische Legionen bekämpft worden.
Daniel
00:35:26
Viele Nägel.
Solveig
00:35:27
Viele Nägel und eine Maske.
Daniel
00:35:29
Und ein paar Münzen, die das dann datieren lassen.
Solveig
00:35:32
Genau. Und ich habe jetzt auch nochmal in der Vorbereitung gelesen, dass es jetzt tatsächlich auch nochmal eine Untersuchung gab. Und so sicher, wie man in der Wissenschaft nun mal sicher sein kann, es tatsächlich diese Legionen waren. Also es sind, soweit sie es nachweisen können, die Funde sind die 19. Legion. Ich glaube, es waren die 17., die 18. und die 19. Legion, die da vernichtet wurde. Und sie sind sich recht sicher, dass die Rüstungen zur 19. Legion gehören. Also es ist relativ eindeutig, dass es dort passiert ist, wo man eben auch greift heutzutage noch. Auf jeden Fall, wir kommen zu Arminius zurück. Der, wie gesagt, der ist 17 vor Christus ungefähr geboren. Er ist aber gar nicht in Germanien, was auch immer das zu dem Zeitpunkt heißen soll, aufgewachsen, sondern wurde als Kind, als Geisel nach Rom geschickt von seinem Vater, Segimer. Der hatte nämlich ein Bündnis mit den Römern geschlossen und hatte sich dann da auch in dem Zusammenhang mit denen zusammengearbeitet und um dieses Bündnis zu sichern, hat Rom sich eben Geiseln stellen lassen. Auch das wird unterschiedlich bewertet, dass diese Geisel, dass so die Vorstellung ist, dass diese Kinder ganz armselig gehalten wurden und jeden Tag das Wissen vor Augen hatten, wenn mein Vater den Vertrag bricht, werde ich getötet. Eventuell kann man das aber auch ein bisschen weniger düster werten, dass das auch so Faustfände schon waren, dass die Väter diese Verträge einhalten, aber gleichzeitig auch so ein Mittel der Integration war. Also wir waren ja in Paderborn in der Ausstellung zu Westfalen und da gab es ja auch dieses Geiselbuch, dass die Franken sich Geiseln stellen lassen.
Daniel
00:37:05
Ich kann sagen, das bleibt doch noch eine Weile.
Solveig
00:37:06
Genau, das bleibt nur noch eine Langeweile und es sind glaube ich auch nicht die Römer, die damit anfangen, das gibt es auch vorher schon. Und dass man die Kinder eben in der eigenen Kultur erzieht, damit, wenn sie dann zurückgehen, die Kultur so Kulturbotschafter sind. Guck mal, ich habe jetzt Latein gelernt und das geht alles und also, Ist eben so die Frage, wie man das was deuten möchte auch zum Teil, wird wahrscheinlich seine guten und seine schlechten Seiten gehabt haben, wie in allem, aber ist eben eine Sitte, die auch später noch fortgesetzt wird. Und in diesem Zusammenhang wird Arminius dann auch Teil des römischen Militärs, wo er dann auch das Bürgerrecht bekommt und den Titel eines Equus bekommt, also eines Ritters.
Daniel
00:37:47
Klingt gut.
Solveig
00:37:48
Das klingt schon mal gut, also er scheint da wirklich Karriere gemacht zu haben. Und das mit diesem Equus, also es steht dann auch in der Literatur, dass das ein Titel innerhalb der Cavalry ist, also dass er dann Offiziersrang hat. Es gibt ja auch noch den Ecos als so ein bisschen so eine, Er ist Einstiegsform quasi in die römische Nobilität, da gibt es auch diesen Ritterstatus. Ich vermute, bei ihm wird das eher dieser Kavalerie-Militärrang gewesen sein, der da beschrieben wird und eben nicht dieser Nobilitätsstatus. Also ich glaube, so gut ist er dann doch nicht aufgestiegen. Aber er war auf jeden Fall ein wichtiger Teil des römischen Militärs. Man hat auch überlegt, dass er bei der Niederschlagung eines pannonischen Aufstandes beteiligt war. Pannonien ist eine Provinz, so ungefähr das heutige Ungarn, nicht ganz, aber um es sich so ein bisschen vor Augen zu führen, wo Pannonien liegt. Und man vermutet, dass er daher auch diesen Namen hat, weil Arminius ist jetzt ein lateinischer Name und es wird übersetzt als der Armenier. Und das ergibt jetzt irgendwie keinen Sinn, wenn er doch aus Germanien kommt und für das römische Militär, warum hat er diesen Namen? Und da gibt es diese Überlegung, vielleicht hat er sich in diesem Niederschlagung dieses panonischen Aufstands so ausgezeichnet, dass das Wort, dass sie ihm diesen Beinamen gegeben haben, weil das wird auch ein Beiname sein.
Daniel
00:39:02
Gibt es ja noch andere römische Feldherren, die dann nach solchen siegreichen Feldzügen benannt sind, oder? Gibt es da nicht auch jemanden mit Germanicus im Namen?
Solveig
00:39:09
Ja, Germanicus, aber der Germanicus.
Daniel
00:39:12
Achso, der hat gar nicht gewonnen.
Solveig
00:39:14
Doch, aber den hat er ja vorher schon, das ist irgendwie so ein Erbname gewesen, den er von seinem Vater übernommen hatte. Also das war irgendwie, aber der Vater von ihm hat irgendwie Kriege in Germanien gewonnen und dann hat er diesen Lobnamen bekommen und den hat er dann an den Sohn weitergegeben. Also es wird ein Beiname gewesen sein, er hat auch noch einen Bruder, den Flavus. Flavus heißt einfach nur Blond auf Latein, also der Blonde wird definitiv ein Beiname sein, um ihn zu beschreiben. Aber wir wissen nicht, was sie für vollständige Namen hatten oder ob sie überhaupt einen Trias-Namen haben. Denn die römische Elite, zumindest die Männer der römischen Elite, haben ja drei Namen. Also Gaius, Julius, Cäsar und der dritte ist der Rufname. Also Gaius ist so ein Name, den auch in der republikanischen Zeit betrifft. Das ist dann quasi der Vorname. Der mittlere Name ist der Familienname. Also es ist nicht Julius Cäsar. Es passiert manchmal, dass sie dann sagen, der Julius, das ist sein Nachname. Er stammt aus der Familie der Julia. Und es gibt diese These, dass es einfach zu viele Menschen gab, weshalb sie dann immer noch diesen dritten Namen haben, der dann ihr spezifischer Spitzname in dem Sinn ist. Also Cäsar wird dann...
Daniel
00:40:27
Was du jetzt immer so in deinem mittelalterlichen, kirchlichen Vulgärlatein aussprichst. Ja, es ist falsch. Ich weiß, es ist Kaiser.
Solveig
00:40:34
Es tut mir leid. Aber manche Gewohnheiten sterben. Es ist ja auch nicht Cicero, es ist Kikero. Und das ist eben auch sein Rufname.
Daniel
00:40:43
Ich wollte es da einfach nochmal anbringen, weil vielleicht sprechen wir später noch darüber, wie man in aktuellen Medien dann Menschen Latein sprechen lässt, auf durchaus beeindruckende Art und Weise. Und warum unser Kaiser tatsächlich von Cäsar, Kaiser abgeleitet ist.
Solveig
00:40:58
Deswegen Arminius und auch Flavus sind definitiv Rufnamen. Was deren ganze Namen waren, ob die ganze Namen überhaupt hatten, ob sie diese Trias hatten, das weiß ich eben nicht. Auf jeden Fall daher dieser Name. Und da hat vor allem ein Autor die Hermann-Rezeption beeinflusst und das ist Tacitus. Arminius wird nicht nur bei Tacitus genannt, es gibt einige Autoren, die ihn nennen. Einige ist jetzt übertrieben, aber es sind jetzt nur so zwei, drei andere. Aber Tacitus war da eben maßgeblich, denn er schreibt in seinen Annalen. Übrigens hatte Arminius, als er nach dem Abzuge der Römer und nach Vertreibung des Marobodos nach der Königsmacht strebte, den Freiheitssinn seiner Landsleute gegen sich und fiel, da er angegriffen mit Gewalt der Waffen mit abwechselndem Glücke kämpfte durch Hinterlist seiner Verwandten. Unstreitig Germaniens Befreier, der nicht wie andere Könige und Heerführer des Römervolkes erst beginnende Macht, sondern in der höchsten Blüte dessen Herrschaft anzugreifen wagte, in Schlachten nicht immer glücklich, im Kriege unbesiegt. Er hat 37 Jahre des Lebens, zwölf der Macht erfüllt und noch jetzt wird er bei den barbarischen Stämmen besungen, den Jahrbüchern der Griechen unbekannt, die nur das Irige bewundern, bei den Römern nicht sonderlich genannt, weil das Alte wir erheben unbekümmert um das Neuere.
Daniel
00:42:19
Mhm, das klingt aber nett. Aber es ist ja interessant, die Römer interessieren sich nicht besonders, aber wie kam denn Tacitus auf die Idee, den Arminius da so zu loben?
Solveig
00:42:27
Ja, ich glaube deswegen, nach dem Motto, die haben das bislang noch gar nicht angesprochen. Ich zeige euch jetzt mal was für ein großartiger Kämpfer das war, der Befreier Germaniens.
Daniel
00:42:38
Und der ist veragter Rom in der Blüte seiner Zeit anzugreifen.
Solveig
00:42:41
Ja, anders als Hannibal oder so. Da waren wir schwach und neu. Und dieses Zitat, gerade dieser mittlere Teil der Befreier Germaniens, das kitzelt natürlich das deutsche Gefühl. Da fühlt man sich gesehen, da fühlt man sich ernst genommen. Jetzt ist natürlich das Problem, du weißt es wahrscheinlich, dass Tacitus nicht so….
Daniel
00:43:03
Der war nicht dabei?
Solveig
00:43:04
Ja, das sowieso, aber das waren die meisten nicht, die darüber schreiben. Nee, dass der scheinbar nicht so beliebt war im Mittelalter, dass es sehr viele Ausgaben davon gab. Deswegen heißt es gemeinhin, dass Tacitus verloren gegangen ist. Wobei verloren gegangen, also die Texte standen noch irgendwie in der...
Daniel
00:43:22
Warte, ist nicht ein Chor bei?
Solveig
00:43:23
Weiß ich gar nicht.
Daniel
00:43:24
Ich meine doch eine Version. Hätte ich in der Ausstellung im letzten Jahr. Wir haben ja irgendwie so eine kleine Tradition privat, dass wir uns um Weihnachten herum in Paderborn treffen, weil es da ja immer nette Ausstellungen gibt, die uns die liebe Katrin von Ehrmimi dann empfiehlt. Liebe Grüße gehen raus.
Solveig
00:43:36
Hallo.
Daniel
00:43:37
Haben wir uns da inspirieren lassen von dir. Und ja, ich meine da auf jeden Fall in der Ausstellung lagen die Annalen.
Solveig
00:43:43
Okay, die anderen. Also Tazisus ist scheinbar nicht so beliebt gewesen und nicht so viel gelesen worden, deswegen ist ja auch nicht so viel abgeschrieben worden. Und weshalb er dann im Humanismus quasi neu entdeckt wurde, Also die Humanisten sind eben in die Klosterbibliotheken gegangen, haben geguckt, was ist da. Und da haben sie dann eben eine Abschrift aus dem 9. Jahrhundert oder so gefunden und war natürlich super heiß, was da jetzt drin ist. Und die Annalen sind 1508 wiedergefunden worden. Und der andere Text, für den Tacitus natürlich noch viel mehr in das Herz der Deutschen Nationalen aufgenommen wurde, ist der Text, also der sogenannte Text. Er hat ihn selbst nicht benannt, aber er wird gemeinhin als Die Germania benannt. Die ist vorher schon gefunden worden, 1426, aber irgendwie auch nur in Teilen, die dann auch zusammengefügt wurde. Also man ist da überhaupt gar nicht richtig sicher, was er da gemacht hat.
Daniel
00:44:35
Er hat doch irgendeinen Typ in Italien die Blätter einfach benutzt für was anderes.
Solveig
00:44:38
Ja, das passiert öfter mal. Das ist man da aus Texten, die man meint, die brauchen wir nicht mehr, macht man Makulatur. Und da haben die das eben geguckt und haben festgestellt, das ist ein Text, den kennen wir gar nicht. Und deswegen ist auch nicht so richtig klar, stand das in einem Kontext? Gehören die Texte so zusammen? Waren die überhaupt so zusammenhängend gedacht? Das ist alles nicht so sicher. Aber man hat ihn eben 1426 wiedergefunden, hat sich da drin gesehen gefühlt. Und tatsächlich ist der Inhalt, auf den wir jetzt gleich kommen, auch schon auf dem Regensburger Reichstag 1471 genutzt worden. Um das Heilige Römische Reich für die Türkenkriege zu gewinnen. Also wir als Germanen müssen uns wieder zusammenfinden, um die ausländische Gewalt wieder zurückzudrängen, was ich dann auch Spannend finde, weil dann in diesem Zusammenhang die Türken als Römer dargestellt werden. Was auch wieder interessant ist, weil ein Mehmet II., nachdem er Konstantinopel erobert hat, sich tatsächlich in so eine konstantinische Tradition gestellt hat. Also das passt schon auch irgendwie wieder. Also ganz, ganz interessant.
Daniel
00:45:40
Aber gleichzeitig ist man doch selbst die Römer auch.
Solveig
00:45:43
Ja, aber wir sind ja das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Da kommt ja dieser Titel auch auf. Also vorher war es das Heilige Römische Reich, jetzt sind wir deutscher Nation. Und die Germania, soweit wir das eben überblicken können, ist so eine geografische Abhandlung über Germanien. Also das Gebiet, was die Römer eben Germanien nennen. Und er beschreibt dann eben, wie es aufgebaut ist, wie das Klima ist, was für Rohstoffe es gibt. Das ist auch üblich in dieser Geografie-Genre. Tacitus macht das auch über Britannien. Da haben wir ja dann auch die Eroberungszüge unter Caligula und unter Claudius und fortwährend, dass sie dann die Provinz Britannia, also die englische Insel, erobern. Und jetzt schreibt er eben hier über die Germania. Und ich habe dir jetzt einfach mal einen Auszug mitgebracht. Ob du dich darin wiederfindest? Schauen wir mal. Oder möchtest du Tacitus sein?
Daniel
00:46:36
So kann ich gerne. Warum nicht?
Solveig
00:46:38
Jetzt hast du ja Übungen drin.
Daniel
00:46:39
Ach so, ja. Wir machen sehr viele Anspielungen im Moment, weil wir euch noch etwas verraten müssen später. Also bleibt noch dran. Es gibt was ganz Tolles. Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens Stämme rein und vor jeglicher Mischung mit Fremdem bewahrt für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch unerachtet der großen Menschenzahl überall der gleiche Schlag. Hellblaue trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und Ungestümem Drängen taugend. Mühsame Arbeit sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze können sie gar nicht vertragen. Kälte aber und Hunger sind sie in ihren Breiten auf ihrem Boden gewohnt. Ja, stückweise schon. Also rot-blonde Haare hatte ich mal. Schlaue Augen habe ich nicht.
Solveig
00:47:27
Ich auch nicht.
Daniel
00:47:28
Und ich bin manchmal drängend und das mit dem steten, müßigen Arbeiten, das lernen wir noch.
Solveig
00:47:34
Aber Kälte bin ich gar nicht gewohnt. Also Kälte ertrage ich nicht.
Daniel
00:47:37
Kälte habe ich kein Problem. Ich mag es. Jetzt reicht es auch langsam. Wir nehmen hier noch in Schnee und Eis auf. Mal gucken, wie es dann später aussieht. Aber ja, so streckenweise kann es passen, aber auf andere vielleicht auch. Oder du bist nicht germanisch genug.
Solveig
00:47:51
Ich bin gar nicht gemerisch genug. Also Kälte ertrage ich gar nicht. Also wenn ich im Winter unterwegs bin. Hunger auch gar nicht. Also ist die Welt wirklich gegen dich oder ist dir einfach nur kalt? Ich sehe das als persönlichen Angriff. Auf jeden Fall finde ich also dieser Punkt auch, also dass sie so urtümlich und unvermischt beschrieben werden von Tacitus, das ist natürlich das Ding, das erinnert vielleicht auch an spätere Rezeption der Germanen als rein und ja, was haben wir da noch, unverfälscht. Das ist aber in diesem Zusammenhang, ich habe das weggelassen, von Tacitus auch so ein kleiner Diss, weil er dann schreibt, naja, also die sind halt unvermischt, weil wer geht da freiwillig hin? Also wer lebt da freiwillig? Außer die, die da halt schon immer waren, da fährt auch keiner. Also, weil die Römer haben auch so eine Vorstellung von Abstammung, da komme ich später auch nochmal genauer zu. Und die gehen immer davon aus, es sind mal Leute irgendwo hingefahren und sind dann da geblieben und haben dann sich mit der Bevölkerung von Ort vermischt. Und da ist so die Vorstellung, da fährt auch keiner freiwillig hin, seid ihr völlig bescheuert. Bei dem Wetter guckt es auch ja, also so mein Tazitus das. Die Rezeption ist natürlich, wir sind rein und wir sind unvermischt.
Daniel
00:48:59
Ja, vor allem, wir haben wahrscheinlich auch keine römischen Ex-Soldaten, die da ihre Pension verbringen oder so. Wie in anderen, vielleicht in Frankreich, wo man sich eher mal niederlässt, so als Römer auch.
Solveig
00:49:07
Naja doch, also in den Provinzen ja schon.
Daniel
00:49:10
Also Köln, okay.
Solveig
00:49:12
Genau, also da komme ich auch noch mal gleich.
Daniel
00:49:14
Da Düsseldorf geht doch keiner.
Solveig
00:49:17
Kommen wir also zu diesen Provinzen auch noch mal, aber das ist eher so, da ist, also die gehen auch von früher aus, also das ist irgendwie früher mal Völkerwanderung in dem Sinne gegeben habe und da ist einfach niemand hin, weil warum? Das ist ja einfach furchtbar da. Dann angetrieben von diesen Funden, diesen Tacitus-Funden, haben wir dann Ulrich von Hutten, der, das ist nicht so ganz genau, klar, wann genau er dann seinen Text publiziert hat, man geht so davon aus, nach 1523 schreibt er Arminius ein Dialog. Und er ist noch in guter humanistischer Tradition, er schreibt in Latein und er benutzt auch den lateinischen Namen Deswegen auch.
Daniel
00:49:56
Diese Dialogform war auch.
Solveig
00:49:58
Populär, oder? Also es wird sich dann auch bald ändern und ich führe Ulrich von Hutten an, weil wenn man so liest, dann gerne er, diese Zeit auch angeführt wird so nach dem Motto, er ist der Erste der diesen Arminius zu so einem deutschen Nationalhelden. Formt und den so interpretiert und das ist nicht falsch Aber er macht das auf eine andere Art, als das dann später diese deutschen Nationalen tun werden. Weil Ulrich von Hutten eben ganz klar Humanist. Das heißt, er möchte Arminius in so eine greko-romanische Tradition einfach integrieren. Und in diesem Dialog geht es eben darum, also es treffen sich in der Unterwelt Arminius mit anderen großen Feldherren, Alexander dem Großen, Scipio, Hannibal. Und die reden jetzt vor Minos, diesem großen Richter der Unterwelt. Der kommt auch in der göttlichen Komödie vor. Auch da sitzt Minos zu Gericht und entscheidet, in welchen Höllenkreis du musst. Und hier sitzt jetzt Minos da und sagt, nee, Arminius, du bist ein Verräter. Und du hast dich gegen deinen Dienstherrn gestellt. Er war ja römischer Militär. Du hast das römische Heer verraten mit dem, was du getan hast. Und dementsprechend musst du auch verurteilt werden. Und Arminius sagt, nein, nein, nein, nein, ich habe die Freiheit des Vaterlandes verteidigt. Das hat auch schon Tacitus geschrieben. Und dann ist das so ein Diskurs, dann kommt Alexander der Große und meint, nee, das war eigentlich nicht so geil, was du gemacht hast. Und Scipio sagt auch, nee, eigentlich war das richtig dumm. Und sie diskutieren dann miteinander und am Ende sind sie dann doch der Meinung, na okay, es war schon nicht in Ordnung, was du gemacht hast, aber so wie du Krieg geführt hast, war es dann. Oder mit dem, also auch da wieder die richtige Sache, die falschen Mittel.
Daniel
00:51:34
Okay.
Solveig
00:51:35
Also im Grunde wird Arminius hier in diesen Dunstkreis dieser großen antiken Feldherren integriert, wegen Alexander der Große, Skipio etc.
Daniel
00:51:45
Weil Ulrich von Hutten schon gerne irgendwie so einen deutschen... Als antike Größe jetzt sehen möchte.
Solveig
00:51:50
Ja, eventuell. Oder weil er eben wie von Tazius inspiriert meint, der war doch cool. Ich kann mir vorstellen, dass er es gelesen hat und den cool fand und er meinte, ich möchte, dass der mitgedacht wird. Aber es geht noch nicht, also es geht dazu, wir integrieren diese Germanen in diese überhaupt greko-romanische Mythenwelt.
Daniel
00:52:11
Die waren auch wichtig.
Solveig
00:52:11
Die waren auch wichtig, wir gehören auch dazu. Und nicht, wie es dann später passiert, nein, nein, wir gucken nur noch auf das Deutsche und der Rest ist schlecht, sondern es gibt noch so einen Streben nach Integration.
Daniel
00:52:23
Ja, den hat es wahrscheinlich eher gewurmt, dass wir halt keine Griechen sind und keine Römer sind und seht her, aber sogar die Römer haben Respekt vor dem.
Solveig
00:52:31
So würde ich das auch verstehen, dass er das sagt. Wir sind auch dabei.
Daniel
00:52:34
Wir sind auch Teils-Teams.
Solveig
00:52:37
Und ein weiterer Text, nicht das Einzige, aber ich wollte mich dann irgendwie so auf ein paar fokussieren, die ich dann auch im Internet gefunden habe zum Nachlesen und beispielsweise 1769 haben wir Friedrich Gottlieb Klopstock. Der schreibt ein Bardier für die Schaubühne. Und zwar Hermanns Schlacht. Also nicht Hermanns Schlacht, sondern Hermanns Schlacht. Und da geht es dann tatsächlich auch um Hermanns Schlacht. Also man muss sich das vorstellen, es ist ein typisches Theaterstück. Wir haben die Bühne, die stellt quasi so den Feldherrenhügel dar, von wo aus man dann auf die Schlacht hinunterblickt, die gerade stattfindet.
Daniel
00:53:17
Also im Publikum?
Solveig
00:53:18
Ja, irgendwie so. Und es kommen dann eben einzelne Figuren auf, also der Vater von Arminius, der jetzt eben hier schon Hermann heißt, der sich dann mit anderen Germanen unterhält, wie schlägt er sich denn, der Hermann? Oh ja, der ist ganz, ganz erfolgreich. Dann haben wir die Ehefrau von Hermann, die Tusnelda, die sitzt dann mit ihren Frauen irgendwie in so einem Hain und webt. Blumenkränze, damit sie dann den Hermann begrüßen kann, wenn er aus der Schlacht zurückkehrt. Es kommt wieder der Bruder von Hermann vor, Flavus, der auf der Seite der Römer kämpft. Laut Bericht des Tacitus auch, dass er eben nicht zu den Germanen zurückgegangen ist, sondern eben bei den Römern bleibt. Die waren beide Geiseln. Und das ist dann auch sehr unterhaltsam. Weil Flavus dann kommt und meint da kommt der Römer, wir müssen ihn bezwingen. Und er sagt, nein, ich bin eine Germane. Aber wir kennen dich nicht. Und dann will er eben die ganze Zeit mit denen reden, aber sie reden mit ihm nicht, weil er Römer ist und das ist alles ein bisschen. Auf jeden Fall, was ich daran so interessant fand, ist, dass diesen Bardier für die Schaubühne ein sehr ausführliches Vorwort vorgeschaltet ist, wo Klopstock eine große Hymne auf Kaiser Josef II. Erhebt, nach dem Motto, er ist der beste und schönste und großartigste Kaiser und in was für einer wundervollen Welt leben wir, dass wir unter ihm leben können. Und es ist so ein bisschen, also er sagt es nicht, aber wenn man das so gegeneinander liest, könnte man schon meinen, dass er hier Josef den Zweiten als neuen Herrmann inszeniert, was natürlich auch wieder ein bisschen strange ist für uns. Josef der Zweite ist Habsburger, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Nichts, was irgendwie die deutschen Nationalen später begeistert, aber hier sagt Klopstock, das widme ich dir, dieses großartige Werk. Und dann haben wir natürlich den großen Moment, wo das bricht und wo ich ja auch einfangs gesagt habe, da würde ich wirklich diesen deutschen nationalen Geist beginnen lassen oder überhaupt diese deutsche nationale Identität beginnen lassen. Wir haben die französische Revolution, wir haben Napoleon, der 1806 das Heilige Römische Reich in die Knie zwingt und sich der deutschen Länder bemächtigt. Und auch noch das Schlimmste ist.
Daniel
00:55:37
Er ist Kaiser, hat sich da selber zugemacht.
Solveig
00:55:41
Und es gibt gewisse deutsche Stämme, die auch noch mit ihm kämpfen, gegen andere deutsche Stämme und daraufhin kommt es dann ja zur großen Befreiungsschlacht in Leipzig 1813, auch bekannt als Völkerschlacht bei Leipzig, wo eben die Heilige Allianz, du hattest es eingangs gesagt, aus Preußen, Österreich und Russland, Napoleon zum ersten Mal besiegen kann. Und daraufhin… Hanno Veraner war auch dabei. Ja.
Daniel
00:56:11
Und Schweden.
Solveig
00:56:12
Ich wollte die Heilige Allianz benennen. Und da haben wir dann jetzt, wo das wirklich maßgeblich kippt oder umschwingt in diesen deutschnationalen Geist, denn es gibt dann so schöne, es gibt einige Texte, aber ich habe dir jetzt einfach mal ein Bild mitgebracht, das kann man vielleicht auch in die Shownotes hineinnehmen, das ist relativ bekannt. Das ist ein, ich glaube es ist ein Stich, ein Kupferstich von Karl Ruhs oder Russ, Hermann befreit Germania.
Daniel
00:56:40
Muss ich mal gucken. Also in den Shownotes über Spotify und so weiter werdet ihr es wahrscheinlich nicht finden. Da wird sowas nicht eingebunden. Also guckt mal auf unserer Webseite, wenn ihr das Bild sehen wollt. Oder wenn ihr einen freien Podcatcher benutzt, dann taucht es jetzt anstelle unseres Podcast-Covers auf.
Solveig
00:56:58
Sehr schön.
Daniel
00:56:58
Okay, Hermann befreit Germania. Und das ist bei Leipzig passiert offensichtlich. Wer ist denn dann der Hermann jetzt in dem Moment, wenn er die Germania befreit? Welcher von den beteiligten Monarchen könnte den Hermann darstellen? Er ist das Gefühl.
Solveig
00:57:15
Ich glaube, das soll hier kein Kämpfer, also kein... Individuum darstellen. Für die, die es nicht sehen können. Nicht Kaiser Franz. Ich beschreibe es einmal. Wir haben zwei Personen im Vordergrund. Links haben wir eine junge Frau mit langen, offenen, gewelltem Haar, die so eine kleine Burg auf dem Kopf hat, was sie auszeichnet als Personifikation. Also sie ist keine echte Frau, sondern sie symbolisiert eben die Germania, also die deutsche Nation, die deutsche Identität. Und sie ist gefesselt an so einen Berg, an einen Stein, so ein bisschen wie Andromeda in der Mythologie. Also Andromeda, die von Perseus vor dem Monster gerettet wird, weil sie dort auch angekettet wurde. Und sie sitzt dort in Ketten geschlagen. Sie hat einen Schild, auf dem sie auch so ein bisschen drauf sitzt. Und da steht drauf Germania, Leipzig 1813. Also es ist ganz klar, worum es hier geht. Und wir haben im Zentrum des Bildes einen Herrn mit so einem Messie-Bann auf dem Kopf. Ich weiß nicht, ob das der Swebenknot sein soll, den sie ihnen immer geben. Auf jeden Fall hat er so einen Dutt auf dem Kopf und er trägt, also er ist sehr muskulös und er trägt so Felle und er hat so zwei Bänder um die Oberschenkel, wo Hermann draufsteht. Also wissen wir auch, wer er ist. Und er löst eben diese Ketten, in die Germania geschlagen wurde. Und zu ihren Füßen und seinen Füßen, also er trampelt da auch so ein bisschen drauf, haben wir so Adlerstandarten. Also das römische Heer hat er bezwungen. Im Hintergrund haben wir noch eine brennende Burg. Vielleicht ist das das Heidelberger Schloss, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall brennt es da hinten noch.
Daniel
00:58:52
Das war aber doch früher.
Solveig
00:58:53
Ja, das war früher, aber es war der gleiche Feind. Und also hier ganz klar, Hermann befreit Germania. Also Hermann, die deutschen Stämme, die sich eben 1813 in dieser Völkerschlacht zusammengefunden haben, um eben die Freiheit und die Einheit des Landes zu erkämpfen. Gegen den bösen Kaiser Wilhelm. Der Franzosen. Den Adler, genau. Also da ist Napoleon auch ein bisschen selber schuld, dass man ihn mit Rom assoziiert, denn schon die französische Revolution hat sich sehr stark auf Rom bezogen, hat da Symbole übernommen, unter anderem beispielsweise das Lektorenbündel, also dieses Estbündel, die Fascius, die dann auch Mussolini später als sein Symbol nehmen wird und woher der Begriff Faschismus kommt. Das nehmen sie so als Symbol des Rechtes, das hier eben Recht und Ordnung herrscht. Und Napoleon nimmt diese Idee weiter und sagt, naja, so wie die Republik in Rom geendet ist, so lasse auch ich sie enden und in einem Kaisertum neu entstehen. Und Napoleon lässt sich dann ja auch sehr gerne so als neuer römischer Kaiser darstellen mit Lorbeerkranz und anderen Insignien. Also deswegen ist hier die Gleichsetzung Frankreich gleich Rom auch nicht überraschend. Also das hat Napoleon auch gewollt.
Daniel
01:00:06
Es ist trotzdem irgendwie ein krasser Einschnitt, den es da gegeben hat. Okay, du hast gerade Ulrich von Hutten und die anderen genannt, dass da schon sowas im Schwange war, schon eine längere Zeit, dass man da irgendwie Interesse hatte an dem Hermann und Arminius und den Germanen und sich da vielleicht selber entdeckt hat. Aber tatsächlich waren wir eigentlich doch die Römer bis zu dem Zeitpunkt. Und in dem Moment, wo der Napoleon dann plötzlich sich zum Kaiser macht, da ist es irgendwie doof. Dann passt es nicht mehr und dann kommt der Hermann jetzt so richtig zur Geltung.
Solveig
01:00:34
Jetzt kommt er richtig durch, weil man eben, genau, wir sind nicht mehr das Heilige Römische Reich. Franz II. ist jetzt Franz I. von Österreich, der das zwar irgendwie noch so ein bisschen weiterführt, aber auch irgendwie was Neues macht mit seinem Kaiserreich Österreich. Und man will jetzt irgendwie was Neues haben. Braucht jetzt was Neues. Rom haben uns die Franzosen weggenommen. Gegen wen haben wir einmal siegreich bestanden?
Daniel
01:01:00
Wir sind die Germanen.
Solveig
01:01:01
Dann sind wir jetzt Hermann. Und kurz darauf, und da kommen wir jetzt wieder ins Jahr 1819 zurück, das neue deutsche Schicksalsjahr, wie ich es jetzt begründe. Das Kotzebue, ja. Das Kotzebue und alles, ja. Haben wir Ernst von Bandel, der schon erste Skizzen für ein mögliches Hermannsdenkmal entwickelt. Wie man diese große Befreiungsschlacht, dieser Beginn dieser neuen deutschen Identität doch irgendwie auch bildlich in Szene setzen kann.
Daniel
01:01:31
So früh. Das ist ja echt krass. Ich habe das immer total mit Kaiserreich verbunden.
Solveig
01:01:37
Kommen wir jetzt zu. Warum? Er braucht nämlich so knapp 20 Jahre, um überhaupt seinen Plan in die Tat umzusetzen. Denn 1838 beginnt man dann tatsächlich dieses Denkmal zu bauen und zwar an der Stelle, wo es überraschenderweise heute auch noch steht. Das haben sie nicht bewegt. Nämlich da oben auf diesem Hügel bei Detmold im Teutoburger Wald. Wie gesagt, man hat damals gedacht, dass die Schlacht dort irgendwo stattgefunden hat. Und der Fürst von Lippe meinte dann auch irgendwie, ja, ihr könnt das da schon in meinen Wald bauen, aber macht es doch an eine Stelle, wo es hübsch ist und wo man es aus der Ferne auch sieht. Also da auf diesem Hügel baut ihr das. Also er hat da schon gesagt, da will ich das haben. Und deswegen, man sieht es einem auch aus der Ferne, weil es eben da oben auf diesem Hügel ist, wo definitiv keine Schlacht stattgefunden hat. Und diese Finanzierung war auch nicht so einfach, also in den 1830ern hat man dann Vereine gegründet, das ist auch so typisch in der Zeit, man hat irgendein Ziel, man gründet einen Verein und um diese Finanzierung sicherzustellen, dass das bezahlt werden kann. Und 1841 ist dann dieser Sockel fertig. Quatsch, 1841 wird damit begonnen, diesen Sockel zu bauen. 1846 ist er fertig. Wenn man jetzt mal so auf die Daten guckt, merkt man vielleicht, woran es hapern könnte in der Zukunft, dieses Denkmal fertigzustellen. Denn erstens geht Bundle erstmal das Geld aus. Also der Sockel ist da, aber diese Statue, das soll eben eine riesige, große Kolossalstatue werden. Und da ist er sich am Anfang auch noch nicht so richtig sicher, wie er das machen soll, weil scheinbar in einem Guss geht das in der Zeit noch nicht. Und er muss sich da so ein bisschen so eine Technik überlegen. Und als er sich dann so Gedanken gemacht hat, mit welcher Technik man das dann doch machen könnte, ist mittlerweile die Revolution von 1848, 1849 gescheitert. Und da hat jetzt irgendwie keiner mehr Lust, ein Denkmal zu finanzieren. Da sind sie alle irgendwie so, das hat ja eh keinen Sinn, was sollen wir machen?
Daniel
01:03:27
Ja, wahrscheinlich holen die Kölner die ganzen Spenden ab für das andere nationale Bauprojekt, was es da gibt.
Solveig
01:03:33
Und deswegen entstehen dann auch in diesem Zeitpunkt schon so Spottlieder auf dieses Denkmal, weil im Grunde haben wir jetzt hier eine neue Großbaustelle, die nicht fertig wird. Da haben wir Deutschen auch eine gewisse Erfahrung mit. Köln ist da ein großes Beispiel. Der Dom ist auch lange nicht fertig geworden. Und da haben wir einen Dichter, den wir schon genannt haben, Heinrich Heine, der ein Wintermärchen niederschreibt, 1844, sehr bekannt, Deutschland, ein Wintermärchen. Und da schreibt er sehr schön, das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben, das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben. Hier schlug ihn der Chiruskerfürst, der Herrmann der Edlerecke, die deutsche Nationalität, die siegte in diesem Drecke. Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann mit seinen blonden Horden, so gäbe es deutsche Freiheit nicht mehr. Wir wären römisch geworden. Schade. Dann führt er sehr ausführlich aus, aktuelle Dichter, Denker, die ich jetzt nicht mit reingenommen habe, was die so machen würden, wenn sie jetzt Römer wären. Und dann endet es dann. Gottlob, der Hermann gewann die Schlacht. Die Römer wurden vertrieben. Varus mit seinen Legionen erlag und wir sind Deutsche geblieben. Oh Hermann, dir verdanken wir das, drum wird dir wie sich gebühret zu Detmold ein Monument gesetzt, hab selber subskribiert.
Daniel
01:04:47
Er hat gespendet dafür.
Solveig
01:04:49
Ich glaube nicht. Ich glaube, er macht sich hier eher drüber lustig, über den deutschen Geist, der sich um Hermann herum geformt hat. Und es gibt noch ein anderes Studenten- und Volkslied von 1848. Das habe ich auch einmal in Auszügen dabei. Ich wollte jetzt auch nicht das ganze Lied einmal hier vortragen. Singen tue ich sowieso nicht. Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden. Vorne mit Trompetenschall ritt der Generalfeldmarschall, Herr Quinctilius Varus. Doch im Teutoburger Walde, hui, wie pfiff der Wind so kalte, Raben flogen durch die Luft und es war ein Moderduft wie von Blut und Leichen. Als das Morden war zu Ende, rieb Fürst Hermann sich die Hände und um sich noch mehr zu freuen, lud er die Chiruska ein zu einem großen Frühstück. Und zu Ehren der Geschichten will ein Denkmann man errichten. Schon steht das Piedestal, doch wer die Statue bezahlt, weiß nur Gott im Himmel. So ganz mit abgefunden hat man es sich auch nicht. Und vielleicht waren auch nicht alle der Meinung, dass der deutsche Geist im Hermann erwachsen sollte. Aber nochmal 20 Jahre später, 1869, bekommt der noch nicht fertige Hermann ganz hohen Besuch aus Preußen. Zwar kommt König Wilhelm von Preußen zu Besuch und schaut sich das an. Und er scheint so begeistert von diesem Projekt gewesen zu sein, dass er gesagt hat, das muss fertiggestellt werden. Es gibt dann auch nochmal so einen Druck, wie er mit Bundle dann vor dem Kopf von Hermann steht, der scheinbar schon fertig ist. Und das ist wirklich beeindruckend, weil es ja ein Riesenkopf ist und die sind sehr klein dann dabei. Und das muss ihn so beeindruckt haben, dieser Kopf in dieses Gesicht zu blicken, was angeblich das Gesicht von Bandels Sohn gewesen sein soll.
Daniel
01:06:33
Ich dachte jetzt der Willem hätte sich selbst darin erkannt.
Solveig
01:06:35
Das wäre noch besser. Aber es heißt, es war der Sohn, der hier im Modell saß. Und er fährt also zurück nach Berlin und sagt, das muss fertig werden. Wir haben natürlich jetzt auch in der Zwischenzeit den Deutsch-Französischen Krieg. Darüber hast du auch in der letzten Folge eben ausführlich darüber gesprochen, der den angefangen hat.
Daniel
01:06:53
Zumindest den Teil.
Solveig
01:06:54
Zumindest den Teil. Und das heißt, König Wilhelm ist jetzt Kaiser Wilhelm und in dem Sinne finanziert der Reichstag dann auch 10.000 Thaler für den Weiterbau. Kaiser Wilhelm finanziert selbst nochmal 10.000 Thaler, damit das fertig wird und es wird dann auch innerhalb der Bevölkerung werden dann nochmal Spenden eingetrieben. Man ist jetzt scheinbar wieder williger, diesem Herren ein Denkmal zu setzen. 37.500 Thaler kommen so zusammen. Kaiser Franz Josef spendet auch nochmal. 1.082 Thaler. Ich weiß nicht, wie diese Summe zustande kommt, ob das der Kurswechsel war.
Daniel
01:07:28
Ich habe eine Familie gesammelt.
Solveig
01:07:29
Ja, aber wieso 82? Auch in den anderen Fürstenhäusern wird gesammelt und da kommen dann insgesamt 13.500 Taler zusammen. Und aus dem Ausland kommen auch nochmal 1.500 Taler. Also vielleicht sind das die amerikanischen Immigranten, die da sagen. Jawohl. Und was auch hilft, wahrscheinlich zum Teil, Ernst von Bandel verzichtet auf sein Künstlerhunderar und er investiert auch sehr, sehr viel von seinem Privatvermögen da hinein. Also er tat es nicht fürs Geld, sondern nur fürs Gefühl. Und es scheint so, dass Bundle, als er dieses Denkmal entworfen hat, das wirklich so deutsch-liberal gedacht zu haben, nach dem Motto, den germanischen Stämmen widme ich dieses Denkmal, dass wir zusammengefunden haben, um uns gemeinsam gegen diesen alles vernichtenden Feind zu stellen und dass wir hier gewonnen haben, zusammen vereint. Und Wilhelm bringt da andere Ideen rein.
Daniel
01:08:22
Ach so.
Solveig
01:08:22
Also nicht ganz so andere, aber es findet doch so ein bisschen deutschnationalere Umgestaltung statt, indem nämlich diesem Sockel nochmal so Inschriften hinzugefügt werden. Und da weiß ich nicht, vermute ich, die waren nicht am Anfang direkt so geplant, sondern das waren nochmal so nachträgliche Inputs, die dann kamen. Und da steht dann beispielsweise….
Daniel
01:08:43
So geframed worden.
Solveig
01:08:44
Genau. Die eine Inschrift lautet, der lang getrennten Stämme vereint mit starker Hand, der welche Macht und Tücke siegreich überwand, der längst verlorene Söhne heimführt zum deutschen Reich. Armin, dem Retter ist er gleich.
Daniel
01:08:59
Oh mein Gott.
Solveig
01:09:00
Das ist nicht mehr für Armin. Das ist für Wilhelm jetzt. Also hier haben wir ganz klar, also Wilhelm ist der neue Arminius. Ihm wird dieses Denkmal jetzt gewidmet. Und das haben wir dann auch in der nächsten Inschrift, die auch direkt unter einem Porträt von Wilhelm gemeißelt ist. Am 17. Juli 1870 erklärte Frankreichs Kaiser Louis-Napoleon Preußenkrieg. Der stunden alle mit Preußen verbündeten deutschen Volksstämme und züchtigten vom August 1870 bis Januar 1871 immer siegreich französischen Übermut unter Führung des Königs Wilhelm von Preußen, der am 18. Januar 1871 deutsches Volk zu seinem Kaiser erhob. Beziehungsweise den am 18. Januar 1871 deutsches Volk zu seinem Kaiser erhob. Und eine weitere Inschrift. Nur weil deutsches Volk verwälscht und durch Uneinigkeit machtlos geworden, konnte Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, mithilfe Deutscher Deutschland unterjochen. Da endlich, 1813, scharrten sich um das von Preußen erhobene Schwert, alle deutschen Stämme ihrem Vaterlande aus Schmach die Freiheit erkämpfend. Leipzig, 18. Oktober 1813, Paris, 31. März 1814, Waterloo, 18. Juni 1815, 1815, Paris, 5. Juli 1815.
Daniel
01:10:18
Sag du bitte, warte.
Solveig
01:10:20
Leute. Ja, ich wusste. In dem Moment, als ich es gesagt habe, wusste ich, jetzt schimpft er mit mir. Und dann haben wir noch mal das Tacitus-Zitat vom Anfang. Armin ohne Zweifel Deutschlands Befreier, der das römische Volk nicht in seinen Anfängen bedrängt hat wie andere Könige und Heerführer, sondern in der höchsten Blüte seiner Herrschaft in Schlachten mit schwankenden Erfolge im Kriege nicht besiegt. Und da haben wir natürlich eine ganz klare Begründung, Die antifranzösische Aufladung, die wir hier drin finden. Also es findet jetzt in dreimaliger Form statt. Beziehungsweise in zweimaliger Form. Es wird einmal auf den deutsch-französischen Krieg von 1871 Bezug genommen. Es wird auf Napoleon und die Schlacht 1813 in Leipzig Bezug genommen. Und damit wird natürlich auch Arminius und die Schlacht gegen Varus in so eine antifranzösische Kontinuität gesetzt.
Daniel
01:11:05
Und der guckt doch auch in die Richtung.
Solveig
01:11:06
Genau, da kommen wir jetzt nämlich zu. Wir haben jetzt erstmal über das Podest gesprochen. Jetzt kommen wir nämlich zu der Statue, die dann eben nach 20 Jahren endlich draufkam. Die Figur ist knapp 27 Meter hoch. Es ist schon wirklich groß. Und sie wiegt knapp 43 Tonnen. Und sie ist nicht aus einem Guss gefertigt, sondern sie besteht aus fixierten Kupferplatten, die so miteinander getrieben wurden. Und das war eben auch diese Herausforderung, weshalb es auch dann so teuer war und warum es auch so gut war. Schwierig war und warum Bundle da auch sich nochmal so eine neue Technik überlegen musste, weil das alles noch relativ frisch war, diese Technik. Laut Beschreibungen wird Hermann als Kavallerist dargestellt. Das erkennt man daran, dass er so kräftige Schenkel hat. Das kann ich nicht einschätzen. Seine Schenkel sind sehr kräftig.
Daniel
01:11:56
Er hat da nur so ein Röckchen an.
Solveig
01:11:58
Ob der Kavallerist so kräftige Schenkel an hat, das weiß ich jetzt nicht. Seine Kleidung soll an den Beschreibungen von Tacitus orientiert sein. Also er hat Schnürschuhe, er trägt eine oberschenkellange Tunika und darüber trägt er einen Mantel, der mit einer Fiebel zusammengehalten ist. Also ich würde es eine Clarmüse nennen, aber ich weiß nicht, ob die Deutsch-Nationalen damit einverstanden sind. Das ist ein Feldherrenmantel. Und es ist eben nicht so sicher, ob er eine Hose anhat oder nicht. Also ich bin der Meinung, er hat keine an, aber eventuell ist die auch einfach so eng. Aber er hat, wenn er keine Hose anhat, schon echt kurzes Röckchen an. Also diese Tunika ist wirklich kurz, aber wenn er schnell aufs Pferd drauf muss, will er vielleicht auch nicht behindert werden. Ich weiß es nicht. Und natürlich, du hattest es eingangs schon gesagt, er hat natürlich einen Flügelhelm, wie es sich gehört für einen guten Germanen dieser Zeit. Geht nicht ohne Flügelhelm. Und er streckt so die rechte Hand nach oben, so triumphierend. Manche nehmen es so abwehrend. Ich würde es eher so triumphieren.
Daniel
01:12:59
Ich würde es Blitzableiter nennen.
Solveig
01:13:02
Welches Gefühl er da vermittelt, ob er Angst machen möchte oder motivieren möchte. Ich würde es eher so ein Motivationsgestus nennen. So, yeah, wir haben sie besiegt. Und auf diesem Schwertdreh steht drauf ... Deutsche Einigkeit, meine Stärke, meine Stärke Deutschlands Macht. Und dann lehnt er mit der linken Hand noch so ein bisschen lässig auf einem Schild. Und auf diesem Schild steht treu fest. Und was man gar nicht mal so gut sieht, wenn man direkt davor steht, aber er steht mit seinem linken Fuß auch noch auf so einem Adler, den er so niedertritt. Dieser Adler ist irgendwie ganz putzig. Der sieht ein bisschen aus wie so eine Taube und der liegt da so auf dem Rücken und streckt so die Flügelchen weg. Daneben liegt dann auch noch so ein Lektorenbündel. Also das ist ganz klar, er hat hier Rom bezwungen. Und wie du sagst, wo guckt er hin? Nach Frankreich. Er guckt nach Frankreich.
Daniel
01:13:51
Wo der neue Römer sitzt.
Solveig
01:13:52
Wo der neue Römer sitzt. Also es ist ganz klar, dieser Frankreich-Bezug auch in der Statue. Er ist zwar als Germane in Anführungszeichen dargestellt, aber er wendet sich mit seinem Schwert eben nach Westen zu den Franzosen und eben nicht nach Süden zu den Italienern. Und damit haben wir eben diese dreifache Aufladung des Denkmals.
Daniel
01:14:10
Stelle ich mir das wieder vor, wie Asterix mit seinem Flügelhelm so zurückwinkt und sagt, hey Bruder.
Solveig
01:14:16
Das machen die Franzosen nämlich auch. Die sind schneller fertig. Die widmen nämlich 1865 schon ihrem großen Helden Vercingetorix ein Denkmal.
Daniel
01:14:26
Der hat aber nicht gewonnen, oder?
Solveig
01:14:27
Der hat nicht gewonnen. Deswegen ist der auch nur sieben Meter hoch. Aber so einen großen Unterschied gibt es da nicht. Also Vercingetorix ist eben der große Kontrahent von Cäsar, den er da in seinem Gallischen Krieg beschreibt, den er dann auch. Weshalb er dann eben Gallien auch besiegt. Und scheinbar inspiriert von unserer Germanen-Manie haben dann die Franzosen teilweise ihre Gallomanie. Wobei bei denen ist das so zwiegespalten. Auf der einen Seite sind sie irgendwie gallisch, aber sie sehen sich eben auch trotzdem in einer römischen Kontinuität. Und aber nochmal zu diesem Denkmal zurück, beziehungsweise überhaupt zu diesem deutschen Geist, der jetzt eben hier auch seinen Ausdruck findet. Also wir sind ganz klar in dieser antifranzösischen Idee. Und dieser Feindmarkierung, also wir als Germanen haben den Feind besiegt, dreimal. Damals, als die Römer kamen, was jetzt die Franzosen sind, dann als Bonaparte kam und als Napoleon nochmal kam, als anderer Napoleon. Also wir haben sie dreimal bezwungen und wir werden es wieder tun. Und gerade im Kaiserreich haben wir ja diesen sehr starken antifranzösischen Hass, wo ja die deutsche Identität auch dran aufgeladen wird. Und das sehen wir eben auch hier in diesem Denkmal überhaupt, dieser germanen Idee, dass man die deutsche Identität, den deutschen Nationalismus eben nach außen formt. Also man zelebriert nicht die deutsche Nation darin, dass wir irgendwie was Großes erreicht haben zu dem. Also wie beispielsweise in den USA nach dem Motto, wir sind alle aus allen Herren und Ländern zusammengekommen und haben hier zusammen eine große Nation, etwas Neues, etwas noch nie dagewesenes erschaffen. Deswegen are we the greatest country in the world. Sondern man macht das aus dieser Defensive heraus. Wir sind was ganz Besonderes, wir sind großartig, wir sind unvermischt, wir sind rein und die ganze Welt will uns vernichten und wir müssen zusammenfinden, um uns gegen die Feinde, die uns vernichten wollen, zu formieren. In dem Sinne muss man eben dann auch markieren, wer nicht dazu gehört und das sind eben die Franzosen nicht. Und da kommt dann eben auch dieses Gefühl, da verknüpft sich so ein bisschen, dass dieses deutsche Nationalgefühl auch immer von so einem Gefühl der, der Schwäche beziehungsweise der Unterlegenheit heraus kreiert wurde, aus diesem Gefühl in der Defensive zu stehen und sich so konstant in einer nationalen Bedrohungslage zu sein. Und das ist dann schon ein Unterschied. Das hat in den 1990ern Eike Geisel sehr schön formuliert. Die Deutschen haben sich nie als Bürger dieser Welt, sondern immer als Verdammte dieser Erde gesehen. Das ist Eike Geisel.
Daniel
01:16:56
Wer ist das?
Solveig
01:16:57
Das ist so ein sehr Polemiker, wie er sich selbst genannt hat, der hat in den 1990ern sehr viel gegen die deutsche Erinnerungskultur angeschrieben, ist dann allerdings sehr früh gestorben Mitte der 90er an einem schweren Schlaganfall und der hat sich eben da das immer sehr kritisch gesehen, wie so die Deutschen ihre Erinnerungskultur leben, die deutschen Nationalgedanken leben und hat das meiner Meinung nach sehr schön hier so auf diesen Punkt gebracht. Das schreibt nämlich 1815, da kommen wir jetzt wieder in die Zeit zurück, mit der ich anfangs eingestiegen bin, Saul Ascher schreibt ein Werk namens Germanomanie. Und in diesem Werk schreibt er über die Germanomanie, man muss die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen. Um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, muss Brennstoff gesammelt werden. Und in dem Häuflein Juden wollten unsere Germanomanen das erste Bündelreiser zur Verbreitung der Flamme des Fanatismus hinlegen. Und dieser Fanatismus meint er, die fixe Idee der Germanomanie, alles Fremdartige von Deutschlands Boden entfernt zu sehen. Also wir müssen wieder rein und unvermischt werden. Das heißt, die Franzosen müssen weg, die Engländer müssen weg und auch die Juden müssen weg. Und das ist eben diese Verknüpfung von dieser Idee, dieses Urvolks, das eben besonders großartig, besonders toll ist, wie eben auch ein Herr Sand es so sieht, verknüpft mit diesem Gedanken, wir müssen uns verteidigen, wir werden angegriffen und wir müssen zusammenkommen, um uns zu verteidigen. Und ich habe dann in der Germanomanie noch einen Abschnitt gelesen, wo ich so dachte, oh je, der arme Mann, weil er schreibt weiter in seiner Position dagegen. Es kann keineswegs Zweck sein, in Deutschland einen Urstaat, ein Urvolk und eine Ursprache zu erhalten und aufzustellen. Wir sind dem Himmel sei Dank so weit gekommen, dass wir die Menschen nicht in Stämmen und Rassen einteilen und von der Verschiedenheit des Bodens auf eine Verschiedenheit der menschlichen Gattung folgern.
Daniel
01:18:53
Wo ist wer so weit gekommen? Wo hat er das denn gesehen?
Solveig
01:18:56
Ich weiß nicht, das war scheinbar so sein Design-Bubble, in der er sich bewegt hat. Auf jeden Fall denkt man sich, oje, da kommt einiges auf dich zu. Er schreibt dann an anderer Stelle auch nochmal, es kann ja nicht sein, dass wir eine Mauer um Deutschland herumbauen, um uns von fernen Einflüssen zu halten. Oh je. Und auch dieses Buch, Germanomanie, es mag nicht überraschen, wird 1817 verbrannt.
Daniel
01:19:21
Ah ja, gut.
Solveig
01:19:21
Zusammen mit Kotzebue.
Daniel
01:19:22
Das ist ja schon ein Qualitätsnachweis.
Solveig
01:19:24
Ja, wie heißt es so schön? Nichts ist schlimmer als Applaus von den Falschen. Und auch bei Kotzebue hatten sie ja etwas gerufen und auch bei der Germanomanie rufen sie, während sie das Buch verbrennen, wehe über die Juden so da festhalten an ihrem Judentum und wollen unser Volkstum und Deutschtum spotten und schmähen. Saul Ascher ist jüdischer Schriftsteller und ich hatte das auch nochmal so ein bisschen bei Wikipedia mal so nachgelesen und da steht dann drin, dass die Forschung darüber diskutiere, ob das jetzt antisemitisch sei oder nicht.
Daniel
01:19:54
Ja.
Solveig
01:19:54
Da dachte ich auch, hä, was muss man da diskutieren? Entschuldigung, was muss hier diskutiert werden? Was soll es denn sonst sein? Und da kam mir dann auch so dieser Punkt, vor ein paar Tagen hatte ich noch mal einen Podcast gehört zu einem anderen Thema, aber da kam sie dann eben auch zu Antisemitismus und da hatte die Moderatorin dann gemeint, also sie hätte Antisemitismus noch nie verstanden, aus diesem Punkt heraus, sie hat noch nie verstanden, warum Menschen antisemitisch denken und handeln.
Daniel
01:20:21
Ja gut, das ist auch nicht so einfach.
Solveig
01:20:22
Ja, weiß ich gar nicht an sich. Also es ist sehr lieb, dass sie das sagt und das macht sie ja auch sympathisch und das hat mich beruhigt. Aber auf der anderen Seite ist es eigentlich gar nicht so kompliziert. Denn das hat schon Sartre sehr schön formuliert in seinem Buch Überlegungen zur Judenfrage, das er 1944 schon angefangen hat zu schreiben. Da schreibt er nämlich, Der Antisemitismus ist nicht nur die Freude am Hass, er verschafft auch positive Lust. Indem ich den Juden als ein niederes und schändliches Wesen behandle, behaupte ich zugleich, einer Elite anzugehören. Und ganz im Unterschied zu den modernen Eliten, die auf Verdienst oder Arbeit beruhen, gleicht es indes in jeder Hinsicht einem Geburtsadel. Ich brauche nichts zu tun, um meine Höherwertigkeit zu verdienen und ich kann sie auch nicht verlieren. Sie ist mir ein für allemal gegeben, sie ist ein Ding. Und später schreibt er dann, existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.
Daniel
01:21:14
Aber könnte man nicht genauso gut irgendeine beliebige andere Gruppe an diese Stelle setzen?
Solveig
01:21:19
Könnte man theoretisch.
Daniel
01:21:21
Das wäre jetzt nicht antisemitisch spezifisch, sondern eher so diese Haltung zu sagen.
Solveig
01:21:25
Ja.
Daniel
01:21:26
Ich würdige jemand anderen herab, um mich selbst besser zu fühlen.
Solveig
01:21:28
Ja, das stimmt, aber im Antisemitismus schwingt ja noch mehr mit. Also das ist ja dieser Punkt, was ja auch in der Germanomanie nochmal so einen Ausdruck findet. Also wir haben in diesem Germanenkult diese Vorstellung, wir sind großartig, wir sind wundervoll, wir sind die Besten und ich muss dafür gar nichts tun, weil ich bin ja so geboren und andere sind nicht so geboren. Und wir sehen dann eben in der jüdischen Gesellschaft wird so der andere gesehen, von dem man sich abgrenzen kann, um zu zeigen, dass wir sind eben auserwählt, wir sind eben dieser Geburtsadel, wie Satre es schon benannt hat und die sind es eben nicht. Und da kommt dann eben nochmal dazu, das hatte ich ja angesprochen, dieses Gefühl, nicht nur wir sind besser, sondern wir sind auch noch angegriffen. Also wir sind in einer Verteidigungshaltung, wir haben Feinde in unseren Reihen, die uns von innen zu vernichten suchen und das macht dann ja doch diesen Antisemitismus eben aus, diese Vorstellung einer geheimen Clique, die eben aus den Hinterzimmern irgendwelche Fäden zieht und uns daran hindert, das Potenzial zu haben, was wir wollen.
Daniel
01:22:38
Und da der Franzose jetzt besiegt ist, ist er offenbar keine Gefahr mehr, also sieht man das jetzt woanders.
Solveig
01:22:43
Genau, also es geht ja vor allem auch so um diese Feinde im Innern, von denen man sich frei machen muss, um zu dieser Größe zu kommen. Das ist damals, wenn wir uns das angucken, also wir haben eben diesen Deutschen Bund, wir sind keine Kaiser mehr, wir haben keinen Nationalstaat wie die Franzosen und die Engländer, wir sind wirtschaftlich und industriell nicht auf der Höhe, aber das kann ja nicht an uns liegen. Also wir sind doch Germanen, wir sind doch rein, wir sind unvermischt, wir sind stark, wer ist schuld, doch nicht wir. Und da hat man dann natürlich den Gegner, den man da auserkoren hat im Judentum, in dem man auch dann sagt, ihr habt ja keine Nation, ihr seid dann zu denen ja auch dann abgesprochen, dass sie das alles nicht könnten. Und da kann man eben eine sehr großartige, also in Anführungszeichen, großartige Entlastungserzählung kreieren, wie Sartre es dann eben auch benennt, die Entlastungserzählung für die eigene Mittelmäßigkeit. Also ich bin nicht schuld, dass ich meine Ziele nicht erreiche. Ich bin nicht schuld, dass ich schlechte Noten in der Schule habe. Ich bin nicht schuld, dass mein Chef gemein zu mir ist. Ich bin nicht schuld, dass ich keine Freundin finde. Das sind die anderen. Und dadurch kann ich mich selbst gut fühlen und erhaben fühlen, auch wenn ich es in der Realität eben nicht bin durch diesen Gedanken. Und das ist eben der Punkt, warum sich das eben so durchzieht und warum das eben auch dann an dieses deutsche Nationalgefühl so stark hineingebacken ist. Wir sehen das in den Texten, dass dieser Antisemitismus in das deutsche Nationalgefühl hineingebacken wird. Das sind die anderen, gegen die wir sein können.
Daniel
01:24:12
Also gelegentlich mal überdeckt von dem Franzosenhass oder dem Katholikenhass.
Solveig
01:24:17
Ja, aber im Grunde.
Daniel
01:24:18
Aber das ist so die Basis, die da irgendwie als so bleibt.
Solveig
01:24:21
Die auch viele vereint, nicht alle. Wie gesagt, Kotzbu hatte sich ja dagegen gestellt. Ich hatte es in der letzten Folge auch mal angesprochen mit dieser Fortschrittspartei, dann im Kaiserreich, die das auch bekämpfen möchte, den Antisemitismus. Aber so gemeinhin schwingt das einfach mit in diesem Nationalgefühl. Und jetzt hatte ich mir noch, das hattest du hier liegen. Ein Buch, auf das ich nicht rangekommen war, da hatte ich ein bisschen reingeguckt und nochmal so ein Beweis für dieses Gefühl, dass Hermann wirklich hier rangezogen wird, um diesen defensiven Bedrohungstoppers aufzubauen, aus dem dieser Nationalgedanke erwächst, haben wir hier nochmal ein Zitat aus dem Werk Heinrichs von Kleist, der auch nochmal ein Stück zu Hermann schreibt. Und da schreibt er in einem Brief an seine Schwester, wir sind die unterjochten Völker der Römer. Es ist auf eine Ausplünderung von Europa abgesehen, um Europa reich zu machen. Also wir werden von allen anderen ausgebildet.
Daniel
01:25:20
Der meint schon auch die Franzosen.
Solveig
01:25:21
Ja.
Daniel
01:25:22
Der hat ja nur die schönsten antifranzösischen Texte verpasst.
Solveig
01:25:26
Wir sind die Opfer, wir werden angegriffen, wir müssen zusammenfinden. Und ich hatte es schon angesprochen, die Franzosen sind da nicht groß anders, auch in ihrem Antisemitismus nicht. 1865 finden sie in Vercingetorix auch ein Vorbild, um sich gegen den Feind von außen zusammenzufinden. Der ist eben nicht so groß, nur sieben Meter hoch. Und auch in den USA wird 1897 in New Ulm in Minnesota ein Hermannsdenkmal errichtet, das Herman Hates Monument von deutschen Exzillanten, die da hingegangen sind. Und es gibt dann irgendwie auch so diese Bitte, dieses Gesuch an die Regierung in Minnesota, dürfen wir das bauen, bitte, bitte, lass uns das bauen. Und das ist irgendwie so die Diskussion in den US-Amerikanern, so ja, dann sollen sie es halt bauen, wenn sie sich dadurch irgendwie gut fühlen, wenn sie sich dadurch gesehen fühlen, sollen sie es bauen. Also da auch nochmal interessant, wo es so auch auf der Welt noch anderswo Hermanns Denkmäler gibt.
Daniel
01:26:21
Wie groß ist der?
Solveig
01:26:22
Nicht so groß, der sieht auch anders aus. Der kann Flügel. Doch, der hat Flügel auf dem Kopf, aber ich glaube, der ist aus einem Guss, der ist nicht zusammengetrieben. Und dann überspringe ich jetzt einfach mal das Kaiserreich.
Daniel
01:26:36
Ach so, der Willem war ja schon dran.
Solveig
01:26:38
Der Willem war schon dran und es ändert sich jetzt auch nichts groß in dieser Rezeption. ist es weiterhin dieses deutschnationale Bild. Nach außen, wir müssen uns verteidigen.
Daniel
01:26:46
Da steht noch der Bismarck-Arminius.
Solveig
01:26:48
Nee, das passiert nicht, tatsächlich.
Daniel
01:26:51
Der Bismarck ist halt derjenige, der die ganze Aufmerksamkeit nachher auf sich zieht.
Solveig
01:26:56
Das nächste Mal, dass dieses Hermannsdenkmal vor allem nochmal so mediale Aufmerksamkeit bekommt, ist im Januar 1933. Er findet nämlich eine Landtagswahl statt, und zwar in Lippe. Und 1933 im Januar, Kann man sich wahrscheinlich schon denken, wer da so mitmacht. Und das ist für die NSDAP tatsächlich auch so ein Litmus-Test. Also es wird dann auch so beworben als die Entscheidungsschlacht am Teuteburger Wald. Weil im Januar ist diese Landtagswahl in Lippe und im März haben wir die großen Reichstagswahlen, die wiederholt stattgefunden haben in letzter Zeit und jetzt eben diese große entscheidende Wahl im März. Und man will das eben hier in Lippe schon mal so ein bisschen austesten, was denn dann so rumkommt. Und da gibt es dann zwei Wahlplakate, die da besonders ins Auge stechen. Das eine zeigt uns Adolf Hitler im Dreiviertelporträt, also bis zum Oberschenkel, wie er da mit verschränkten Armen in SA-Uniform vor uns steht. Und im Hintergrund haben wir die Strahlen der Sonne mit Hakenkreuz. Also ich glaube nicht, dass wir diese Plakate im Internet zeigen dürfen. Sie enthalten verfassungsfeindliches Symbol. Und im Hintergrund, so ganz leicht angedeutet, sieht man so den Teutoburger Wald und so angeschnitten das Hermannsdenkmal. Also das ist so ein bisschen dieses Wahlplakat, er hat so den inoffiziellen Titel Hitler, der neue Hermann. Und wir haben noch ein anderes Wahlplakat, da haben wir dann die Statue vom Hermannsdenkmal vor einem roten Hakenkreuz und darunter steht, macht frei das Hermannsland. Also da sind wir wieder in dieser, wir müssen uns verteidigen, wir müssen uns reinhalten, wir müssen eben die Feinde bekämpfen. Und tatsächlich war dieser Wahlkampf scheinbar sehr erfolgreich. Denn die NSDAP gewinnt mit 39 Prozent, was im Vergleich zur letzten Landtagswahl, die 1929 stattgefunden hat, 36 Prozent Stimmgewinn ist. Die hatten 29,3 Prozent und jetzt haben sie 39 Prozent. Jetzt muss man aber Fairness halber sagen, dass das nicht unbedingt an der Bevölkerung in Lippe allein liegt, sondern eben auch in der Reichstagswahl 1933 im März die NSDAP 43 Prozent. 9,9 Prozent bekommt, also fast 44 Prozent. Und wenn man das auch da vergleicht, 1928 war die Partei bei 2,6 Prozent gewesen. Also auch da haben wir einen massiven Gewinn von 41 Prozent. Die die NSDAP da rein holt. Und da ist natürlich die Frage, was ist jetzt zwischen 29 und 33 passiert? Wir haben den großen Börsencrash, den schwarzen Freitag, im 1929 gehabt und dadurch ist natürlich die Wirtschaft wieder recht angeschlagen. Die Weimarer Republik hatte insgesamt sehr viel mit Wirtschaftskrisen zu tun. Die hatte sich jetzt aber stabilisiert, aber jetzt ist sie wieder komplett gecrashed und dadurch verfangen sich natürlich auch diese Narrative wieder. Also wir werden angegriffen, wir müssen zusammenkommen. Die inländischen Feinde, die anderen bekämpfen uns. Jetzt ist das natürlich dieser Börsencrash auch in New York passiert. Bis heute ist die New Yorker Elite oder die New Yorker Börse ein Dogwizzle für Antisemitismus. Da geht es nicht um die New Yorker Banker, sondern man meint eigentlich Juden, wenn man das sagt. Also das kommt hier dann eben zusammen, dass dann diese Narrative wieder verfangen. Also die NSDHB hatte ja eine Zeit lang gute Zahlen, dann waren sie runtergegangen und jetzt... Funktioniert das Narrativ einfach wieder. Also auch hier wieder diese deutsch-nationale Idee, wir sind Opfer, wir werden von außen angegriffen, wir müssen uns verteidigen, wir müssen unsere inländischen Feinde vernichten und dann müssen wir wieder stark werden. Also auch wieder dieses Gefühl, sich nach außen zu formieren. Das zur Hermann-Rezeption als Einblick in die NS-Zeit, vielleicht zur heutigen Zeit nochmal, wie wird Arminius heute behandelt. Seit den 1970ern haben wir ja eh so einen Turn in der Wissenschaft, auch gerade in der Geschichtswissenschaft. Und den kann man auch daran sehen, wie sich mit Arminius jetzt befasst wird. Also man sieht da jetzt nicht mehr den großen Vorboten der deutschen Nation, sondern es gibt dann eben Diskussionen um diesen historischen Arminius. In dem Zusammenhang hat dann auch Dieter Timpe so die ja im Grunde ketzerische Idee aufgebracht. Handelt es sich bei Arminius nicht vielleicht doch einfach nur um den römischen Verräter, der die römischen Auxiliartruppen gegen Rom geführt hat?
Daniel
01:31:15
Der größte Verrat der Geschichte.
Solveig
01:31:16
Größte Verrat der Geschichte. Und das ist dann natürlich groß diskutiert worden. Wie kann er sagen, dass das ein Rom-interner Konflikt allein gewesen sei? Und da gibt es eben dann diese Diskussion. Ich hatte es schon angesprochen, wir haben Kalkrise, wo diese Funde gemacht wurden von einer tatsächlichen Schlacht, die dort stattgefunden hat. Da ist dann ja 2002 das Museum, also es heißt Museum und Park Kalkriese gegründet worden. Die graben da auch heute noch, so wie ich das verstanden habe. Und die versuchen sich eben komplett frei von dieser ganzen Hermann-Rezeption zu machen. Die reden ausschließlich über die Funde, die sie da haben, über das, was sie ergraben können und den Rest. Lassen Sie, sagen Sie einfach, das ist alles Quatsch und das machen wir nicht.
Daniel
01:31:56
Die Soldaten kriegen keine Namen.
Solveig
01:31:57
Genau.
Daniel
01:31:58
Die haben einfach da nur einen Nagel verloren.
Solveig
01:32:00
Und weil man ja auch einfach, wenn wir uns diese Quellen anguckt, auch Tacitus keine verlässliche Quelle ist. Den kann man nicht lesen, als so war das dann damals. Also das funktioniert nicht. Tacitus schreibt aus einer eigenen Perspektive heraus. Tacitus selbst war ja nie in Germanien. Der hat ja einfach nur alle Informationen nach Rom gebracht bekommen, mit denen er arbeitet. Und es ist eben auch gar nicht so klar, wie jetzt eben diese Germania gemeint war. ob das wirklich so ein Reisebericht quasi sein soll für die Leute, die dort hingehen. Damit die sich zurechtfinden oder ob das nicht eher so ein moralischer Spiegel ist, so wir bösen Römer, wir sind dekadent und verkommen und schaut euch doch die guten, die reinen Germanen an, wie einfach und bescheiden sie sind. Also das ist alles nicht klar, wie er diesen Text meint. Und was noch hinzugekommen ist, man hat 2008 Spuren von weiteren Schlachten gefunden, die in Germanien stattgefunden haben. Einmal bei Harzhorn und einmal bei Karlberg, da haben sie auch wieder Schuhnägel gefunden.
Daniel
01:32:56
Aber auch die Münzen aus der Zeit?
Solveig
01:32:57
Ja, die haben Münzen aus der Zeit, sie haben auch noch Waffen gefunden und die sind aber später, also die gehören ins dritte Jahrhundert nach Christus. Also es scheint eben, dass weiterhin Expansionen von Römern nach Germanien stattgefunden haben und es dort zu Kampfhandlungen gekommen war. Man setzt sich eigentlich mehr und mehr in der Forschung damit auseinander, dass wir eigentlich gar nichts wissen über diese Zeit. Dass wir nur die römischen Autoren haben. Wir können die nicht abprüfen, was sie uns erzählen, wie weit das stimmt, was sie uns erzählen. Sie widersprechen sich auch unterzeitlich. Tazizos widerspricht sich selbst teilweise. Also das ist alles nicht eindeutig und schon gar nicht in irgendeinen deutschnationalen Kontext zu packen. Und vielleicht noch ein kleiner Exkurs. Ich weiß nicht, wie lange wir schon reden. Das spielt sich sehr lange an. habe ich nochmal einen Punkt, weil das schon öfter fiel, dieser Begriff der germanischen Stämme, die geeint werden müssen, sei es jetzt aus deutsch-liberaler Sicht oder wie auch immer. Und da ist eben die Frage, sind das denn wirklich Stämme gewesen? Sind das wirklich...
Daniel
01:33:58
Stämme, Stamm.
Solveig
01:33:58
Genau, das ist nämlich die große Frage, was meint überhaupt Stamm und was soll das? Und ähm, Wenn wir uns das nämlich angucken, auch diese Übersetzungen, die ja entstanden sind von Tacitus, aber auch von Strabon und von den anderen Quellen, die sind ja vornehmlich dann im großen Stil im 19. Jahrhundert übersetzt worden. Und da müssen wir uns eben bewusst machen, dass diese Historiker, die Sprachwissenschaftler und auch die Archäologen dieser Zeit halt diese Nationenbesoffenheit in sich drin hatten. Die sind ja an den Universitäten ausgebildet worden, wo diese Demagogen unter anderem einem erzählen, die sind das auserwählte Volk. Und deswegen liest man diese Quellen auch und dann wird das Wort, das Tacitus, aber auch andere benutzen, das Wort Gens als Stamm übersetzt. Gens kann aber auch einfach Dynastie meinen. Und jetzt, weil man das halt als Stamm übersetzt, haben wir diese Vorstellung von germanischen Völkern, was dann dazu führt, dass wir auch dieses Germanenbild irgendwie auch so naturalistisch, biologistisch irgendwie lesen. Und es ist so ein Volk, das zusammengehört als so eine Identität.
Daniel
01:35:04
Als Blutsverwandte.
Solveig
01:35:05
So eine Gruppe im Blut vereint als Volk. Also richtig biologistisch, naturalistisch. Und das ist jetzt die Frage, stimmt das überhaupt? Meiner Meinung nach nein. Und da kommen wir nämlich dann dazu. Was heißt eigentlich Stamm? Und wenn wir gucken, es gibt eine Definition und die sagt uns, ein Stamm ist eine einfach und ursprünglich organisierte Volksgruppe.
Daniel
01:35:27
Also irgendwelche Leute leben zusammen zwischen zwei Flüssen und organisieren sich.
Solveig
01:35:33
Aber ursprünglich auch da, also da ist schon wieder dieses Wort. Und jetzt ist das ja mit den Römern so, das hatte ich bei Tacitus eben schon so ein bisschen angesprochen, gemeint, wir kommen dann nochmal drauf zurück mit diesen Abstammungsverhältnissen. Also die Römer, und das haben sie dann auch von den Griechen übernommen, Herodot macht das auch schon so ein bisschen, die haben diese Vorstellung, naja, es hat irgendwann mal Menschen gegeben, die sind in Booter gestiegen und dann sind sie mit ihrem Boot woanders hingefahren. Und dann sind sie dort geblieben, haben dort Städte gebaut, sich mit den Leuten, die da schon waren, haben sich irgendwie zusammengetan und eine eigene neue Kultur kreiert. Und das ist gar nicht mal so blöd, dass sie das denken, weil genau das ist im Mittelmeiraum passiert. Also wir haben im 6. Jahrhundert beispielsweise die griechische Kolonisation, wie sich das nennt. Das heißt, die Griechen starten mit ihren Booten von Griechenland aus und besiedeln beispielsweise Italien. Oder wir haben die Phönizier, die Nordafrika besiedeln und Kartago gründen. Und das scheint irgendwie bei denen noch so im Hinterkopf gewesen zu sein, so eine frühe Vorvergangenheit. Da kamen die mit den Schiffen und haben hier ihre Städte gebaut. Und das projizieren sie auf Nord- und Mitteleuropa, wenn sie dort mit den Galliern zu tun haben oder wenn sie auch mit den Germanen zu tun haben, dass sie dann sagen, ja, da ist bestimmt auch wer hingefahren und dann haben sie sich da mit denen zusammengetan. Und deswegen kommt Tacitus darauf und meint, nee, also da ist keiner hingefahren, also das Wetter ist einfach zu scheiße. Und wenn wir jetzt diesen Gensbegriff uns angucken, den benutzen die auch für sich selbst. Also auch die Römer sprechen von sich als Gens, beziehungsweise gibt es Gentes bei den Römern. Das sind beispielsweise die Julia, das ist die Familie von Cäsar oder von Kaiser. Wir haben die Flavia, wir haben die Junia, das ist die Familie aus der Brutus-Stamm, der Cäsar-Mörder. Noch so Verräter. Der Verräter, der auch gekaut wird in der Hölle neben Judas. Und, Die werden auch teils als Gänz angesprochen. Also sie benutzen den Begriff Familia. Das ist natürlich ein größerer Begriff als wir heute. Familie denken, bei uns ist Familie Blutsverwandtschaft, Mama, Papa, Kind.
Daniel
01:37:36
Tante ist auch dabei.
Solveig
01:37:37
Tante ist auch manchmal dabei. Meistens geht es um die Kernfamilie, mit denen man in einem Haus wohnt. Und bei den Römern ist der Familia-Begriff eben viel, viel größer. Also man hat da wirklich so einen Dynastie-Gedanken dahinter. Zu der Familie gehören auch die Sklaven, die bei einem mit im Haus wohnen, für die man verantwortlich ist. Teilweise gehören da auch das Klientelwesen. Also Römer haben ja dann auch Klienten, um die sie sich kümmern müssen, die in einer Abhängigkeit von ihnen stehen. Also das zählt da alles zu. Und das wird dann eben teils auch mit diesem Gänzbegriff umschrieben. Also wir sehen hier, die meinen eigentlich eher Dynastien und kein Volk. Also niemand würde auf die Idee kommen, die Julia als Stamm zu bezeichnen. Oder die Flavia als Stamm, sondern es ist eine Dynastie, die eben gewisse Herrschaftsrechte innehat. Und wenn man dann bei Tacitus in den Text reinguckt, fällt dann eben auch auf, dass er unterscheidet zwischen Gens und Populus, also zwischen Gens, diesen Stämmen, diesen Dynastien, und dem Populus, also dem Allgemeinen der Bevölkerung. Und das sagt er eben auch bei den Germanen. Wir haben so ja bei den germanischen Gens und bei den Populus, die sind da so und so aufgestellt. Das heißt, man kann daraus schließen, dass Tacitus hier sein eigenes Bild von Rom anwendet, wo es ja auch die großen Patrizierfamilien gibt, die großen Gentes, die Macht haben und die Plebeia oder der Pöbel, der eben als untere Schicht, Mittelschicht dann als Handwerker oder als Bauern arbeitet. Also es kann eben hier sehr gut sein, dass auch hier getrennt wird zwischen einer adeligen Herrschergruppe und einer in Abhängigkeit stehenden Personengruppe zu diesen Herrschern. Und in dem Sinne, wenn dann eben von den Sitten der Chiruska oder von den Hatten gesprochen wird, würde ich eher sagen, das ist kein Volk, sondern das ist... Ein Herrschaftsverband, wir haben eine Familie, die hier andere Menschen in Abhängigkeit zu sich stehen hat und bei denen ist das dann vielleicht so. Und da ziehen sie sich vielleicht so an und da haben sie vielleicht auch ihren Zwebenknoten am Kopf. Und ich würde das dann eher vergleichen zum Beispiel, wenn wir von den Schwaben sprechen im Mittelalter. Also die Staufer als Herrschafts-Dynastie, die eben über die Schwaben herrschen, weil sie die Herzöge von Schwaben sind. Oder den Herzog von Sachsen, der über die Sachsen herrscht. Und das ist dann ja auch nicht ein Volk in dem Sinne, sondern das sind einfach einzelne Personen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu diesem Herrscher stehen. Der hat einfach Herrschaftsrechte über sie und deswegen sind sie Sachsen. Und das ergibt auch viel, viel mehr Sinn, denn diese Menschen in der Zeit denken in Personenverbänden, die denken sich Individuen, diese Person hat einfach Herrschaftsrechte, ich stehe in einer Ehrverpflichtung zu dem oder in irgendwas und deswegen darf diese Person über mich entscheiden. Es wird nicht in Nationalitäten gedacht. Das erfinden die ja jetzt erst um 1820. Und wenn wir nach Osten gucken, da haben wir das ja auch. Da haben wir die Ptolemäer, da haben wir die Seleukiden. Das sind Herrscherdynastien, nach denen, die benannt werden. Deswegen würde ich einfach sagen, wir sollten aufhören, hier irgendwelche Völker und irgendwelche Stämme zu benennen. Die Römer denken nicht in Blut, möchte ich noch einmal deutlich machen. Die denken in Abstammungsverhältnissen, aber nicht in Blut, das uns vereint. Das kommt erst später, diese Vorstellung.
Daniel
01:40:59
Adoption bringt mich in die Familie vollwertig mit hinein.
Solveig
01:41:03
Genau. Die werden schon irgendwie als Familie sich gedacht haben, aber dieser Gedanke, dass man mit seiner Familie nur durch Blut verbunden werden kann, das kommt wirklich erst. Ich hatte mal einen Vortrag gehört, dass sich das in den Quellen erst im 13. Jahrhundert oder so überhaupt formuliert finden lässt. Deswegen würde ich nie davon ausgehen, dass die Römer im Blut denken. Und wenn man dann wieder guckt, wir sind ja im Anfang des 19. Jahrhunderts, wer bezieht sich denn auf die Germanen? Wer sagt, die Germanen sind unser Urvolk? Das sind ja genau die Leute, die Monarchie ablehnen, die Dynastien ablehnen und die auch Religion ablehnen. Also die ja gerade diesen deutschen Nationsgedanken kreieren, also dass man mit Menschen verbunden ist, die man gar nicht kennt, einfach nur, weil man zusammen eine Identität hat.
Daniel
01:41:52
Und weil das alles ersetzt, was die Menschen brauchen.
Solveig
01:41:55
Genau, also deswegen sagt man dann die Germanen, das sind dann die Vorreiter von Freiheit, Gleichheit und nationaler Identität. Und auch diese Idee Volk wird ja jetzt erst kreiert. Da hatte ich nochmal so einen Aufsatz von Lutz Hoffmann gelesen, das Volk von 1991. Und da sagt er eben ganz klar, dieser Begriff Volk hat eine geradezu abenteuerliche Künstlichkeit, dass sich hier ein Individuum einem Volk zurechnen kann, ohne irgendeine gesellschaftliche Beziehung zu anderen Mitgliedern dieses Volkes zu besitzen. Also das hat es vorher nicht gegeben. Man hat... Man war immer im personalen Austausch miteinander. Und jetzt kommt diese abstrakte Idee von, wir sind ein Volk, das zusammensteht. Wenn ich den gar nicht kenne, denkst du, was verbindet uns denn miteinander? Ja, unser Deutschsein. Und das ist dann eben so dieser Punkt. Und da muss man eben wirklich darauf achten, weil das durchsetzt die Geschichtswissenschaft auch, die im 19. Jahrhundert so ihren großen Boom hat. Da ist nämlich super viel deutsch-nationales Denken noch drin, wo man immer dann nochmal drüber gehen muss und das auch diesen Schaden zusammenfegen muss, die die da kreiert haben. Also ich persönlich hatte sehr viel mit dem italienischen Manfred und dem deutschen Bertolt von Hohenburg zu tun. Und man denkt sich, was soll an dem einen Deutsch und an dem anderen Italienisch sein? diese nationalen Identitäten gibt es 800 Jahre später erst. Es sind beides sizilische Adelige, die um Macht ringen. Und in dem Sinne sollten wir eben auch bei den Germanen aufhören, in diesen biologistischen Volksgemeinschaften zu denken, sondern die auch einfach als dynastisch organisierte Herrschaftsverbände lesen. Also wir haben Arminius und der führt eben. Die Fürsten der Chiruska an und herrscht über ein bestimmtes Gebiet, das ihm irgendwie zusteht. Wir haben Marbot, der herrscht über die Marko Mann und diese Marko Mann oder er selbst hängen dann eben in den Herrschaftsverband und dann versteht man auch viel besser, wenn man dann Tacitus liest, warum die sich alle so verhalten. Und dass das eben ganz klar, wenn man das mal so liest, das sind Adelige, die ihre eigenen Herrschaftsdynastien bewahren möchten, versteht man dann auch, warum ein Segestes gegen Arminius geht. Man versteht, warum ein Marbot mit den Römern erst geht, dann gegen Arminius und dann wieder. Also es ergibt alles viel, viel mehr Sinn, wenn man es so liest. Und deswegen sollten wir das auch so tun, weil dann können wir nämlich auch die Kontinuität erkennen, weil sie dann auch im Mittelalter so drauf sind. Wo soll das sonst herkommen? Also das ist einfach diese Kontinuität, die wir dann in den mittelalterlichen feudalistisch geprägten Herrschaftsstrukturen wiedersehen können. Noch einmal, die Römer denken nicht in Blut. Das wollte ich noch einmal deutlich machen. Und deutschnationale Identität ist problematisch.
Daniel
01:44:31
Und im 19. Jahrhundert erfunden.
Solveig
01:44:33
Genau.
Daniel
01:44:34
Auch von Historikern.
Solveig
01:44:35
Auch von Historikern.
Daniel
01:44:36
Und jetzt ärgere ich mich gerade, dass ich nicht noch in den irgendwo unterm Schrank liegenden Heinrich von Treitschke noch mal reingeschaut habe. Der hat bestimmt auch ein paar schöne Sachen hinterlassen zu diesem Thema. Und ich dachte, als du sagtest, so war das auch im Osten, ich weiß gar nicht mehr, in welchem Satz das war, bei den Ptolemäern, da dachte ich, wir können ja auch nochmal über das Geschichtsbild der DDR sprechen. Die kann ja mit Nationalismus erstmal vordergründig nicht mehr so viel anfangen, das muss ja durch neue Ideale ersetzt werden. Und das steht auch im Zusammenhang mit dem Ort, zu dem wir euch ja immer noch einladen möchten. Es gibt noch vereinzelte freie Restplätze, zumindest zu dem Zeitpunkt, wo wir hier aufnehmen. Falls ihr Zeit habt, am 15. März das Deutsche Historische Museum zu besuchen und euch mit uns zusammen die Ausstellung Roads Not Taken oder es hätte auch anders kommen können, dort ansehen möchtet, dann sagt uns doch bitte Bescheid per E-Mail an Kontakt. Flurfunk-geschichte.de und dieses Museum oder der Ort, an dem dieses Museum heute seinen Sitz hat, war ja einstmals das Museum für deutsche Geschichte der DDR. Und auch die mussten ja doch irgendwie den Hermann da integrieren. In ihre Erzählung, wenn man denn unbedingt in der Antike anfangen möchte.
Solveig
01:45:49
Sie haben nicht mit Marx angefangen.
Daniel
01:45:52
Dafür hat der Kollege von Herrn Marx, der Herr Engels, tatsächlich die Schlacht im Teutoburger Wald auch als einen entscheidenden Wendepunkt Der Geschichte betrachtet. Insofern musste der natürlich auch mit rein. Und wie kann man das jetzt deuten? Die Akademie der Wissenschaften seinerzeit sagte, dass die Arminius und die Stämme sicherten durch den Sieg im Teutoburger Wald und durch die erfolgreiche Abwehr weiterer römischer Kriegszüge ihre eigene sozialökonomische und ethnische Entwicklung. Also auch die haben scheinbar da ein bisschen Blut noch mit drin in dieser Vorstellung. Aber natürlich sehen sie dort auch urkommunistische Eigentumsverhältnisse bei den Germanen. Und natürlich ist es immer gut, wenn man den imperialistischen Sklavenhalterstaat besiegt. Und schon kann man den Arminius auch 2000 Jahre später in den Sozialismus integrieren. Zu einem Vorreiter des Sozialismus. Und du sprachst davon, dass der, an welcher Stelle? Über die deutschen Metalle und Materialien Granit.
Solveig
01:46:53
Bei Herrn Sand.
Daniel
01:46:53
Ah, weil in dem Buch, das da bei dir liegt, die Erinnerungsorte, da wird festgehalten, dass da eine Zeit lang dann doch das Interesse an Hermann doch eher erlarmt, sagen wir mal so in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der vor allem dann, also die Statue konkret vor allem, in der Region vor allem als Werbeträger funktioniert, also gerne mal mit Fußballtrikot versehen wird. Oder dass es auch einen Werbespruch gab, der lautete schon, Hermann schlug im Wesertal die Römer mit Salzgitterstahl. Also das ist doch, finde ich, das schönste Zitat des heutigen Tages.
Solveig
01:47:29
Besser als die, die ich mitgebracht habe.
Daniel
01:47:32
Genau, wir danken dir sehr herzlich für die Präsentation dieses höchst schwierigen Themas, wo du dich offenbar lange gewunden hast ein bisschen. Denn ich kann mich erinnern, das ist glaube ich schon zwei Jahre her, dass ich auf unserem Instagram-Account eine Umfrage in den Storys gepostet hatte, ob nicht unsere Hörerschaft Lust hat, von dir etwas über die Serie Barbaren zu erfahren. Die hatten wahrscheinlich auch alle schon vergessen längst.
Solveig
01:48:01
Ja, die ist schon wieder ein bisschen älter.
Daniel
01:48:02
Damals war sie noch aktuell, zumindest die zweite Staffel war wahrscheinlich kurz vorher erschienen und du hattest das Bedürfnis, dich darüber zu unterhalten mit mir, weil du ja doch öfter mal auch dich über... Und historische Darstellungen in Filmen gerne auslässt. Jetzt hast du da aber gar nicht drüber gesprochen heute.
Solveig
01:48:20
So habe ich da gar nicht drüber gesprochen.
Daniel
01:48:21
Wir haben zwar über Barbaren hier geredet und den Barbar schlechthin, aber von der Serie hast du jetzt irgendwie nichts erzählt.
Solveig
01:48:27
Nee, das ist wahr.
Daniel
01:48:28
Wie kommt denn das?
Solveig
01:48:30
Weil ich anderweitig sehr ausführlich über diese Serie spreche. Denn ich hatte das ja schon hin und wieder mal anklingen lassen, dass Daniel mich einst für diesen Podcast gewann, als wir darüber sprachen, was wir gerne mal machen würden. Und ich wollte eigentlich immer YouTube machen, habe es mich nie getraut und jetzt durch diesen Podcast habe ich es gewagt. Ich habe ein großes Video erstellt.
Daniel
01:48:52
Ich habe es schon gesehen.
Solveig
01:48:53
Du hast es schon gesehen. Und da geht es um die Serie Barbaren und das Geschichtsbild, das in dieser Serie vermittelt wird. Und je nachdem, wann ihr diesen Podcast hört, ist das Video vielleicht schon bei YouTube, vielleicht noch nicht.
Daniel
01:49:06
Also wenn ihr diesen Podcast sofort dann hört, wenn er rauskommt, dann geht ihr einfach am Valentinstag Nicht ausessen oder ihr esst vor dem Computer oder streamt auf eurem Fernsehgerät. Gegen 19 Uhr wird es dort online gehen.
Solveig
01:49:21
Genau. Es geht auch um Liebe. Also es passt vielleicht zum Thema.
Daniel
01:49:24
Liebe und Wein.
Solveig
01:49:25
Es geht um Liebe und Wein. Passend zum Valentinestag. Ja, absolut.
Daniel
01:49:29
Tust Nelda und Armin vereint im Kampf.
Solveig
01:49:32
Und andere. Die nicht vereint werden können.
Daniel
01:49:34
Wir kämpfen für die Liebe.
Solveig
01:49:35
Die kämpfen für die Liebe, ich kämpfe für die Liebe anderer. Aber das wird euch, glaube ich, verständlich werden, wenn ihr es euch anguckt.
Daniel
01:49:43
Und deshalb, damit ihr auch auf jeden Fall das nicht verpasst und solltet ihr am Valentinstag andere Pläne haben, dann später aber doch nochmal daran erinnert werdet, dass nun dort dieses Video online gegangen ist, geht doch bitte jetzt gleich nebenbei auf YouTube und abonniert dort unseren Kanal, der genauso heißt wie unser Podcast, nämlich Flurfunkgeschichte. Und lasst euch doch benachrichtigen direkt, wenn dort etwas Neues erscheint. Und wenn ihr das Video dann guckt, dann geht ganz dringend mal auf Hype, damit auch viele Leute jetzt Zollwerks ersten großen Auftritt auf dieser neuen Bühne miterleben können.
Solveig
01:50:16
Schickt den Link all euren Freunden, euren Eltern, schickt es an die Schauspieler.
Daniel
01:50:22
Ja, unbedingt.
Solveig
01:50:23
Moratan Muslow, Daniel Donsko, schickt es ihnen. Wenn ihr da irgendwelche Möglichkeiten habt. Es würde mich tatsächlich sehr interessieren, was die dazu zu sagen haben.
Daniel
01:50:32
Aber uns interessiert natürlich auch, was ihr dazu zu sagen habt. Also kommentiert gerne darunter. Natürlich dann, wenn es raus ist unter dem YouTube-Video, aber auch bei Spotify oder sonst wo immer das möglich ist, unter dieser Folge, was ihr über die deutsche nationale Sülze denkt und ob ihr da mit Solveig und ihren Thesen übereinstimmt oder da noch etwas ergänzen möchtet. Und wir bedanken uns sehr herzlich für alle, die das hier möglich machen und jetzt auch den neuen Sprung quasi mit begleiten und die technische Ausstattung da durchaus mitfinanzieren durch ihre Hilfe, die sie uns monatlich bei Steady geben. Vielen Dank, Christina, Steffi, Kufi, Sophie, Christoph, Tobias, Beate, Sarah Solbei, Noemi, Henrike, Stefan ist dabei, Aisha, Isabella, Silvia, Emma, Maike, Marte, Jojo, Cornelia, Anne, Vera, Dennis, Eva, Roland, Caroli, Matthias, Kerstin, Bettina, Klaus, Sascha, Vivian, Florian, Philipp, Claudia, Nina, Michael, Ann, Christine, Kiela, Sandra, Christine, Monika, Teresa, Stefan, Thomas, Bernhard, Heike und Daniel. Eike, Anja, Stefan, Sabine, Genofefer, Tom, Daniel, Tino, Monika, Mika, Alexandra, Corinne, Katrin, nochmal Katrin und Jan und Hermann und Julia und jetzt auch Lea, Monika und Marianne. Außerdem bei Kofi noch Böti, Birgit, Pascal. Dankeschön. Und ja, wir freuen uns sehr. Wir sind sehr gespannt darauf, auf diesen Moment, wenn das Video online geht und es dann null Klicks gibt. Das ist die große Angst jetzt, die wir haben. Ich finde es auf jeden Fall gut und ich habe es mir schon zehnmal angeguckt. Ich kann mich nicht daran satt sehen und ich hoffe, dass es auch viele andere Menschen begeistert. Und darüber sprechen wir vielleicht auch dann später nochmal in einem Nachklapp, den alle, die ich gerade genannt habe, natürlich hören können oder alle, die dazukommen demnächst und sich entscheiden könnten, uns monatlich ein Bier auszugeben. Ungefähr den Gegenwert jedenfalls davon, um diesen Podcast noch weiter besser zu machen. Macht's gut. Bis bald.
Solveig
01:52:34
Tschüss.
Daniel
01:52:37
Wie viel Mann umfasst denn eine Legion eigentlich?
Solveig
01:52:41
Tausend? Ich glaube, es ist tausend. Oder zweitausend? Mann!
Daniel
01:52:47
Ich muss jetzt eine fiese Wissensfrage nochmal einschieben.
Solveig
01:52:50
Ich weiß es nicht. Ich glaube, es sind tausend. Aber das habe ich jetzt nicht mehr nachgeguckt.
Daniel
01:52:54
Ist okay. Ich kann damit leben.
Solveig
01:52:55
Aber andere vielleicht nicht.