Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer Lieblingsgeschichten.
FG072 - Friedrich Barbarossa - Der Kaiser, der kniete
20.08.2026 131 min
Ein Kaiser kniet vor seinem Vasallen, fleht ihn an – und wird trotzdem abgewiesen. Diese Szene aus dem Jahr 1176 gilt spätestens seit dem 19. Jahrhundert als eine der großen Demütigungen der deutschen Geschichte. Guido Knopp nannte sie 2008 „eines der spektakulärsten Ereignisse der Weltgeschichte". Doch genau diese Wahrnehmung – wer sich hier eigentlich blamiert hat – ist der Ausgangspunkt der Folge: Solveig nimmt den sogenannten Kniefall von Chiavenna zum Anlass, ganz grundsätzlich zu fragen, was im Hochmittelalter überhaupt als männlich, ehrenhaft und herrschertauglich galt. Ihre These: Nicht Barbarossas Kniefall war die eigentliche Schande, sondern dass sein Cousin Heinrich der Löwe sich weigerte, Erbarmen zu zeigen. Wer hier also wirklich gedemütigt wurde, hängt ganz davon ab, mit welchem Männlichkeitsbild man an die Quelle herangeht – und das des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich fundamental von dem des zwölften.
Der Kniefall von Chiavenna
1176 bittet Friedrich I. Barbarossa seinen Cousin Heinrich den Löwen in Chiavenna um Waffenhilfe gegen den Lombardischen Städtebund – und Heinrich sagt Nein. Wir vergleichen zwei Chroniken aus etwa derselben Zeit: Otto von St. Blasien erzählt nur von einem Streit und Heinrichs Abreise, kein Kniefall. Erst Arnold von Lübeck, rund 30 Jahre nach dem Ereignis, liefert die dramatische Eskalationsstufen-Erzählung: erst Schmeichelei, dann die Erinnerung an geschworene Eide, dann die Bitte als Freund, als Verwandter, als König – und am Ende der Fußfall des Kaisers, den Heinrich unbeeindruckt lässt. Solveig liest das nicht als verlässlichen Tatsachenbericht, sondern als literarisch komponierte Fallgeschichte über Heinrichs Hochmut, geschrieben mit dem Wissen, wie dessen Karriere endet.
Zwei Cousins, ein Doppelherzogtum
Um zu verstehen, worum es in Chiavenna wirklich ging, blicken wir zurück auf die verwickelten Familienverhältnisse der Staufer und Welfen: Barbarossas Mutter Judith und Heinrichs Vater Heinrich der Stolze sind Geschwister, und der Streit ums Doppelherzogtum Sachsen-Bayern zieht sich durch eine ganze Generation, bis Barbarossa 1152 seine Wahl mit dem Versprechen absichert, Heinrich beide Herzogtümer zu geben. Wir folgen den beiden Cousins durch Jahrzehnte gemeinsamer Italienpolitik, durch das Kirchenschisma zwischen Alexander III. und Viktor IV., die verheerende Seuchen-Katastrophe vor Rom 1167 und schließlich zur Schlacht bei Legnano 1176, in der das kaiserliche Heer ohne Heinrichs Unterstützung vernichtend geschlagen wird.
Der Sturz Heinrichs des Löwen
Was danach kommt, erzählen wir chronologisch nach: Heinrichs wiederholtes Fernbleiben vom Hoftag, seine Ächtung 1180, das Exil bei seinem Schwager Heinrich II. von England und sein Feilschen mit Barbarossa um eine mögliche Rückkehr – lieber ein Teil der Herrschaft sofort oder alles später, wenn er mit auf Kreuzzug zieht? Heinrich entscheidet sich für Nein und England, bis hin zum Tod beider Männer und dem Streit um Philipp von Schwaben und Otto IV., der die nächste Generation prägt.
Der vermeintliche staufisch-welfische Gegensatz
Ein eigenes Kapitel widmen wir der Frage, wie aus dieser sehr persönlichen Fehde zweier Cousins im 19. Jahrhundert der große „staufisch-welfische Gegensatz" wurde – eine nationalistische Projektion, die mit dem tatsächlichen Guelfen-und-Ghibellinen-Konflikt in Italien nicht das Geringste zu tun hat, aber bis in die Selbstinszenierung des Kaiserreichs als Gegensatz zwischen Preußen (den „neuen Staufern") und dem Haus Hannover (den Welfen) fortwirkt. Daniel erinnert dabei an die Kaiserdeputation von 1849, die in Braunschweig Abbitte für Heinrichs „Verrat" leistete.
Der maskuline Mann des Mittelalters
Den größten Teil der Folge verwendet Solveig darauf, ihre eingangs aufgeworfene These zu belegen: Das mittelalterliche Männlichkeitsideal des Hochadels war nicht Härte und Unnachgiebigkeit, sondern Demut, Güte, Mäßigung und Milde. Mit Belegen aus dem Nibelungenlied (die Szene um Rüdiger von Bechelaren), einer Ritterschlag-Beschreibung voller Seide und Freigiebigkeit und einem herrlich schlecht gelaunten Text von Bernhard von Clairvaux über eitle, hübsch gemachte Ritter zeichnet sie nach, wie unser heutiges Bild vom „harten" mittelalterlichen Mann eher eine Erfindung der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts ist – bei Historiker Knut Görich widerspricht sie dabei in einem Punkt ausdrücklich. Daniel bleibt trotz aller Argumente treu auf der Seite von Heinrich dem Löwen.
Friedrich I. Barbarossa | Römisch-deutscher Kaiser ab 1155, Protagonist der Kniefall-Episode
Heinrich der Löwe | Cousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und Bayern
Arnold von Lübeck | Chronist, einzige Quelle für den Kniefall (um 1210)
Lombardischer Städtebund | Bündnis norditalienischer Städte gegen Barbarossas Herrschaftsanspruch
Schlacht bei Legnano | Vernichtende Niederlage des Kaiserheeres 1176
Guelfen und Ghibellinen | Italienischer Parteienkonflikt, oft fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetzt
Bernhard von Clairvaux | Zisterzienser-Abt, Kritiker höfischer Ritterschaft
Knut Görich | Mediävist, führender Barbarossa-Forscher
Heinrich der Löwe | Cousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und Bayern
Arnold von Lübeck | Chronist, einzige Quelle für den Kniefall (um 1210)
Lombardischer Städtebund | Bündnis norditalienischer Städte gegen Barbarossas Herrschaftsanspruch
Schlacht bei Legnano | Vernichtende Niederlage des Kaiserheeres 1176
Guelfen und Ghibellinen | Italienischer Parteienkonflikt, oft fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetzt
Bernhard von Clairvaux | Zisterzienser-Abt, Kritiker höfischer Ritterschaft
Knut Görich | Mediävist, führender Barbarossa-Forscher
Verwandte Folgen
- FG011 – Oh, wie schön ist Goslar: Erster Auftritt Barbarossas bei uns, samt Streit um die Bergstadt Goslar
- FG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut!: Mehr zu Bernard Gui und Innozenz III., für alle, die nach der Post-Erwähnung neugierig geworden sind
- FG025 – Sizilien | Herrschaft des Antichrist und FG026 – Sizilien | Das staufische Natterngeschlecht: Der tatsächliche Guelfen-Ghibellinen-Konflikt in Italien
- FG028 – Nibelungen | Das Kriemhild-Lied und FG029 – Nibelungen | Treu in den Untergang: Rüdiger von Bechelaren und die Frage, wann ein Kniefall verpflichtet
- FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist: Mehr zum Papstwahldekret und schismatischen Wahlen
Literatur (in der Folge genannt)
- Alice Hesselmeier: Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an den unteren und mittleren Klassen der Gelehrten- und Realschulen und verwandten Lehranstalten Württembergs, 1897
- Otto von St. Blasien: Chronik
- Arnold von Lübeck: Chronik (entstanden um 1210)
- Albert von Stade: Chronik
- Burchard von Ursberg: Chronik
- Das Nibelungenlied, 37. Aventiure
- Lambert von Ardres: Historia comitum Ghisnensium (Geschichte der Grafen von Guînes)
- Jean de Marmoutier: Historia Gaufredi ducis Normannorum et comitis Andegavorum (Geschichte Gottfrieds, Herzog der Normannen und Graf von Anjou)
- Bernhard von Clairvaux: De laude novae militiae (Lob der neuen Ritterschaft)
- Knut Görich: Jäger des Löwen oder Getriebener des Fürsten? Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, hg. v. Werner Hechberger und Florian Schuller, Regensburg 2009, S. 98–117; sowie Tagungsband 2024 zu Herrschaft und Nichtentscheiden bei Barbarossa
- Gerd Althoff: Spielregeln der Politik im Mittelalter, 1997
Weitere Folgen
FG071 - Siegfried Wagner und der Bayreuther Wahn
23.07.2026 82 min
Am heißesten Tag des Jahres geht es um zwei Männer und um zwei Dinge, die im Juli zusammenfallen: die Bayreuther Festspiele und das Ende des Pride Month. Wei...
FG070 – Ptolemaios und das Erbe Alexanders
18.06.2026 123 min
Wie wird man eigentlich König eines Reiches, mit dem man weder verwandt ist noch ursprünglich etwas zu tun hatte? Solveig nimmt uns mit zu Ptolemaios I., ein...
FG069 - Ödipus und der Wille der Götter
21.05.2026 90 min
Er tötete seinen Vater, heiratete seine Mutter und gab einem der bekanntesten psychoanalytischen Konzepte seinen Namen. In unserer Folge wird Ödipus vor alle...
Jetzt abonnieren
Reinhören auf
Apple Podcasts
Reinhören auf
Spotify
Reinhören auf
Deezer
Reinhören auf
Amazon Music
Reinhören auf
Audible
Reinhören auf
AntennaPod
Reinhören auf
ListenNotes
Reinhören auf
FYYD
Reinhören auf
TuneIn
Reinhören auf
PocketCasts
Reinhören auf
Podcast Addict
Reinhören auf
Podimo
Reinhören auf
RSS-Feed
Anschauen auf
YouTube
Folgen auf
Facebook
Folgen auf
Twitter/X
Folgen auf
Instagram
Folgen auf
Threads